Was hier so gemütlich und unschuldig vom Parkplatz rollt, ist eines der schärfsten Muscle-Cars der sechziger Jahre. Der Dodge Charger ist das typische Kind einer Ära, in der sportliche US-Autos vor allem eines haben mussten: Einen dicken V8 mit viel Hubraum und noch mehr PS. Nur so waren bei den damals populären Stock-Car Rennen Erfolge möglich. Und die brachten Image und damit Verkaufszahlen.
Das große Fastback-Coupé war Chryslers Antwort auf den sehr beliebten Ford Mustang, den Pionier der kleinen amerikanischen Sportflitzer, den sogenannten Pony-Cars.
1965 war der erste Messeauftritt des Dodge Charger, ein Jahr später begann der Verkauf. Unser 66er Charger mit dem starken Hemi-Motor wurde nur knapp 600 Mal gebaut und stammt aus dem Chrysler-Museum.
Sein langes Fließheck war in dieser Zeit der letzte Schrei. Und das imposante Leuchtenband im Las Vegas-Style entsprach genau dem amerikanischen Geschmack. Frei nach dem Motto: „The show must go on!“
Die Kriegsbemalung unseres Showmasters beweist: Dieser US-Boy ist ein Einzelstück. Der Lawman-Schriftzug stammt vom ehemaligen Eigentümer Al Eckstrand. Der Rechtsanwalt in Chrysler-Diensten ließ seine Rennautos stets mit den goldenen Lettern zieren. Doch dieser Charger wurde niemals bei Rennen eingesetzt.
Dabei hätte diese grimmige Frontpartie den Gegnern sicher Respekt abgenötigt.
Im Kühlergrill Marke „Elektrorasierer“ sind die Klappscheinwerfer versteckt und unter dieser Lufthutze viele viele Pferdestärken.
Der V8 mit fast genau sieben Litern Hubraum trägt den beinahe sagenumwobenen Titel 426 Hemi. Die Ziffern 4 – 2 – 6 geben den Hubraum in amerikanischen cubic-inches an, und Hemi steht für die hemsiphärisch ausgeformten Brennräume. In seinen besten Tagen schaffte der Kraftmeier 425 PS und beinahe 700 Newtonmeter Drehmoment – die von dem grazilen Dreispeichen-Lenkrad erst mal unter Kontrolle gehalten werden mussten.
Dazu passten die vier sportlichen Rundinstrumente. Die schiere Kraft des Big Block-V8 gab entweder ein Viergang-Schaltgetriebe oder eine Dreigang-Automatik an die hintere Starrachse weiter
Das serienmäßige Luxus-Interieur dieses Chargers steht im krassen Gegensatz zur effektheischenden Macho-Optik.
Die weissen Clubsesselchen mit Lederbezug, die soviel Seitenhalt bieten wie ein Stück Seife, wären bei einem Renneinsatz sicher als erste auf den Müll gewandert.
Mitte der sechziger Jahre war die große Zeit der Stock-Car Rennen. Die Fans pilgerten scharenweise in die großen Motorsport-Arenen, um ihren Helden zujubeln zu können.
Die V8-Coupés wurden mit Spezial-Vergasern und anderen Tricks bis zum gehtnichtmehr auffrisiert. 600 und mehr PS waren die Regel. Die Hatz der Boliden wurde mit dem wohl berühmtesten Spruch der Motorsport-Geschichte eingeläutet: „Gentleman, start your engines!“
Grimmig bollernd schoben sich die Chargers an den Start. Bei den Stock-Cars war Amerika unter sich. Die Konkurrenz hieß Ford oder GM. Wie auf jeder Main Street.
In den großen Nudeltöpfen, wie die ovalen Rennstrecken noch heute genannt werden, wurde schon damals perfekte Unterhaltung geboten. Nichts hielt die Zuschauer auf ihren Sitzen, wenn sich bei Topspeed spektakuläre Crashs ereigneten. Immer mittendrin: Die Dodge Chargers, die mit NASCAR-Legende Richard Petty unzählige Siege erringen konnten und die ihre Fans auch wegen des unnachahmlichen Motorsounds vergötterten. Ganz so brutal brüllt unser Museums-Charger nicht.
Doch in Zeiten politisch korrekter Flüster-Motoren macht der ungehobelt grollende V8-Baß des Fastback-Coupés Gänsehaut. Im Kurven-Labyrinth der Chrysler-Teststrecke wird schnell klar: Der Dodge Charger mag keine richtigen Kurven. Er wurde eben für Ovalrennen oder Beschleunigungsduelle auf der Viertelmeile konstruiert.
Und was man außerdem bald merkt: Der V8 ist ein Säufer, unter zwanzig Litern geht gar nichts. Einmal im gestreckten Galopp unterwegs, drückt einen die Kraft der Hemi-Maschine ordentlich ins dünne Polster. Das Wissen um den hohen, weil ideellen Wert des Einzelstücks, mahnt aber zur Vorsicht. Läppische Trommelbremsen und eine starre Hinterachse raten dem zuckenden Gasfuß: Kickdown bitte nur auf der Geraden.
Die böse Frontgestaltung muss seinerzeit für ein unschlagbares Überholprestige gesorgt haben. Vom Charger wurde zwischen 1966 und 78 knapp 730.000 Stück gebaut. Bei uns blieb das US-Coupé immer ein absoluter Außenseiter. Wer den V8 einmal live hämmern gehört hat, läuft Gefahr, nach diesem Sound süchtig zu werden.