Freitag, 01.04.11 Wagner, Stefan

Fiat Coupé 20V Turbo : Fiat Coupé 20V Turbo - Missachtete Helden Teil 5

Fiat Coupé 20V Turbo

Teil fünf unserer Serie ist ein Plädoyer für das Fiat Coupé 20V Turbo. Oftmals nur müde belächelt, steckt im eigenwillig designten Zweitürer weit mehr als man zunächst annehmen möchte. Bei seinem Erscheinen 1996 ist das Turbo-Coupé einer der weltweit schnellsten Serien-Fronttriebler, bis heute hält es den Titel "schnellster Serien-Fiat aller Zeiten".

Maranello fürs Volk

Als das Coupé Fiat (so die etwas ungewohnte offizielle Bezeichnung) Ende 1993 vorgestellt wird, soll es vor allem das sportliche Image der Marke aufpolieren und Fiats lange Coupé-Tradition weiterführen. Das sehr kantige und eigenwillige Design des Zweitürers mit seinen rasiermesserscharfen Sicken an den Flanken stammt von niemand Geringerem als Chris Bangle. Der später bei seinem BMW-Engagement so vielgescholtene Amerikaner ist von 1985 bis 1992 beim Fiat Centro Stile tätig und verpasst dem Coupé einen Look irgendwo zwischen "Volks-Ferrari" und "schräge Zukunftsmusik". Das Interieur-Design stammt von Pininfarina und erntet mit dem in Wagenfarbe lackierten Armaturenbrett ausschließlich positive Kritik. Auf der Antriebsseite müssen zum Marktstart zwei Motoren genügen. Die sportlichen Ansprüche soll dabei ein Zwei-Liter-Vierzylinder-Turbo mit 190 PS und 290 Nm aus dem Lancia Delta HF erfüllen. Richtig schwere Zeiten für die etablierten Abonnenten der linken Spur beginnen aber erst etwa zweieinhalb Jahre später. Dann nämlich - Mitte 1996 - feiert das Coupé 20V Turbo sein Debüt.

Der schnellste Fiat

Fiat setzt für sein sportliches Topmodell auf einen aufgeladenen Zwei-Liter-Fünfzylinder mit Vierventil-Technik, dessen Garrett-Abgasturbine mit maximal 1,2 bar Ladedruck agiert und so putzmuntere 220 PS bei 5.750 U/min und 310 Nm Drehmoment bei 2.500 U/min aus den Brennräumen quetscht. Im Gegensatz zu Turbomotoren älterer Prägung hat der Vierventiler schon in unteren Drehzahlbereichen Spaß an der Arbeit. So richtig in Rage kommt er dann ab etwa 3.000 Touren, von wo aus er mit lustvoller Vehemenz und aller Leichtigkeit bis hinauf in den roten Bereich rauscht. Laut Werksangabe beschleunigt er das immerhin 1.365 Kilo schwere Coupé in 6,5 Sekunden auf 100 km/h. Ein "Auto-Motor-und-Sport"-Test von Oktober 1997 sieht den Italo-Keil bei 6,2 Sekunden. In jedem Fall kommt die Fuhre beeindruckend brachial vom Fleck und sorgt bei teils wesentlich stärkeren Konkurrenten auch in Sachen Elastizität und Topspeed immer wieder für Erstaunen. Mit 250 km/h Endgeschwindigkeit gilt der 2+2-Sitzer anno 1996 als einer der schnellsten Serien-Fronttriebler der Welt, den Titel "schnellster Serien-Fiat aller Zeiten" hält er bis heute.

Ausgewogene Fahrdynamik

Um die Kraft trotz des Frontantriebs vernünftig auf die Straße zu bekommen, setzt Fiat auf eine Viscosperre. Ist die Fahrbahn trocken, funktioniert das auch ganz gut. Querrillen und schnelles Beschleunigen in den unteren Gängen erfordern dennoch eine starke Hand am Lenkrad. Tückisch verhält sich der Sportler selbst bei Nässe nie. Generell ist das Coupé sehr harmonisch und dabei eher untersteuernd ausgelegt, überzeugt bei aller Sportlichkeit mit einer großen Portion Restkomfort. Lediglich die Lenkung könnte etwas verbindlicher arbeiten und eine Spur direkter sein. Außerdem neigen die Bremsen zu einem fast schon extremen Verschleiß. Das Fünfganggetriebe macht seine Sache hingegen ordentlich und gibt keinen Anlass zu Kritik. Ab 1999 verbaut Fiat ein Sechsganggetriebe, welches jedoch die gleiche Übersetzung wie sein Vorgänger aufweist. Sprich: Die Vmax wird im fünften Gang erreicht, der sechste ist eher ein Schongang.

Mängel? Na klar!

Alles schön und gut also? Und das bei einem Italiener? Naja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Auch wenn die Fans des Fiat Coupé von einer grundsoliden und zuverlässigen Konstruktion sprechen, sind die Listen der Mängel und die verzweifelter Halter alles andere als kurz. Motor (vor allem gerissene Zahnriemen), Kupplung, Getriebe und immer wieder haarsträubende Fehler an der Elektrik, wie sie nur Fahrer italienischer Autos kennen (der Autor spricht aus leidvoller Erfahrung), gepaart mit Fiat-typischem Kundenumgang, enden oft mit dem Gang zum Anwalt und verhageln so manchem Coupé-Besitzer die Freude an diesem eigentlich so wunderbaren Gefährt. Wie immer bei relativ filigranen Hochleistungssportlern gilt aber auch hier: Wird mit dem Fahrzeug ordnungsgemäß umgegangen, lassen sich viele Scherereien vermeiden.

Hinter den Erwartungen

Vom Coupé Fiat werden von Ende 1993 bis Ende 2000 bei Pininfarina in Handarbeit knapp 73.000 Einheiten gefertigt. Damit bleibt es deutlich hinter den Erwartungen zurück. Laut diverser Medienberichte liegt das aber nicht am Auto selbst, sondern ist eher Fiats verfehlter Marketingstrategie über den kompletten Produktionszeitraum zuzuschreiben. Auch mehrere Facelifts und Sondermodelle wie die 1998 aufgelegte Limited Edition (man munkelt, Michael Schumacher erhielt damals LE Nr. 0001) oder der Turbo Plus mit hochwertigen Ausstattungsdetails wie Recaro-Sitzen können an der Situation nichts ändern. Dabei hat der kantige Turiner alle Anlagen und ist gerade als 20V Turbo mit einem Schnäppchenpreis von 49.600 Mark eigentlich für den Erfolg prädestiniert. Was bleibt, ist ein etwas verkanntes Auto mit fast schon avantgardistischem Design, hervorragenden Sportler-Genen und einem brachial anschiebenden Motor, das es verdient gehabt hätte, über seinen Exoten-Status hinauszukommen. Derzeit sind in Deutschland trotz einer sehr engagierten Fangemeinde nur noch etwa 1.100 bis 1.200 Fiat Coupé 20V Turbo unterwegs, Tendenz stark fallend. Wer sich für den italienischen Autobahn-Schreck interessiert, sollte sich also beeilen. Der Preis dürfte bei einer Kaufabsicht kein Hindernis sein - ein gut erhaltenes Turbo-Coupé gibt es für 5.000 bis 10.000 Euro.

Wir danken den Fiat Coupé Freunden Deutschland herzlich für die Bereitstellung der Bilder.

  • Stefan Wagner

    Steff ist seit 2009 bei Motorvision, er ist für den Bereich Redaktion Online/ Print zuständig. Nach seinem BWL-Studium an der Universität Regensburg wusste der unheilbar Autoverrückte sofort: "Lasst mich mit Zahlen in Ruhe, ich will über edles Blech berichten." Wenn Steff nicht gerade über Autos schreibt, dann sitzt er meistens in einem drin und versucht es möglichst schnell über Pisten oder leere Landstraßen zu jagen. Ansonsten regt er sich viel und gerne über Politik oder seinen Lieblingsverein, die Münchner Löwen, auf.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Maranello fürs Volk
  2. Der schnellste Fiat
  3. Ausgewogene Fahrdynamik
  4. Mängel? Na klar!
  5. Hinter den Erwartungen
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