Montag, 22.09.14 Schwarz, Robert, SID

Fußball WM 2022 : Theo Zwanziger rechnet mit Entzug für Katar

Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger geht davon aus, dass Katar die Gastgeberrolle der Weltmeisterschaft 2022 entzogen wird. Neben der Hitze und den damit verbundenen gesundheitlichen Bedenken sprechen jedoch noch mehr Gründe für einen Entzug.

WM 2022 doch nicht in Katar?

Theo Zwanziger hat die Diskussion um einen möglichen Entzug der WM 2022 für Katar erneut angeheizt. Der ehemalige DFB-Präsident geht nicht davon aus, dass die Weltmeisterschaft im Wüstenstaat stattfinden wird. Grund sind für das Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees die Gesundheitsrisiken wegen der Hitze für Spieler und Fans. In der Sport Bild Plus sagte Theo Zwanziger: "Die Mediziner sagen - und das habe ich im Protokoll festhalten lassen -, dass sie nicht verantworten können, dass im Sommer unter diesen Bedingungen eine WM stattfindet"

Die FIFA wollte Zwanzigers Äußerung nicht kommentieren. Ohnehin ist das Thema Hitze in Katar jedoch nicht neu. Schon in ihren Bewerbungsunterlagen haben die Verantwortlichen auf die Temperaturen bis zu 45 Grad im Sommer hingewiesen. Entgegnen wollen sie dieser Problematik mit klimatisierten Trainingsplätzen und Arenen, wie im Al-Sadd-Stadion in Doha. Dario Cadavid, Kühlungs-Experte im WM-Organisationskomitee 2022: „Die FIFA hatte die Gelegenheit ins Stadion zu kommen und sie haben festgestellt, dass es wirklich kalt ist. Das System lief damals schon und das war 2010.“

Zudem wurde im Sommer während der WM erstmals ein klimatisiertes Public Viewing angeboten. Hassan Al-Thawadi, Generalsekretär WM-Organisationskomitee Katar: „Die Fanzone ist der Grund für dieses Experiment der Kühltechnologie in offenen Bereichen - für die Fans. Heute können sie sehen wir haben einen offenen Bereich, ein offenes Dach, wo die Leute hinkommen und die Weltmeisterschaft 2014 feiern können.“ Zwar hatte FIFA-Boss Sepp Blatter die Vergabe an Katar zwischenzeitlich als Fehler bezeichnet, einen WM-Entzug hat er jedoch schon mehrfach ausgeschlossen. Vielmehr setzt er auf eine scheinbar einfache Lösung: „Wenn man im Sommer nicht spielen kann, muss man im Winter spielen“ Eine solche Verlegung hätte jedoch nachhaltige Auswirkungen auf den Spielbetrieb der europäischen Ligen.

O-Ton Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender Bayern München, sagt zu einer möglichen Verschiebung: „Es gibt einen Fußball-Kalender, den gibt es gefühlt so hundert Jahre. Im Sommer gibt es alle zwei Jahre ein Turnier namens Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft und anschließend dann eben die Bundesliga und im September fängt die Champions League oder die Europa League wieder an. Das alles würde ja wegen einer Weltmeisterschaft nachhaltig gestoppt.“

Ein WM-Entzug würde zudem die wirtschaftlichen Interessen vieler Länder, auch die von Deutschland, beeinflussen. Erst vor wenigen Tagen war der Emir von Katar mit höchsten Ehren von Angela Merkel empfangen worden. Wirklich neue Erkenntnisse zur WM in acht Jahren bringt wohl erst der eingereichte, aber noch nicht veröffentlichte Bericht des FIFA-Ethikkomitees um Chefermittler Michael Garcia. Darin wird Auskunft über mögliche Korruption im Rahmen der WM-Vergabe in 2010 gegeben. Hitze, Korruption und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Niemals zuvor wurde über ein WM-Ausrichterland schon Jahre vor dem ersten Spiel so heftig diskutiert wie über Katar.

Ausführliche Informationen: WM-Entzug für Katar?

Die Hoffnungen Katars auf die Gastgeberrolle bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 scheinen mehr denn je auf Sand gebaut zu sein. Sogar im Weltverband FIFA wachsen ganz offensichtlich die Zweifel, ob das Emirat am Persischen Golf bei der Vergabe 2010 die richtige Wahl gewesen war. "Persönlich glaube ich, dass die WM 2022 am Ende nicht in Katar stattfinden wird", sagte nun Theo Zwanziger, immerhin Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee, zu Sport Bild Plus. Der ehemalige DFB-Präsident sieht Gesundheitsrisiken wegen der Hitze für Spieler und Fans.

Die FIFA wollte die Äußerung des 69-Jährigen nicht kommentieren. "Wie von Herrn Zwanziger selbst hervorgehoben, ist es seine persönliche Meinung", hieß es vonseiten des Weltverbandes auf SID-Anfrage. Katars WM-OK-Chef Hassan Al-Thawadi strahlt trotzdem Optimismus aus. Auf die Frage der Tageszeitung Die Welt (Montagausgabe), ob er Angst habe, dass sein Land die WM verliert, äußerte er: "Nein, ich habe keine Angst. Erstens gibt überhaupt keine Basis dafür, die WM zu verlieren. Und zweitens ist es die erste Weltmeisterschaft im Mittleren Osten. Wenn Leute an die Region denken, dann eher an Konflikt. Die WM wird eine Plattform sein, die die Menschen zusammenbringt. Sie wird ein positives Vermächtnis hinterlassen. Ich bin sicher, dass die WM 2022 in Katar stattfindet."

Für Zwanziger sei es jedoch fahrlässig, die WM im Sommer 2022 auszutragen. "Die Mediziner sagen - und das habe ich im Protokoll festhalten lassen -, dass sie nicht verantworten können, dass im Sommer unter diesen Bedingungen eine WM stattfindet", betonte Zwanziger. Das sei zwar in den Stadien durch besondere Kühltechniken möglich, "aber die WM findet nicht nur in den Stadien statt. Es kommen Fans aus aller Welt, die sind in der Hitze unterwegs. Der erste lebensbedrohliche Vorfall würde sofort zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen führen. Das würde niemand im FIFA-Exko verantworten wollen", äußerte der Jurist aus Altendiez.

Eine Verlegung in den Winter wird unterdessen von den europäischen Ligen breitflächig abgelehnt. "Ich hätte Verständnis für eine WM im Winter, aber jede Veränderung des Datums würde nachhaltig für einen Schaden für die Bundesliga und alle anderen europäischen Ligen sorgen", hatte Bayern Münchens Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge unlängst gesagt.

Christian Seifert als Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) hatte Rummenigge beigepflichtet: "Der erste, der dafür verantwortlich ist, dass es möglichst wenig Kollateralschäden gibt, das ist die FIFA." FIFA-Präsident Joseph S. Blatter hatte dagegen zuletzt immer wieder den Katarern den Rücken gestärkt.

Das diktatorisch geführte Emirat steht wegen gravierender Verletzungen der Menschenrechte seit einigen Jahren in der Kritik. Zahlreiche ausländische Arbeitskräfte, vor allem aus Indien und Nepal, sollen wie Sklaven behandelt worden sein, Hunderte waren zu Tode gekommen. Zuletzt waren zwei britische Menschenrechtler festgenommen und erst auf internationalen Druck auf freien Fuß gesetzt worden.

Katars Scheich Tamim bin Hamad al-Thani räumte erst am Mittwoch vergangener Woche bei einem Staatsbesuch in Berlin auf einer Pressekonferenz mit Blick auf die Gastarbeiter ein: "Ja, es gab in Katar Fehler und Probleme." Sein Land arbeite aber "ernsthaft daran, dass sich die Situation verbessert".

Außerdem muss sich Katar immer noch mit Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe im Dezember 2010 auseinandersetzen. Der Untersuchungsbericht über die Vorgänge im Zusammenhang mit den WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar wurden von Chefermittler Michael J. Garcia vom FIFA-Ethik-Komitee inzwischen abgeschlossen. Nun ist der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert von der rechtsprechenden Kammer des Gremiums am Zug. Er will seine Arbeit Ende Oktober, Anfang November abschließen.

Offen ist auch die Frage, ob eine Verlegung der WM-Endrunde in den Winter 2022 aufgrund der Widerstände - vor allem vonseiten der Europäer - überhaupt möglich ist. Sollte die WM aufgrund der Sommerhitze von rund 50 Grad Celsius nicht im Juni/Juli ausgetragen werden, wären die Monate Januar/Februar sowie November/Dezember 2022 mögliche Alternativen. Mit einem Ergebnis ist allerdings nicht vor Februar 2015 zu rechnen.

  • Robert Schwarz

Bildergallerie
Mehr zum Thema auf www.motorload.de