Reanimation nach dem schleichenden Koma
Man kann es ihm wahrlich nicht vorwerfen, aber Sébastien Loebs Dominanz drohte, die Rallye-Weltmeisterschaft in ein schleichendes Koma zu schicken. Sieben WM-Titel stehen in Loebs Vita – einsamer Rekord und umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass der Franzose diese in Serie errungen hat. 62 Siege bei WM-Läufen – ebenfalls absolute Spitze. Natürlich ist diese Bilanz lange nicht der einzige Grund für die Reanimation der WRC, die der Motorsport-Weltverband FIA durch die nun durchgeführte Regel-Revolution versucht. Aber ein angenehmer Nebeneffekt ist es allemal, dass die Rallye-Elite am kommenden Wochenende bei der Schweden-Rallye mit einigen Fragezeichen in die ersten Wertungsprüfungen der 2011er Saison startet.
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- Die neuen WRC-Boliden sind nach dem Super2000-Reglement homologiert, treten also mit 1,6-Liter-Turbomotoren, abgespeckter Elektronik und simpleren Allradantrieben an.
Eine simplere Technik senkt die Kosten
Natürlich soll das neue technische Reglement in erster Linie Kosten sparen, zudem für mehr Chancengleichheit sorgen. Im Vergleich zu den nun abgelösten, nah am Limit gebauten WRC-Boliden sind die neuen Autos deutlich simpler gestrickt. Der größte Unterschied betrifft die Motoren: Auf Bestreben der Hersteller ersetzen neue 1,6-Liter-Turbomotoren - homologiert nach dem Super-2000-Konzept - die aufgeladenen und gut 300 PS starken Zweiliter-Motoren der Vorgängermodelle. Hintergrund: Die neuen Triebwerke sollen nicht nur deutlich sparsamer sein, sondern können auch in anderen Rennserien verwendet werden. So werden beispielsweise auch die neuen WM- Tourenwagen der WTCC nach dem S2000-Reglement aufgebaut sein und mit 1,6-Liter-Turbomotoren an den Start gehen. Eine abgespeckte Elektronik, viele Einheitsteile und für eine längere Lebensdauer ausgelegte Komponenten sollen die Budgets der Hersteller entlasten.
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- Mit dem Fiesta RS WRC kämpft Ford 2011 gegen die Citroen-Übermacht an. Gegenüber seinem S2000-Bruder, 2010 u.a. Sieger bei der Rallye Monte Carlo, hat er eine etwas ausgefeiltere Aerodynamik zu bieten.
Es kommt wieder mehr auf den Fahrer an
Die neuen WRC-Boliden unterscheiden sich dennoch von jenen S2000-Boliden, wie sie beispielsweise in der IRC-Serie, der 2. Liga des Rallyesports, antreten. Technisch sind die Autos weitgehend identisch, weshalb die neuen WRC-Modelle auch mit einem deutlich einfacher gestrickten Allradantrieb ausgerüstet sind. Es gibt kein Mittendifferential mehr, auch weitere elektronische Fahrhilfen sowie Lenkrad-Schaltwippen und die Launch-Control sind ab sofort verboten. Zudem ist die Elektronik nun weitgehend vereinheitlicht. Optisch unterscheiden sich die WRC-Autos von den S2000-Rennern durch ein anderes Aerodynamikpaket, das sich vor allem durch einen größeren Heckflügel auszeichnet.
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- In der IRC engagierte Hersteller - wie auch Skoda mit dem Fabia S2000- könnten ihre Boliden nach recht überschaubaren Anpassungsarbeiten auch in der WRC an den Start bringen.
Die WRC ködert neue Hersteller
Das neue technische Reglement ermutigt auch neue Hersteller, sich in der WRC zu engagieren. Mini stößt 2011 für einige Rallyes hinzu und wird ab dem nächsten Jahr die komplette Saison bestreiten. Zudem ist es nun relativ problemlos möglich, ein S2000-Auto zum WRC umzubauen. Fiat-Abarth, Peugeot, Proton oder Skoda, die alle bereits S2000-Autos für den Kundensport im Angebot haben, könnten ihre Boliden also nach recht überschaubaren Anpassungsarbeiten auch in der WRC an den Start bringen. Vorerst werden jedoch die etablierten Teams von Citroen und Ford die Rallye-WM beherrschen.
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- Citroen-Fahrer Sébastien Ogier gilt nicht nur wegen der Ähnlichkeiten bei Namen und Herkunft als Sébastien Loebs Stammhalter. Der Franzose hat bisher zwei WRC-Siege auf dem Konto. Photo: Citroën/McKlein/Red Bull Content Pool
Loebs Nachfolger im eigenen Team
Apropos beherrschen: Trotz aller Unwägbarkeiten, die das neue Reglement mit sich bringt, geht Sébastien Loeb als klarer Topfavorit in die neue Saison. Alles andere als Titel Nummer acht des Rallye-Weltherrschers wäre eine Riesen-Überraschung. Der größte Konkurrent scheint im eigenen Stall zu erwachsen: Teamkollege Sébastien Ogier gilt nicht nur wegen der Ähnlichkeiten bei Namen und Herkunft als Loebs Stammhalter. 2010, in seiner ersten kompletten WRC-Saison, hat der Junioren-Weltmeister von 2008 gleich zwei Rallye-Siege errungen. Einen ähnlichen Karrierestart hat einst auch Loeb hingelegt. Gut möglich also, dass der König das Zepter nahtlos an seinen französischen Kronprinzen weiterreicht.
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- Jari-Matti Latvala (l.) und Mikko Hirvonen bilden seit 2008 das Fahrer-Gespann im Ford-Werksteam. Die beiden Finnen sind sauschnell, aber auch zu unkonstant und deshalb noch titellos.
Ford-Team mit bekannten Größen
Naturgemäß tritt die britische Ford-Mannschaft auch 2011 an, das französische Reich zu erobern. Dabei soll das bewährte finnische Fahrer-Duo helfen: MikkoHirvonen geht in seine sechste Saison im Ford-Werksteam, Jari-Matti Latvala ist seit 2008 an Bord. Die fliegenden Finnen gelten als extrem schnell, aber auch zu unkonstant. Das trifft besonders auf Latvala zu, der in der Saisonvorbereitung seinen zweifelhaften Ruf einmal mehr bestätigt hat: Bei Testfahrten zerstörte der Finne den Fiesta RS WRC, weshalb der letzte geplante Härtetest, ein Start bei der nicht zur WM zählenden Arctic Lappland Rally in Finnland, ausfiel. Andererseits hat sich Latvala mit dem zweiten Gesamtrang 2010 endlich emanzipiert, während Hirvonen nur Platz sechs erreichte und somit eine enttäuschende Saison erlebte. Kann Latvala Konstanz in seine Leistungen bringen und/oder Hirvonen seine alte Form erreichen, ist mit den Ford-Jungs auf jeden Fall zu rechnen.
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- Drift-King Ken Block ist auch 2011 wieder in einem Ford-Werksauto unterwegs. Nach bekannter Tradition wird der Amerikaner wieder mehr für die Galerie als für die Ergebnislisten fahren.
Solberg, Block, Räikkönen und Co. – nicht mehr als Nebendarsteller
Wie üblich sind die anderen Teams und Fahrer nicht viel mehr als schmückendes Beiwerk. Am meisten darf man noch dem Ex-Weltmeister Petter Solberg zutrauen, der auch 2011 wieder mit einem privat eingesetzten Citroen an den Start geht. Beim Ford-Satellitenteam „M-Sport Stobart“ mit den Piloten Henning Solberg, Matthew Wilson und Mads Ostberg kann man zumindest mit gelegentlichen Highlights rechnen. Drift-King Ken Block wird wieder mehr für die Galerie als für die Ergebnislisten fahren. Ex-Formel 1-Pilot KimiRäikkönen sollte nach seiner Debütsaison diesmal regelmäßiger in die Punkte fahren. Für Mini greifen Ex-IRC-Champion Kris Meeke und der vor dem übermächtigen Sébastien Loeb aus dem Citroen-Team geflüchtete DaniSordo ins Lenkrad. Ford-Pilot Khalid Al-Qassimi hat sein WRC-Cockpit nur, weil er seinem Arbeitgeber zahlungskräftige Sponsoren verschafft hat.
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- Mini kehrt 2011 auf die große WRC-Bühne zurück. Mit Rauno Aaltonen unt Paddy Hopkirk haben die Briten einst mehrfach die Rallye Monte Carlo gewonnen. Dani Sordo und Kris Meeke (r.) sollen mittelfristig WM-Titel holen.
Schotter-Rallyes klar in der Überzahl
2011 stehen 13 WM-Rallyes auf dem Programm. Mit der Schweden-Rallye bildet die einzige Schnee-Veranstaltung den Saisonauftakt. Schotter-Rallyes sind wieder deutlich in der Überzahl; ganze acht Events finden auf losem Untergrund statt. Während das Saisonfinale in Wales sowohl Ashpalt- als auch Schotterprüfungen beinhaltet, gibt es mit der Deutschland- (18. bis 21. August), Frankreich- und Spanien-Rallye nur drei klassische Asphalt-Veranstaltungen.
Wer kann sich also Mitte November als neuer Rallye-König krönen lassen?
Wahrscheinlich Sébastien Loeb. Aber vielleicht auch nicht. Für eines
sind die Regeländerungen jedenfalls gut: So viel Spannung lag vor einer
neuen Rallye-Saison schon lange nicht mehr in der Luft.

