Freitag, 30.12.11 Wagner, Stefan

Test Hyundai Veloster : Wertungsprüfung Hyundai Veloster: Schräger Biedermann

Hyundai kommt - und wie. Die Koreaner haben ihre Hausaufgaben gemacht, nun soll die Emotion Einzug halten. Am besten gleich mit dem schrägen kleinen Sportcoupé Veloster. Ob der ungewöhnlich gestylte Flitzer für Hyundai auch sportlich die Kohlen aus dem Feuer holt, klären wir in der Wertungsprüfung.

Warm-Up

Stylish, flippig und ein klein wenig crazy soll er sein, Hyundais neuer Coupé-Mischling für die urbane Mitzwanzigerschaft. Auch nach intensiver Auseinandersetzung mit der Veloster-Hülle bleibt jedoch eher der Eindruck einer mittleren Design-Katastrophe. Ob’s an den insgesamt drei Türen liegt, die sich auf Fahrer- und Beifahrerseite im Verhältnis 1:2 aufteilen? Oder an der etwas schrulligen Front, die nur durch das noch viel schrulligere Heck getoppt wird? Irgendwie ist das koreanische Trend-Produkt fast schon zu crazy und durchgestylt für den gewöhnlich eher unflippigen Mitteleuropäer. Aber sei’s drum, denn wem es außen zu bunt wird, der kann sich immer noch in den sachlich gezeichneten Innenraum verkrümeln, der in punkto Ergonomie und Bedienung wirklich keine Konkurrenz mehr zu scheuen braucht. Und da wir zwar gerne betrachten, aber noch lieber fahren, ist jetzt auch Schluss mit Design-Kritik. Ab auf die Piste mit dem sportlich angehauchten Fernost-Feger.

Längs

Für Vortrieb (wenn man es denn so nennen kann) sorgt im Veloster bisher lediglich ein 1,6-Liter-Sauger mit 140 PS und recht mageren 167 Nm Drehmoment. Und der Blick aufs Datenblatt lügt nicht: Etwas zäh und behäbig setzt sich Hyundais Imageträger in Bewegung, fordert, dem Naturell seines Motorkonzepts entsprechend, viel Schaltarbeit an der exakt und kurz geführten Sechsgangbox. Im unteren Drehzahlbereich ist absolut tote Hose, was gerade beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven zum ein- oder anderen Frustmoment führt. Die Schläfrigkeit des Direkteinspritzers schlägt sich auch in den Fahrleistungen nieder. Nach 9,9 Sekunden liegt Landstraßentempo an, danach immerhin wird es merklich besser. Zwischen 100 und 180 km/h macht der Veloster einen äußerst vernünftigen Eindruck, müht sich dann allerdings spürbar zu seiner Höchstgeschwindigkeit von glatten 200 Sachen. Zum wenig emotionalen Auftritt des Veloster-Aggregats passt auch die Soundkulisse, die die zwei mittig angeordneten Endrohre aufzubauen versuchen. Es bleibt beim Versuch, denn der Coupéling klingt in etwa so mannhaft wie ein Knabenchor, der in pinkfarbenen Radlerhosen ein Elton John-Medley intoniert.

Quer

Dass der Motor unterdurchschnittlich performt, macht den kleinen Koreaner keinesfalls zu einem schlechten Auto. Ganz im Gegenteil wäre hier Großes möglich, stünde ein anderes Aggregat zur Verfügung, denn beim Fahrwerk weiß der Querkopf durchaus zu gefallen. Er liegt satt auf der Straße, lenkt behende ein, vermittelt durch die Bank ein gutes Fahrgefühl und reichlich Fahrspaß. Frontantriebstypisches Untersteuern gehört freilich auch beim Veloster dazu, genauso wie die tendenziell zu leichtgängige Lenkung. Auf unserem Handlingkurs in Burgau bringt das dreitürige Coupé seine zugegeben nicht sonderlich ausgeprägte Kraft aber gut auf den Asphalt und gefällt durch die spät und harmonisch regelnde Elektronik. Dass sich der Soft-Sportler am Ende mit einer Zeit von 47,1 Sekunden ganz hinten einreiht, ist definitiv seinem müden Antrieb anzukreiden, nicht der fahrdynamischen Qualität.

Alltag

Im täglichen Umgang ist der Coupé-Zwerg dafür besonders weit vorne. Der Veloster profiliert sich als extrem angenehmer Begleiter für fast alle Lagen. Die schwindelerregende Aufholjagd, die die Koreaner in den letzten Jahren vollzogen haben, wird vor allem im Innenraum sichtbar. Das Cockpit gefällt sowohl qualitativ als auch ergonomisch, das Touchscreen-Navi ist eine Wucht und die Sportsitze passen wie angegossen. Mag die zweite Tür auf der Beifahrerseite stilistisch fragwürdig sein, praktisch ist sie allemal, erleichtert sie doch den Einstieg in die überraschend geräumige zweite Reihe. Auch der Kofferraum kann sich mit 320 bis 1.015 Litern für ein Coupé dieser Größe sehen lassen. Punktabzug gibt es für die erbärmliche Rundumsicht, die dem aufgepumpten Hinterteil und der hohen Gürtellinie des Veloster geschuldet ist. Das Geld für die optionale Rückfahrkamera (im Paket mit dem empfehlenswerten Navi) ist in diesem Fall also gut angelegt. Nichts zu bemängeln gibt es hingegen beim Thema Fahrkomfort. Die Hyundai-Flunder fährt komfortabel und rollt geschmeidig ab.

Geld

Nicht nur im Alltags-, auch im Geldkapitel müsste nach einhelliger Meinung die Stunde eines Hyundai schlagen und tatsächlich ist der Veloster mit einem Grundpreis von 21.990 Euro finanziell ganz gut im Rennen. Der günstige Schein trügt aber ein wenig, denn unser Testwagen "blue 1.6 GDI Premium" kostet mindestens 26.590 Euro. Legt man nochmals 1.780 Euro drauf, verdient sich der Veloster das Prädikat "Voll bis unters Dach". Dennoch: 28.370 Euro sind beileibe kein Pappenstiel für ein koreanisches Kompakt-Coupé. Auch der Testverbrauch wird den Veloster nicht nachhaltig berühmt machen. Hyundai verspricht für die bluedrive-Version mit Start-Stopp-Automatik 5,9 Liter im Mix. Davon sind die von uns ermittelten 9,3 Liter meilenweit entfernt und auch in Anbetracht der mageren Power des Einssechsers sind dessen Trinksitten etwas ungehobelt. In der Versicherungseinstufung kann sich der 4,22 Meter lange Korea-Knubbel hingegen wieder rehabilitieren und liegt in etwa auf dem Niveau der etwas potenteren deutschen Kleinwagen-Klasse um Audi A1 1.4 TFSI und co.

Wahre Werte

Hyundai hat sich als Hersteller auch in Europa mittlerweile mehr als etabliert. Auf die bestens gemeisterten Pflichtübungen der letzten Jahre soll nun mit Autos wie dem Veloster die sportliche Kür folgen, um der Marke den emotionalen Stempel aufzudrücken. Klar, das kleine Sportcoupé ist schrill, laut und bunt - richtig emotionalisierend ist es hingegen nicht. Dafür ist es zu brav abgestimmt, fahrdynamisch zu wenig wild und wohl auch beim Image noch einen Schritt hinterher. Die Richtung bei den Koreanern stimmt aber.

Unser Fazit

So farbig sein Auftritt, so vernünftig und solide sein Wesen. Der Hyundai Veloster überzeugt als unkomplizierter Spaßmacher für jeden Tag mit anständigem Fahrwerk, tollem Innenraum und sehr angenehmer Bedienung. Richtig sportlich ist er aber leider nicht. Dazu fehlt Biss in der Abstimmung und vor allen Dingen ein potenterer Motor. 2012 wird ein 1,6-Liter-Turbo-Aggregat mit 200 PS hier zum Glück Abhilfe schaffen. Der Veloster ist nichtsdestotrotz auch jetzt schon ein Farbklecks im grauen Auto-Einerlei und in der Lage, seinen Weg zu gehen. Die Zeiten, in denen man einen Koreaner mit voller Hütte zum Schnäppchenpreis ergattern konnte, sind aber definitiv vorbei.

  • Stefan Wagner

    Steff ist seit 2009 bei Motorvision, er ist für den Bereich Redaktion Online/ Print zuständig. Nach seinem BWL-Studium an der Universität Regensburg wusste der unheilbar Autoverrückte sofort: "Lasst mich mit Zahlen in Ruhe, ich will über edles Blech berichten." Wenn Steff nicht gerade über Autos schreibt, dann sitzt er meistens in einem drin und versucht es möglichst schnell über Pisten oder leere Landstraßen zu jagen. Ansonsten regt er sich viel und gerne über Politik oder seinen Lieblingsverein, die Münchner Löwen, auf.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Warm-Up
  2. Längs
  3. Quer
  4. Alltag
  5. Geld
  6. Wahre Werte
  7. Unser Fazit
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