Sie hat nicht den Charme einer Ennstal-Classic und nicht das Panorama einer Silvretta. Doch bei ihrer dritten Auflage hat sich die Oldtimer-Rallye Hamburg–Berlin-Klassik mächtig gemausert. Eine automobile Reise durch den Norden Deutschlands. (Stefan Grundhoff, Jessica Fischer , 02.08.2010)
Entspannter Wettkampf
Die Teilnehmer lassen es bei der Hamburg-Berlin bekanntlich gerne etwas betulicher als auf anderen Veranstaltungen ihrer Art zugehen. Die Jagd nach Bestzeiten und Gleichmäßigkeitsergebnissen steht für viele allenfalls an zweiter oder dritter Stelle. Schmucke Oldies, nette Kontakte und eine über 600 Kilometer lange Strecke durch die seichten Landschaften zwischen der Elbmetropole Hamburg und Berlin stehen im Vordergrund. Man genießt, schaut, lässt die Blicke schweifen und kauft nebenbei noch ein paar frische Kirschen am Straßenrand.
Bunt gemischtes Teilnehmerfeld
Das Feld ist bunt gemischt, die Landschaften auch. Mit BMW 328 Mille Miglia Roadster, Opel Olympia Rekord Cabrio, DKW F800/3 oder Chrysler Newport geht es an drei Tagen von Hamburg über Lüneburg, durch Heidelandschaften und Wolfburg über die ehemals innerdeutsche Grenze nach Stendal, dann weiter über das schmucke Tangermünde nach Berlin. Neben den üblichen Retro-Klassikern sind Stars im Starterfeld der über 180 Teilnehmer Exoten wie der grandios sportliche Skoda 1100 OHC Spyder, das elegante VW Rometsch Beeskow Coupé von 1951 oder der erstmals zu bestaunende Seat Bocanegra aus dem spanischen Jahre 1976. Viele der Zuschauer am Straßenrand halten die giftgrüne Mischung aus einem Fiat 128 und einem Mini Cooper mit seinem kantigen Aussehen für ein automobiles Ufo aus den charismatischen 70er Jahren. Ehe Seat in den VW-Konzernbesitz überging, wurden jahrzehntelang Kleinfahrzeuge in Fiat-Lizenz produziert. Wer es besonders sportlich wollte, griff Mitte der 70er Jahre zu einem Bocanegra. Heute haben die Spanier ihre Sportversionen mit dem „schwarzen Mund“ wieder aufleben lassen. Der alte Bocanegra ist einer der Publikumslieblinge auf der Hamburg – Berlin.
Fahrbare Stilikonen
Deutlich eleganter präsentieren sich den Zuschauern am Straßenrand fahrbare Stilikonen wie der Alfa Romeo 6C 2500 SS Corsa von 1942, das seltene Porsche Beutler 696 Spezial Coupé oder die Evergreens Porsche 356, 911, Mercedes 300 SL Flügeltürer und Jaguar XK 140. In verschlafenen Ortschaften in der Heide oder im Niemandsland zwischen Wolfsburg und Tangermünde oder Potsdam scheint die Welt nicht selten stehen geblieben zu sein. Das Publikum am Straßenrand winkt überschwänglich, reicht Kuchen in die Oldtimer herein und versucht zumindest die Beifahrer zu einem Glas Sekt zu ermuntern. Für die Piloten, die bei gemäßigten Temperaturen und überwiegend gemächlicher Fahrt selten ins Schwitzen kommen, müssen es frisches Obst und ein bisschen Fachsimpelei zum Thema Auto tun.
Youngtimer immer beliebter
Noch immer bekommen viele bei einem Ford Thunderbird Cabriolet von 1963 große Augen, schwelgen in Erinnerungen an eine BMW Isetta oder bejubeln den klassischen Ford Mustang von 1964. Fester Bestandteil der größten Oldtimerrallye in Norddeutschland sind die Youngtimer. Ein sandfarbenen Ford Granada von 1976 oder ein kantig-kastiger Toyota Land Cruiser hätten noch vor wenigen Jahren kaum ernsthaft Applaus auf einer Oldtimer-Veranstaltungen ernten können. Doch mittlerweile liegen junge Oldies wie ein BMW 730 von 1978, ein Feuerwehr-Range-Rover oder ein Opel Ascona B Rallye voll im Trend. Selbst DDR-Relikte wie ein Lada 2106 der Staatspolizei oder eine Volvo-Präsidentenlimousine vom Typ 264 TE des Genossen Honecker sorgen längst für lachende Gesichter. Umso mehr, wenn daraus Promis winken, die ihre Automobilleidenschaft auf entspannt publikumsnahe Weise unter das Volk bringen. Jochen Mass, Bernd Schneider, Klaus Ludwig, Roland Asch, Daniel Ecker, Ellen Lohr, Ruth-Maria Kubitschek oder Opel-Lady Heidi Hetzer sorgen bei den Zuschauern für die Namen, die eine solche Veranstaltung braucht.
Die Zuschauer lieben alle Oldies
Viele der Zuschauer würden sich gerade aus den frühen Jahren der Automobilgeschichte etwas mehr Fahrzeuge wünschen. Doch die Wertungsklassen 1 und 2 bis 1939 bzw. 1955 sind auf der Hamburg – Berlin recht dünn besetzt. Da sieht es bei den jüngeren Modellen bis 1970 und bis 1990 deutlich breiter aus. Doch generell ist der Applaus der Zuschauer beim knallroten Mazda MX-5 von 1990 nicht kleiner als beim legendären Mercedes Typ SS von 1930 oder einem klassischen Bentley 4,5 Liter.
Norddeutsche Gemütlichkeit
Was der Rallye Hamburg – Berlin fehlt, sind abwechslungsreiche Landschaften. Hügelketten, entlang der Küstenlinie oder die Oldies mit engagiertem Tatendrang einfach die Berge hinaufscheuchen macht für viele den Charme einer solchen Veranstaltung aus. Was auf der Strecke zieht, sind in erster Linie die beiden Städte, zwischen denen sich das Rennen abspielt. Die Region dazwischen ist eben nicht eine der abwechslungsreichsten in Deutschland und über 600 Kilometer haben so auch für viele Teilnehmer ihre Längen. Diese werden immer wieder aufgefrischt von den kniffligen Wertungsprüfungen. Dabei glänzt die Veranstaltung damit, dass es etwas lässiger, aber kaum weniger ambitioniert als bei den Veranstaltungen wie Ennstal, Gaisberg, Silvretta oder Planai zugeht. Die norddeutsche Gemütlichkeit zieht sich durch die ganze Hamburg–Berlin-Veranstaltung; ein mächtiger Pluspunkt, der viele Teilnehmer sich bereits jetzt auf die nächste Veranstaltung 2011 freuen lässt. Hier heißt das Motto Ende Mai 2011: Zu Lande – zu Wasser – und in der Luft.