Dienstag, 03.08.10 Wagner, Stefan

Testbericht 1er Cabrio : Test BMW 135i Cabrio: (Offen-)barung

BMW 135i Cabrio

Irgendwie war es ja klar: BMW gibt uns ein 135i Cabrio und wir fahren schnurstracks an der deutschlandweiten Hitzewelle vorbei, mitten hinein in den Münchner Dauerregen der letzten Wochen. Macht aber gar nichts, denn dieses Auto ist auch geschlossen hauptsächlich eines - das pure Vergnügen.

Ein Plädoyer für den Reihensechszylinder

"Danke BMW! Danke für diesen wundervollen Dreiliter Turbo-Reihensechszylinder!" So lautet einhellig der Tenor aller Redakteure nach einer Fahrt im 135er. Mit welcher Spontanität, Souveränität und Klanggewalt diese Ausnahme-Maschine jegliche zeitgenössisch geprägten Gedanken à la "ein kräftig aufgeladener Vierzylinder würde es doch auch tun" im Keim erstickt, ist phänomenal. Es ist ja bekannt, dass BMW beim Nachfolger des aktuellen 1ers hauptsächlich auf neue Downsizing-Vierzylinder setzten wird. In der Firmenzentrale am Münchner Olympiapark wäre man dennoch gut beraten, zumindest einen Sechszylinder aktuellen Kalibers im Programm zu behalten. Egal bei welcher Drehzahl man das Gaspedal bemüht, die 306 PS und 400 Nm Drehmoment schieben das immerhin fast 1.700 Kilo schwere Cabriolet in einer Vehemenz nach vorne, dass aus einem anfänglichen "Hi hi hi" schnell ein lustvoller Ur-Schrei entsteht, irgendwo zwischen baffem Erstaunen und purer Glückseligkeit. Das Schöne daran ist, man kann es immer wieder haben und es fühlt sich meist auch schneller an, als die angegeben 5,5 Sekunden auf 100. Selbst jenseits der 200 km/h-Marke lässt der Tritt ins Kreuz nicht nach, genauso wenig wie das Dauergrinsen. Nicht ganz unschuldig an der jederzeit allzu rapiden Gangart ist auch das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, mit dem wohl selbst Oma Hilde zur Rennfahrerin mutieren kann. Ultraschnelle und ruckfreie Gangwechsel auf Knopf-oder Schalthebeldruck wissen zu beeindrucken, leider fehlt ein wenig das Flair einer guten alten, manuellen Sechsgang-Box. Man muss halt nichts mehr können um jederzeit verflucht schnell zu sein, aber BMW bietet die Handschaltung für alle Nostalgiker ja nach wie vor an. Wir fuhren das offene Kraftpaket im Schnitt übrigens mit um die 12 bis 13 Liter, mit viel Stadtverkehr und dem Ablegen jeglicher Vernunft waren auch mal über 14 Liter drin. Genauso wie bei konstanten 120 bis 140 km/h auf der Autobahn selbst eine "8 mit nicht viel hinter dem Komma" problemlos zu erreichen war.

So soll er fahren, der Sportwagen

Sagen wir's wie es ist: Das Fahrverhalten des kleinen Cabrios passt sich der Klasse des Motors fast uneingeschränkt an. Trotz seiner anfänglich erwähnten circa 1.700 Kilo Lebendgewicht ist der offene Einser erstaunlich agil und leichtfüßig. Die Lenkung arbeitet herrlich direkt, gibt jederzeit genügend Rückmeldung und was uns besonders freut: In Zeiten, in denen sich sogar selbsternannte Sportwagen mit dem kleinen Finger lenken lassen, darf man beim 135er noch beherzt zupacken und ein wenig arbeiten, um ihn zielgenau in die Kurve zu schmeißen. Dazu noch ein vorzügliches Gripniveau mit Tendenz zum leichten Heck - so müssen sich Sportwagen anfühlen. Dass das 135i Cabrio dabei trotz aller Sportlichkeit und ziemlich niederquerschnittiger 18 Zoll-Mischbereifung auch noch durchaus kommod federt, ist ein attraktiver Bonus, gerade weil diverse leidgeplagte Redakteurs-Rücken frühere Einser Limousinen und Coupés noch in "bester" Erinnerung haben.

Sachlich, griffig, gut isoliert

Äußerst sportlich kam er allerdings schon aus der Testwagenhalle in Garching bei München dahergerollt, unser 135er. Serienmäßig mit M-Sportpaket samt M-Fahrwerk ausgestattet, ducken sich die serienmäßigen 18-Zöller so tief ins Radhaus, man könnte fast meinen er wäre vorher noch schnell beim Tuner vorbeigefahren. Der Lack in "Sedonarot" bleibt Geschmackssache, in schwarz, grau, silber oder weiß sieht er mit Sicherheit besser aus. Im sehr sachlichen Innenraum fällt zunächst auf, dass ein fest installierter Navibildschirm sehr zum optischen und haptischen Vorteil die klappbare Variante ersetzt hat. Das herrlich kleine Lenkrad liegt bestens in der Hand und auch die Bedienung über das anfänglich so harsch kritisierte iDrive funktioniert wie geschmiert. Die Ledersessel sind keine Schraubzwingen, bieten aber einen guten Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit. Hinterbänkler sitzen besser als gedacht, größer als 1,75 Meter sollten sie aber nicht sein. Der Kofferraum ist mit 260 bis 305 Litern Volumen eher schmächtig, aber in diesem Auto will man dann doch eher fahren als transportieren. Besonders schnell fahren ist - zumindest im geschlossenen Zustand - auch für Innengeräusch-Pedanten dank des gut isolierten Verdecks ein sorgloses Vergnügen und auch die fein abgestimmte Harman-Kardon-Audioanlage soll hier mal lobend erwähnt werden. Gar nicht gefallen haben uns die - beim Cabrio wohl unvermeidbare- eingeschränkte Sicht nach hinten und Knarzgeräusche aus dem Beifahrer-Fußraum. Für ein nahezu neues Auto dieser Preisklasse ein Unding.

Beim Preis hört der Spaß auf, aber...

Apropos Preisklasse: Bei aller berechtigten Lobhudelei kommen wir nun zu dem Punkt, bei dem sich die fast durchgehend positiven Erfahrungen mit dem 135i Cabrio doch ein wenig in Unverständnis verkehren. Schon der Grundpreis ist mit 44.850 Euro recht offensiv. Unser Testwagen, ausgestattet mit so ziemlich allem, was die Liste hergibt (Doppelkupplungsgetriebe, Leder, Navigationssystem Professional, Parktronic, Elektrische Sitzverstellung, Hamann-Kardon-Soundsystem etc.), kommt auf etwa 58.000 Euro. Da schluckt der geneigte Interessent dann doch erst mal -vor allem angesichts der Tatsache, dass er es trotz 4,36 Meter Länge grundsätzlich noch immer mit einem Kompaktwagen zu tun hat.

Unser Tipp: Wen das Geld nicht schert, der nimmt das Cabrio in Vollausstattung und genießt ein -vor allem im Sommer - fast unschlagbares Sorglos-Paket mit richtig Dampf an der Kette. Für alle, die einfach nur ein pures Auto mit messerscharfem Handling und einem genialen Motor suchen, empfiehlt sich ein Blick auf das 135i Coupé: Basisausstattung mit Sechsgang-Schaltbox wählen, jeglichen Ausstattungs-Schnickschnack links liegen lassen, knapp 15.000 Euro gegenüber unserem Testwagen sparen und mit 150 Kilo weniger Gewicht in jeder Kurve den eingangs beschriebenen Ur-Schrei noch ein bisschen inbrünstiger intonieren. In diesem Sinne: Yiiiieeehaaaaa!