Original oder Fälschung? Mercedes CLS 350 vs. VW Passat CC

Gut drei Jahre konnte es sich der Mercedes CLS ohne Gegenwehr im Segment der viertürigen Coupés bequem machen. Damit ist jetzt Schluss, nun tritt VW mit dem Passat CC auf den Plan. Doch ist die Fälschung auf Anhieb besser als das Original? ( , 01.01.2009)

Es scheint die Gretchenfrage für Designer zu sein: Müssen Gegenstände in erster Linie funktionieren oder faszinieren? Zumindest sah sich Skodas Werbeabteilung dazu berufen, seine Protagonisten im aktuellen Superb-Spot über dieses Thema diskutieren zu lassen. Um das tschechische Flaggschiff soll es an dieser Stelle aber gar nicht gehen, sondern vielmehr um den Mutterkonzern Volkswagen sowie Mercedes-Benz. Bis vor nicht allzu langer Zeit strikte Verfechter des Funktionalitäts-Prinzips, versucht man sich in Wolfsburg (seit kurzem) und Stuttgart-Untertürkheim (schon seit gut drei Jahren) am Imagewandel. Mit der Aufnahme des Passat CC und des CLS in die Modellpaletten haben VW und Mercedes ihren Sinn für Ästhetik entdeckt und den für praktischen Nutzwert hinten angestellt. Doch kann der Niedersachse dem wesentlich teureren Schwaben das Wasser reichen? Zeit für einen Vergleich der Sechszylinder-Benziner Passat CC V6 4motion und CLS 350 CGI!

VW Passat CC - Innenraum
Das im Innenraum des Wolfsburgers verarbeitete Aluminium wirkt technisch-unterkühlt, dazu gibt es gegen Aufpreis Ledersitze

Vorbild und Nachahmer

Der VW vermag nicht zu verbergen, welches Auto sich seine Designer zum Vorbild genommen haben: Zu ähnlich die Silhouetten der Kontrahenten, als dass auf den ersten Blick große Unterschiede deutlich werden. Klar, beide sind – gerade von vorn – als typische Vertreter ihrer Marke zu erkennen, auch wenn der CC aus dieser Perspektive ebenfalls als klassischer Passat durchgehen könnte. Hier tritt der CLS – nicht zuletzt durch das jüngst erfolge Facelift, das ihm einen Kühlergrill mit zwei statt drei Querstreben gebracht hat – eigenständiger auf. Dass er das schönere Auto ist, lässt sich dagegen nicht behaupten. Beide sind schick, beide treten stilvoll auf, beide sind deswegen aber weit davon entfernt, Protzer auf vier Rädern zu sein. Für welchen das Herz schneller schlägt, hängt somit vom persönlichen Geschmack und nicht zuletzt auch von der Sym- oder Antipathie gegenüber der jeweiligen Marke ab.In den Innenräumen der Testwagen werden die Unterschiede schon deutlicher. Im VW sorgt großflächig verarbeitetes Aluminium für eine technisch-unterkühlte Atmosphäre, während der Mercedes mit opulentem Wurzelholz-Einsatz ein auf Anhieb sehr behagliches Ambiente schafft. Die Verarbeitung zeigt sich hier wie dort perfekt, wenn auch das mit Leder bezogene Armaturenbrett des CLS deutlich edler wirkt als das Kunststoff-Pendant des Passat CC. In punkto Platzangebot und Bediensicherheit setzt dagegen der Volkswagen die erste Duftmarke: Ellbogen und Knie aller maximal vier Passagiere (jawohl, trotz Außenlängen von 4,80 (VW) und 4,92 Meter (Mercedes) sind beide Konkurrenten als reine Viersitzer ausgelegt) heben stets genug Raum zur Entfaltung. In punkto Kopffreiheit setzt der Stuttgarter engere Grenzen. Auch beim Kofferraumvolumen setzt sich der VW leicht ab (532 zu 505 Liter). Zusätzlich lässt sich dessen Touchscreen-Bediensystem intuitiver handhaben als die zuweilen unübersichtliche Knöpfchenlandschaft des Mercedes. Denn unverständlicherweise hat das Comand-System mit zentralem Drehregler beim Facelift nicht Einzug in den CLS-Innenraum gehalten.

Mercedes CLS - Innenraum
Der Innenraum des Mercedes CLS schaffen Wurzelholz sowie Ledersitze und ein mit Leder bespanntes Armaturenbrett ein behagliches Ambiente

Dynamisch vs. komfortabel

Auf dem Datenblatt herrscht die typische Patt-Situation. Sechs Zylinder und Benzin-Direkteinspritzung bieten beide, auch bei den relevanten technischen Daten und beim Topspeed (jeweils abgeregelte 250 km/h) nehmen sie sich fast nichts. Trotzdem zeigen beide Autos unterschiedliche Charaktere. So bietet der VW nicht nur objektiv die besseren Sprintwerte (Null auf Hundert in 5,6 statt 6,7 Sekunden), sondern den auch subjektiv beherzter anpackenden Motor. Zudem wetzt der kompaktere und rund 100 Kilogramm leichtere VW agiler um die Ecken, aus denen er dank traktionsstarkem Allradantrieb auch souverän wieder heraus beschleunigt. Wer es noch dynamischer mag, muss nur die entsprechende Taste drücken, und die serienmäßigen adaptiven Dämpfer werden spürbar gestrafft. Überhaupt gibt es beim Thema „elektronische Fahrassistenzsysteme“ eine große Überraschung: Adaptives Fahrwerk, Spurhalte- oder Parkassistent, der das Auto fast von allein in die Lücke bugsiert? Bietet VW beim Passat CC neben einem Abstandsradar alles als Sonderausstattung an. Der CLS hält nur mit dem Abstandsradar entgegen. So ändern sich die Zeiten: Früher hat Mercedes meist als Erster mit solchen technischen Neuheiten geglänzt…Dafür beherrscht der konventionell gefederte Benz das souveräne Gleiten perfekt; kaum vorstellbar, dass es noch komfortabler gehen soll. Zum behaglichen Fahrgefühl trägt auch die so gut wie nicht vorhandene Geräuschkulisse bei: Der Motor gibt lediglich bei Drehzahlen nahe des roten Bereiches kernige Töne von sich, der Wind säuselt selbst bei mehr als 200 km/h nur dezent im Hintergrund. In der Fahrwerkseinstellung „Comfort“ zeigt zwar auch der Wolfsburger, dass er es auf die sanfte Tour kann, zur Perfektion des Kontrahenten fehlt aber noch ein kleines Stück. Auch die Arbeitsweise der Getriebe passt ins Bild: Das Sechsgang-DSG des VW reagiert etwas flotter und wechselt schneller die Fahrstufen, während der Siebengang-Wandler des Mercedes so behutsam zu Werke geht, dass Gangwechsel nur am Zucken der Drehzahlmessernadel spürbar sind.

VW Passat CC - Motor
Der Motor des VW Passat CC V6 4motion leistet 300 PS bei maximal 5.300/min

Viel Geld für die Extraportion Prestige

Deshalb zurück zur Ausgangsfrage: Ist die Fälschung besser als das Original? Nüchtern betrachtet gelingt es dem VW tatsächlich, sich auf Anhieb am Mercedes vorbeizuschieben. Er bietet etwas mehr Platz, verfügt über modernere Fahrassistenz-Systeme und präsentiert sich ein ganzes Eck sportlicher als der schwäbische Konkurrent. Dieser hat wiederum ein ganz dickes Komfort-Plus auf der Habenseite stehen – das aber einen viel tieferen Griff ins Portemonnaie verlangt. Bei 61.404 Euro geht´s hier erst los – eine Region, die der VW selbst in absoluter Vollausstattung nicht erreicht. Rational ist dieser Preisunterschied natürlich nicht erklärbar, doch hier geht es eben um einen Mercedes und dort um einen VOLKSwagen. Trotzdem: Gut 20.000 Euro Aufschlag sind ein zu großer Batzen für die Extraportion Prestige und das letzte Argument, das aus dem Mercedes den Verlierer dieses Vergleiches macht.

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