Stunde Null für den Rallye-Klassiker
Wer nur einen oberflächlichen Blick auf die Ergebnislisten wirft, könnte sich täuschen lassen. Obwohl es in drei der vier Kategorien Favoritensiege gab, stand die Dakar 2012, die nach dem Zieleinlauf sogar einige Veteranen als die „schlimmste ihres Lebens“ bezeichnet haben, im Zeichen des Umbruchs. Während es in der Motorrad-Wertung zum altbekannten KTM-Duell zwischen Vorjahressieger Marc Coma und Herausforderer Cyril Despres kam und die Quad-Kategorie fest in argentinischer Hand war, schlug bei den Autos nach dem Ausstieg des VW-Werksteams die Stunde Null. Während sich hier letztlich der Sieganwärter Nummer eins durchsetzte, fand bei den Lkws eine Revolution statt. Und schließlich gab es in fast allen Kategorien politische Scharmützel bis hin zu angeblichen Betrugsversuchen, die der 2012er Auflage noch mehr Würze verliehen haben.
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- Der Hummer H3 von Robby Gordons Speed Energy Team war das schnellste, nicht aber das zuverlässigste Auto. Zudem gab es Irritationen bezüglich dessen Legalität. Eine nachträgliche Disqualifikation ist deshalb nicht ausgeschlossen. Foto: ASO
Überlegt und überlegen
Starten wir die Analyse mit „Monsieur Dakar“, dem nunmehr zehnfachen Sieger Stéphane Peterhansel. Als Speerspitze der hessischen x-Raid-Mini-Armada angetreten, ging der Franzose in Ermangelung eines konkurrierenden Werksteams - die zuletzt übermächtige VW-Mannschaft konzentriert sich nunmehr auf ihr WRC-Engagement - als Topfavorit auf die südamerikanischen Pisten. Letztlich wurde Peterhansel seinem Status gerecht, auch wenn die Arbeit härter war, als es dem sechsfachen Motorrad- und vierfachen Auto-Champion lieb sein konnte. Am Ende war es die überlegte Fahrweise des Altmeisters, die den Ausschlag für den Gesamtsieg gegeben hat. Lediglich auf der drittletzten Etappe - ausgerechnet am Freitag, dem 13. -, geriet Peterhansels Triumph kurz in Gefahr, als er sich in einer Düne eingegraben und mehr als zehn Minuten verloren hat. Da sein Teamkollege Juan „Nani“ Roma jedoch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte und noch mehr Zeit verlor, konnte Peterhansel seinen Sieg entspannt vor seinem ehemaligen Mitsubishi-Weggefährten in den Zielort Lima tragen.
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- Was für Peterhansel gilt, gilt erst recht für Giniel de Villiers in seinem knackfrisch aufgebauten Toyota Hilux. Überlegt und zuverlässig ins Ziel, und das auf Gesamtrang drei - eine blitzsaubere Leistung für das Privatteam. Photocredit: (c) Marcelo Maragni/Red Bull Content Pool
Schnell und kontrovers
Das Hummer-Team des amerikanischen Motorsport-Tausendsassas Robby Gordon spielte im Gesamtklassement zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr. Der ehemalige NASCAR- und Indy Car-Held hat sein Waterloo schon zu Beginn der zweiten Dakar-Woche erlebt. Erst quittiert der Vorjahressieger und kurzfristig verpflichtete Teamkollege Nasser Al-Attiyah nach mehreren kleinen Unfällen und Keilriemenproblemen den Dienst, dann bekommt Gordon Ärger mit dem Reglement. Ein ominöser Schlauch, der zum Motor führt, wird dem nicht gerade als Ausgeburt der Fairness bekannten Amerikaner zum Verhängnis. Gordon behauptet, der Schlauch gehöre zum Reifendrucksystem, mit dem während der Fahrt vom Cockpit aus der Reifendruck geändert werden kann. Er argumentiert, dass man seit fünf Jahren damit unterwegs und das Auto im Vorfeld der Rallye problemlos abgenommen worden sei.Die Regelhüter halten den Schlauch jedoch für eine unerlaubte Frischluft-Versorgungsquelle für den Motor. Gordon wird disqualifiziert, legt gegen diese Entscheidung jedoch Protest ein und darf deshalb weiterfahren. Ins Hintertreffen gerät der Vollgas-Ami, der im mit fünf Etappensiegen für die Hummer-Truppe schnellsten, aber eben nicht gerade zuverlässigen Auto unterwegs war, jedoch auf der elften WP. Auf diesem Teilstück streikt der Hummer mehrfach wegen Antriebswellen und Kupplungsproblemen und verliert fast zwei Stunden. Letztlich reicht es für die Hummer-Truppe zu Gesamtrang fünf, der wegen des schwebenden Disqualifikationsverfahrens jedoch am seidenen Faden hängt.
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- Anders, als es das Bild suggeriert, ging Cyril Despres nicht baden und gewann die Dakar 2012. Er geriet nur kurz in die Bredouille. als er im Schlamm steckenblieb. Aber die Rennkomissare hatten ein Einsehen, was letztlich ein Meilenstein auf dem Weg zum Gesamtsieg war. Photocredit: (c) Marcelo Maragni/Red Bull Content Pool
Starker Toyota-Einstand von de Villiers
Die Offenbarung der diesjährigen Rallye Dakar war allerdings Giniel de Villiers. In Zusammenhang mit dem Fakt, dass der Südafrikaner ein ehemaliger Gesamtsieger (2009) ist, mag das eigenartig anmuten, aber nach seiner Neuorientierung nach dem VW-Ausstieg ist der dritte Gesamtrang eine wahre Sensation. Immerhin war er mit einem privat eingesetzten, kaum getesteten und bereits nach dem 2013er Reglement, das deutlich seriennäher ist als das derzeitige, aufgebauten Toyota Hilux unterwegs. Dann ein Podiumsplatz beim Ersteinsatz des Autos – de Villiers und sein deutscher Co-Pilot Dirk von Zitzewitz dürfen vollkommen berechtigt stolz auf sich sein. Gleiches gilt für Adam Malysz. Der ehemalige Weltklasse-Skispringer hat sich erstmals bei der Dakar versucht, wenig Fehler gemacht und seinen seriennahen Mitsubishi Pajero auf einem sehr beachtlichen Gesamtrang 38 ins Ziel gebracht.
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- Die Patronelli-Brüder Alejandro und Marcos Patronelli haben die Quad-Wertung nach Belieben beherrscht und einen ungefährdeten Doppelsieg eingefahren. Foto: ASO
Beinhartes KTM-Duell
In der Motorrad-Kategorie konnte den beiden Werks-KTMs keiner wirklich gefährlich werden. Bis zur vorletzten Etappe war es ein ständiges Hin und Her zwischen dem nun vierfachen Sieger Cyril Despres und seinem Teamgefährten Marc Coma. Zwischenzeitlich sieht Coma kurz wie der Sieger aus, denn der als erster in die Etappe gestartete Despres bleibt in einem Schlammloch stecken und verliert dort mehr als zehn Minuten. Coma sieht das Malheur seines KTM-Kollegen, fährt eine andere Route und gewinnt die Prüfung. Doch der Franzose legt erfolgreich Protest ein, argumentiert mit einem Wettbewerbsnachteil wegen seines Startplatzes, bekommt schließlich eine Zeitgutschrift und bleibt deshalb in Schlagdistanz. Der Spanier ist wenig erfreut, nimmt die Entscheidung jedoch sportlich und kämpft verbissen um seine Siegchance, bis er sich kurz vor Ultimo verfranzt und dann auch noch mit Getriebeproblemen zu kämpfen hat. Er verliert etwa zwölf Minuten, muss dann auch noch 45 Strafminuten wegen eines notwendig gewordenen Motorwechsels in Kauf nehmen und landet somit hinter seinem ewigen Rivalen auf Gesamtrang zwei. „Best of the Rest“ und Drittplatzierter ist einmal mehr der portugiesische Yamaha-Pilot Hélder Rodrigues, der als einziger in die KTM-Phalanx (nur Rodrigues schafft es als Nicht-KTM-Pilot unter die ersten Acht) einbrechen kann. Der junge Spanier Joan Barreda Bort sorgt beim Ersteinsatz der Husqvarna für einzelne Glanzlichter, kann aber seinen durch einen Sturz schon früh erlittenen Zeitverlust bis Rallyeende nicht mehr wettmachen. Zudem sind mit Lokalmatador Francisco „Chaleco“ Lopez aus Chile (Aprilia; technische Probleme) und dem schnellen US-Amerikaner Quinn Alexis Cody (Honda; schwerer Sturz) zwei Geheimfavoriten früh ausgeschieden.
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- In der Lkw-Wertung fand die totale Revolution statt. Nach einem Jahrzehnt der Kamaz-Regentschaft hat Gerard de Rooy 2012 zurückgeschlagen und in seinem Iveco-Hauber überlegen den Gesamtsieg geholt. Foto: Iveco
Patronelli-Patronat in der Quad-Wertung
Am wenigsten spannend war es in der Quad-Wertung. Hier haben sich die Argentinien-Festspiele der vergangenen Jahre fortgesetzt. Yamaha-Fahrer Alejandro Patronelli konnte sich diesmal vor seinem Bruder Marcos durchsetzen und die Rallye souverän vor Landsmann Tomas Maffei gewinnen. Das Spannendste an der Quad-Wertung war die Farce kurz vor Rallyestart, als einige Sportgeräte kurzfristig für illegal befunden wurden. Die Quads von einigen Mitfavoriten wie Josef Machacek, Christophe Declerck oder Rafal Sonik mussten außerhalb der Wertung mitfahren, da sie zu weit von ihren Serien-Pendants entfernt waren. So konnten die Patronellis mit einer an Langeweile grenzenden Souveränität ihren Doppelsieg nach Hause fahren.
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- In der Lkw-Wertung fand die totale Revolution statt. Nach einem Jahrzehnt der Kamaz-Regentschaft hat Gerard de Rooy 2012 zurückgeschlagen und in seinem Iveco-Hauber überlegen den Gesamtsieg geholt. Foto: Iveco
Revolution in der Truck-Wertung
Ähnliches gilt für Gerard de Rooy in der Truck-Wertung. Früh hat sich der Holländer in seinem Iveco in Führung gesetzt, diese Mitte der Rallye kontinuierlich ausgebaut und dabei von massiven Problemen der Konkurrenz profitiert. Trotz kleinerer Probleme zu Rallyeende hat es 25 Jahre nach dem Sieg seines Vaters Jan für den Holländer zum ersten Gesamtsieg gereicht. Abgeschirmt wurde de Rooy von seinen Teamkollegen Hans Stacey (zweiter Gesamtrang) und dem zweifachen Rallye-Weltmeister Massimo „Miki“ Biasion auf Platz sechs. Das erfolgsverwöhnte Kamaz-Team musste dagegen ein sportliches Desaster verkraften. Nach dem Umbruch in diesem Jahr – die bisherigen Platzhirsche, Rekordsieger Vladimir Tschagin und FirdausKabirov griffen nicht mehr ins Lenkrad – haben es die Russen diesmal mit einer neuen Fahrergeneration versucht. Diese war jedoch weder schnell noch konstant unterwegs, weshalb für Kamaz nur die Plätze drei bis fünf zu Buche stehen. Eine Schmach für die erfolgsverwöhnten Tataren, die immerhin bereits zehnmal den Gesamtsieger stellten und bislang alle in Südamerika ausgetragenen Dakar-Ausgaben für sich entscheiden konnten. Während MAN nur eine Nebenrolle spielte, hat Mitfavorit Ales Loprais für eine unfreiwillige Slapstick-Einlage gesorgt. Nach der sehr anstrengenden elften Wertungsprüfung ließ der Tscheche einen seiner Beifahrer ans Steuer, weil er sich zu müde fühlte. Doch prompt schlief der eigentliche Copilot am Steuer des Tatra ein und legte das gelbe Wüstenschiff spektakulär aufs Dach. Zum Glück kam die Besatzung mit leichten Verletzungen davon.
Wieder ein Todesopfer
Das gilt leider nicht für den Motorradfahrer Jorge Martinez Boero, der bereits auf der ersten Etappe der Dakar tödlich verunglückt ist. Der Argentinier stürzte kurz vor dem Etappenziel, erlitt einen Herzstillstand und verstarb trotz mehrfacher Wiederbelebungsversuche auf dem Weg ins Krankenhaus. Das wievielte Todesopfer der Argentinier in der Dakar-Geschichte ist, ist unklar, denn die Angaben schwanken zwischen 59 und 62. Fakt ist: Die Rallye ist gefährlich - wenn auch Walter Röhrl mit seiner Meinung, sie wäre „russisches Roulette“, arg übertreibt -, und jeder Teilnehmer weiß das. Was jedoch bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass der Todesfall in der weiteren alltäglichen Berichterstattung noch nicht einmal eine Randnotiz wert war. Mehr noch: Das allgegenwärtige Risiko macht sicher einen Großteil des Reizes aus, das Wagnis Dakar einzugehen. Allerdings sollten sich alle Beteiligen hinterfragen, ob sie nicht schon abgestumpft sind und durch ihre „The show must go on“-Attitüde die Gefahr zu sehr bagatellisieren. Denn jedes Todesopfer wirft einen langen Schatten auf die berühmteste Marathon-Rallye der Welt – mag sie sonst auch noch so spannend, spektakulär und unterhaltsam gewesen sein.

