Welcher Elfer ist schneller?

Turbo-Druck aus dem Drehzahlkeller oder Saugmotor-Power bei hohen Touren? Allrad- oder Heckantrieb? Komfortsportler oder kompromissloser Straßenrenner? Rennfahrer Patrick Simon jagt für uns Porsche 911 Turbo und GT3 über die Leipziger Teststrecke. ( , 01.01.2009)

Der Porsche-Platzhirsch 911 Turbo hat einen Nebenbuhler – und das aus dem eigenen Stall. Mit dem Kürzel GT3 fordert ein 3,6 Liter-Sauger mit Heckantrieb den Turbo heraus. Zwei Interpretationen einer Legende, nur welcher Elfer ist der Schnellere? Die Frage beantworten soll Patrick Simon: Architekt, Rennfahrer und Nordschleifen-Hacker.

Der Porsche 911 Turbo. Leistungsdaten: 3,6 Liter-Biturbo mit 480 PS. Maximales Drehmoment: 680 Newtonmeter, verteilt auf alle vier Reifen. Das reicht für eine Höchstgeschwindigkeit von 310 Km/h und eine Beschleunigung von 0 auf 200 km/h in 12,6 Sekunden. Einziger Wermutstropfen ist der hohe Preis. 140.000 Euro muss man mindestens berappen. Der Herausforderer Porsche 911 GT3 ist auf den ersten Blick deutlich schwächer auf der Brust. 415 PS und ein maximales Drehmoment von 405 Newtonmetern hat der GT3 zu bieten. Doch dahinter steckt auch ein ganz anderes Konzept: Leichtbau, Rennmotor und Heckantrieb. Der GT3 kostet 112.000 Euro in der Basis und wiegt knapp 200 Kilo weniger als der Turbo. Der Rennmotor dreht bis 8.500 U/min und gibt seine Kraft ausschließlich auf die Hinterachse ab.Wir schicken beide Fahrzeuge auf die Porsche-Teststrecke in Leipzig. 3,75 Kilometer feinster Asphalt, Formel 1-tauglich und gespickt mit weltbekannten Kurven wie dem Mobil S vom Hockenheimring oder der Bus-Stop-Schikane aus Spa-Francorchamps.

Beide im Hintergrund
Für DSF Motor vergleicht Rennfahrer Patrick Simon Porsche 911 GT3 und Porsche 911 Turbo

Der Turbo setzt die Richtzeit

Zuerst geht der Turbo auf die Piste – und packt gleich richtig beherzt zu: „Wenn es in die Kurven geht, muss man schon Acht geben, da durch den einsetzenden Turboboost das Fahrzeug den einen oder anderen Sprung machen kann“, zeigt sich selbst Profi Patrick Simon von der Power des Turbos beeindruckt. Auch am Kurvenausgang kann der Zuffenhausener recht zickig sein. Erreicht man knapp 2.000 Touren, stellt der Turbo sein maximales Drehmoment von 680 Nm sofort brutal zur Verfügung. Sind die elektronischen Fahrhilfen ausgeschaltet, erntet man bei eingelenkten Vorderrädern trotz des Allradantriebs einen kräftigen Heckschwenk. Und auch beim Verzögern ist Vorsicht geboten: „Beim Bremsen taucht er sehr stark in die Vorderachse ein und macht das Heck dementsprechend leicht“, schildert Patrick Simon seine Eindrücke. „Das ist sehr schwierig zu kontrollieren.“Geradeaus geht der Turbo aber umso brutaler zur Sache. Simon: „Wenn das Auto mal gerade steht, ist soviel Traktion da, dass es regelrecht über die Start- und Zielgerade feuert.“ Und so kann selbst ein Straßensportler wahre Begeisterungsstürme bei einem abgezockten Rennprofi entfachen: „Diese Leistung, dieser Schub in allen Lagen, ist so der Hammer!“, sagt Simon. „Da kann man sich fast das Schalten auf der Rennstrecke sparen.“

GT3 Frontansicht Standbild 2
Der Porsche 911 GT3 in der Frontansicht

GT3 – Auf der Rennstrecke zuhause

Der GT3 ist aus einem anderen Holz geschnitzt, besitzt einen ganz eigenen Charakter. Mit dem GT3 hat Porsche den Elfer für die Rennstrecke vorbereitet, mit vielen leichten Teilen das Gewicht optimiert und einen Motor eingepflanzt, der nach Drehzahlen giert. Das Fahrverhalten erfordert aber noch mehr Aufmerksamkeit als das des Turbos: „Man kommt richtig ins Arbeiten, das Auto ist viel agiler als der Turbo“, sagt unser Racer am Steuer. Beim Einlenken und in der ersten Beschleunigungsphase gibt es ein leichtes Untersteuern, das irgendwann in Übersteuern umschwenkt, sobald zuviel Leistung anliegt. „Als fortgeschrittener Pilot ist das kein Problem, aber für einen Fahranfänger macht es das sehr, sehr schwierig“, empfiehlt Patrick Simon den GT3 nur Könnern.In punkto Leistungsabgabe kann der GT3 naturgemäß nicht ganz mit dem Turbo mithalten. Mit 65 PS und vor allem 275 Newtonmetern Vorsprung sowie Allradantrieb steht Patrick mit dem aufgeladenen Elfer viel früher auf dem Gas, zieht der Kraftprotz dem Filigrantechniker davon. Doch beim Anbremsen und Einlenken – speziell auf Bodenwellen – holt der „kleine“ den „großen“ Bruder wieder ein. In der Soundwertung zieht er sogar vorbei. „Zwar hat das irgendwann ins Fauchen übergehende Turbosäuseln auch seinen Reiz, aber die Soundkulisse des GT3 ist einfach sensationell – pures Gänsehautfeeling!“

Turbo Vogelperspektive
Der Porsche 911 Turbo aus der Vogelperspektive

Fazit

Entsprechend eindeutig fällt Patrick Simons Votum aus: „Für mich hat der GT3 die Rennsportkrone auf“, sagt unser Experte. Zwar sind beide Zuffenhausener mit einer Rundenzeit von 1:04 Minuten in etwa gleich schnell auf der Leipziger Teststrecke unterwegs, aber wenn es auf eine richtige Rennstrecke mit Bodenwellen und schnellen Ecken geht, kommt der Turbo nicht mit: „Er kann sensationell beschleunigen, es gibt einen Riesenschub nach vorne, und der Allradantrieb ist im Winter perfekt“, sagt Simon. „Aber auf der Piste machen Heckantrieb und Drehzahlen dem Profi einfach mehr Spaß. Deswegen ist das Fazit ganz einfach: Mit dem Turbo zur Rennstrecke, mit dem GT3 auf der Rennstrecke.“

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