Auf und Ab der DDR-Autoindustrie

Zerbrochene Träume: Die Fehler der DDR-Automobilindustrie

War der VW Golf in Wirklichkeit ein Kind der DDR? Zum Abschluss unserer Reihe zum 20ten Jahrestag der Wiedervereinigung fragen wir: „Was wäre wenn?“ Zwickau, Eisenach und Co. hatten deutlich mehr auf der Pfanne, als das Politbüro zur Produktion freigab. ( , 07.10.2010)

Die Autobestellung – eine Frage der Geduld

Das Elend der sozialistischen Planwirtschaft spiegelte sich in der DDR auch auf den Straßen wider. Bei einem Bestand von 3,4 Millionen Fahrzeugen kamen Ende der 80er Jahre auf 1.000 Einwohner kaum mehr als 200 Autos, in der Bundesrepublik waren es mehr als doppelt so viele. Auf einen neuen Trabi oder Wartburg musste man durchschnittlich 14 Jahre warten und konnte dann nur hoffen, dass das ausgelieferte Fahrzeug einwandfrei war. Theoretisch konnte man das Auto bei Mängeln zwar zurückgeben, doch das Risiko ging wahrscheinlich kaum jemand ein.

Trabant P601: Front
Auf einen neuen Trabi oder Wartburg musste man durchschnittlich 14 Jahre warten und konnte dann nur hoffen, dass das ausgelieferte Fahrzeug einwandfrei war.

Selbst West-Schrott ist besser als der Trabi

Die Menschen hatten gelernt, sich mit der Mangelwirtschaft zu arrangieren, sie griffen bei Pannen selbst zum Schraubenschlüssel und hamsterten Ersatzteile. Viele Autos waren notdürftig zusammengeflickt, das Durchschnittsalter lag bei mehr als 13 Jahren. Kein Wunder also, dass nach der Wiedervereinigung kaum jemand seine alte Gurke behielt, falls Geld für einen Neuwagen von VW, Opel und Co. da war. Selbst wenn mancher Neubürger bei windigen Autohändlern auf die Nase fiel, wollte doch niemand seinen Trabi zurück.

Wartburg 311 Limousine: Front
Ost-Autos wie der elegante Wartburg 311 waren in den 50er Jahren der damaligen Konkurrenz aus Westeuropa absolut ebenbürtig - sowohl technisch als auch in punkto Design.

Die Tankuhr als Technik-Highlight

Dass der Plaste-Bomber jahrzehntelang kaum weiterentwickelt wurde und man selbst die überfällige Einführung einer Tankuhr euphorisch im Fernsehen feierte, ist nicht die Schuld der Ingenieure. Der erste Trabant (P50) oder der elegante Wartburg 311 waren in den 50er Jahren schließlich der damaligen Konkurrenz aus Westeuropa absolut ebenbürtig. Wohnungsbau und Schwerindustrie hatten in der verplanten DDR-Wirtschaft aber Priorität, die Autoindustrie wurde stets stiefmütterlich behandelt und musste sogar andere Wirtschaftsbereiche mitfinanzieren.

Dacia 1300: Front
Osteuropäische Importautos wie der Dacia 1300 waren im Verhältnis sehr teuer und blieben deshalb Mangelware in der DDR. Photo by: tm-md/flickr

Importautos in überschaubaren Mengen

Eine Konkurrenz, die die Entwicklung sozusagen zwangsbeflügelt hätte, gab es nicht – Skoda, Dacia und Lada waren zwar begehrt, wurden aber nur in arg beschränkten Mengen in die DDR exportiert. Der Import von 10.000 VW Golf in den späten 70er Jahren blieb eine kurze Episode deutsch-deutscher Entspannung und konnte an der klaffenden Schere zwischen Angebot und Nachfrage auch nichts mehr ändern.

Trabant P610 Prototyp: Frontansicht
Der Trabant P610 Prototyp entstand 1973 in loser Zusammenarbeit mit Skoda, was an der Form des Autos deutlich zu erkennen ist.

Die Betonköpfe im Politbüro

Doch es gab eine Reihe von Prototypen, die die Kompetenz der Kraftfahrzeugindustrie bewiesen und wohl nur an zwei Dingen scheiterten: Am fehlenden Geld zur Umsetzung und an den Betonköpfen im Politbüro. Immer wieder kamen die Ingenieure mit neuen Ideen, immer wieder wurden sie letztlich abgelehnt. „Da sind Menschen dran zerbrochen“, sagt Klaus-Dieter Fiesinger, Leiter der Automobilen Welt Eisenach (AWE). Das Museum gewährt einen Einblick, was von Dixi über BMW, EMW, IFA und Wartburg in der Autostadt produziert wurde – und was nie in Serie ging.

Wartburg 355 Coupé: Heck
Dieses Wartburg 355 Coupé verfügt über einen Zweitaktmotor mit 55 PS und ist 142 km/h schnell. Ein weiterer Prototyp wird von einem Renault-Viertakter mit 1,4 Litern Hubraum und 74 PS angetrieben.

Die DDR als Fließheck-Vorreiter

Ein Auto fällt besonders ins Auge: Das knallig grüne Wartburg 355 Coupé. Das Schrägheck erinnert ebenso wie der Entwurf Trabant P 603 von 1966 an den ersten VW Golf. Dabei wurde das Wartburg-Coupé 1968 auf die Räder gestellt, sechs Jahre vor der Markteinführung des Golf. Erstmals im deutschen Automobilbau gab es ein Fließheck mit großer Hecktür. Durch seine glasfaserverstärke Polyester-Karosse war das Wartburg-Coupé nur 840 Kilo schwer, sein Zweitaktmotor mit 55 PS brachte das Auto auf 142 km/h. Dass der von Italiens Star-Designer Giorgio Giugiaro gezeichnete Golf eine Raubkopie ist, darf aber bezweifelt werden – schließlich hatte schon 1965 der Renault 16 die Kombination Schrägheck / große Heckklappe eingeführt und damit andere inspiriert. Doch im Design und auch bei der technischen Entwicklung blieb man hinter dem Eisernen Vorhang nicht stehen.

Wartburg 353 Tourist: Motor
„Dass der Zweitaktmotor fast bis zum Ende durchhalten musste, frustrierte die Ingenieure besonders“, weiß Klaus-Dieter Fiesinger von der Automobilen Welt Eisenach.

Frust-Faktor Zweitaktmotor

„Dass der Zweitaktmotor fast bis zum Ende durchhalten musste, frustrierte die Ingenieure besonders“, weiß Klaus-Dieter Fiesinger von der Automobilen Welt Eisenach. Erst kurz vor dem Ende der DDR erschienen Wartburg 1.3 und Trabant 1.1 mit Viertaktmotoren. Bei den Aggregaten handelte es sich um VW-Lizenzbauten. Dabei hatte es schon 1978 den Prototypen 610 M-1 gegeben, eine Gemeinschaftsentwicklung aus Zwickau und Eisenach. Das Auto hätte in verschiedenen Karosserieformen erscheinen sollen und wäre optisch auf der Höhe der Zeit gewesen. Ein modifizierter Viertakt-Benzinmotor des rumänischen Autobauers Dacia mit 1,3 Litern Hubraum und 54 PS war als Antrieb vorgesehen. Doch der 610 kam ebenso wenig über das Prototypen-Stadium hinaus wie ein in Eisenach entwickelter Viertakt-Benziner oder der Dreizylinder-Diesel, der 1984 im Trabi getestet wurde.

AWE: Klaus-Dieter Fiesinger
Klaus-Dieter Fiesinger ist der Leiter der Automobilen Welt Eisenach (AWE). Das Museum gewährt einen Einblick, was jemals in der Autostadt produziert wurde – und was nie in Serie ging.

„Erichs Lampenladen“ im VW Golf VI

Letztlich hatte die traditionsreiche Autoindustrie des Ostens im Plan-Wahn keine Chance, zum Westen aufzuschließen, konnte sich nach der Wiedervereinigung aber immerhin als Standort für viele Zulieferer und Fabriken von Opel, Porsche oder BMW durchsetzen. Wer einen VW Golf der sechsten Generation sein Eigen nennt, kann übrigens behaupten, dass er ein Stück DDR-Geschichte spazieren fährt: Teile des Motorblocks enthalten Stahl, der nach dem Abriss des „Palastes der Republik“ wiederverwertet wurde. So hatte „Erichs Lampenladen“ doch noch sein Gutes.

BEWERTE DIESEN ARTIKEL
rating_image rating_1 rating_2 rating_3 rating_4 rating_5
KOMMENTARE
Ähnliche Artikel

Die Autos der DDR Volkspolizei

Rechts ranfahren, Genosse! Die Autos der Volkspolizei in der DDR

Die DDR ist seit 20 Jahren passé. Aber was passiert, wenn vor dem Brandenburger Tor plötzlich wieder die Volkspolizei auftaucht? Ein Ausflug mit Lada, Wartburg, Blaulicht und dem Eishauch der Geschichte.

Hyper Hymer: Das schnellste Wohnmobil der Welt

Ein Reisemobil als Rennwagen: Der Hymer Car, ein Gemeinschaftsprojekt des bekannten Wohnmobilherstellers und des Tuners Goldschmitt, knackt locker die 200 km/h-Marke. Sein Debüt hat das Geschoss auf der CMT in Stuttgart gefeiert.

Melkus RS 2000 GTR

Melkus: Mit neuem Sponsor auf die Rennstrecke

Die wiederbelebte DDR-Sportwagenschmiede Melkus macht jetzt ernst. Mit dem RS 2000 GTR wollen die Dresdner an vergangene Rennsport-Triumphe anknüpfen.

20 Jahre Wiedervereinigung

Impressionen: die Straßen der DDR

Seit 20 Jahren sind die Deutschen wieder ein Volk. Zum Jubiläum werfen wir einen Blick zurück auf 41 Jahre Straßenverkehr in der DDR.

Melkus RS 1000

Der Sachsen-Ferrari: Melkus RS 1000

Im sozialistischen Einheitsstaat war jedes Auto ein begehrtes Produkt mit ellenlanger Wartezeit. Für einen Sportwagen blieb da beim besten Willen kein Platz – doch Heinz Melkus boxte seinen RS 1000 trotzdem durch.
Ähnliche Videos

20 Jahre Wiedervereinigung: 5. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Melkus: Dieser Name steht für den DDR-Rennsport. Motorvision stellt die Autos der ostdeutschen Rennsportpioniere - darunter auch den neuen RS2000 - vor.

20 Jahre Wiedervereinigung: 4. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Motorvision erzählt die Geschichte des Trabis, die ihn sogar auf die Rennstrecke geführt hat.

20 Jahre Wiedervereinigung: 1. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Das Museum "Zeitreise" in Radebeul: Zusammen mit DDR-Motorsportlegende Peter Melkus lässt Motorvision die Autogeschichte des Ostens wieder aufleben.

20 Jahre Wiedervereinigung: 2. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Automobilbau in der DDR - das ist mehr als nur der Trabi. Motorvision stellt die Marke Wartburg und den Melkus RS1000 vor.

20 Jahre Wiedervereinigung: 3. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Die Wartburg-Modelle der 50er Jahre: Motorvision stellt die Schönheiten aus Eisenach vor.

Der teuerste Schrottplatz der Welt

Sie brauchen ein Ersatzteil für Ihren Ferrari, Lamborghini oder Maserati? Dann schauen sie sich diesen Schrottplatz mal genauer an.
MOTORVISION MAGAZIN
MOTORVISION AUF FACEBOOK
AKTUELLES VIDEO
Dirt Showdown Launch Trailer
FACEBOOK EMPFEHLUNGEN
BILDERGALERIEN