Nonsens statt Konsens: Motorvision-Redakteurin Jessica Fischer kommentiert die „Spritspar-Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler

Köhlers neuerliche Äußerungen zur Erhöhung des Spritpreises haben eine große Welle der Empörung losgetreten. Motorvision rückt zurecht, was Unwissenheit oder Haushaltspolitik der Öffentlichkeit zumutet. . (Jessica Fischer , 26.03.2010)

Blinder Aktionismus

​Schon bei seinem diesjährigen Auftritt bei der Verleihung des Gelben Engel wurde deutlich: Horst Köhler hat weder sinnvolle Vorschläge zur Umweltdebatte beizutragen noch schämt er sich, seine überholte und von der Mehrheit der Deutschen abgelehnte Meinung kundzutun. Mit der Aufforderung, doch einmal mehr Öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, zeigte er einen eklatanten Mangel an Realitätssinn.

Horst Köhler in Auto mit alternativem Antrieb
Horst Köhler inspiziert Fahrzeuge mit alternativen Antrieb

Das Volk – der Goldesel

Die Idee, die Umwelt durch erhöhte Spritpreise zu schonen, ist nahezu so alt wie der Umweltschutz selbst. Bereits 1998 forderten die Grünen im Vorfeld der Bundestagswahl fünf DM für den Liter Sprit. Zwölf Jahre später ist auch dem übernächsten Bundespräsidenten nichts Neues eingefallen. Dabei darf das Interesse der Volksvertreter an sinkenden Benzin-Verbrauchszahlen stark bezweifelt werden.

Mit der Neufassung des Energiesteuergesetzes stieg die Mineralölsteuer 2006 auf 65 Cent pro Liter Benzin, bei Diesel sind es 47 Cent pro Liter. Der Staat schlägt also fast die Hälfte des tatsächlichen Preises drauf. Hinzu kommt auch noch die Mehrwertsteuer. Die Spritpreise sind jetzt schon unverschämt. Eine weitere Erhöhung wäre die pure Abzocke der Bevölkerung.

Prasidentenkarosse
Dem Bundespräsidenten stehen verschiedene Luxuskarossen zur Verfügung. Unter anderem eine S-Klasse und ein Audi R8

Der Bundespräsident und das fremde Volk

Horst Köhler scheint sein Volk nicht zu kennen. Auch in Kreisen, in denen es gang und gäbe ist, mit dem Oberklasse-Dienstwagen in den Urlaub zu fahren, sind Klagen von Pendlern, die ihren Arbeitsweg bewältigen müssen, offensichtlich noch immer zu leise. Der Bundespräsident ruft die Bürger dazu auf, sparsame Autos zu fahren, während er zwischen Mercedes S-Klasse und Audi A8 wechselt. Dass er und seine Minister Wasser predigen und selbst Wein trinken, ist nur ein weiterer Beweis für die Kluft zwischen Politik und Realität.

Köhler auf dem Schiff
Der Bundespräsident unterwegs zu Wasser, zu Lande und in der Luft

Der falsche Ansatz

Laut einer Studie des UN-Weltklimarates IPCC kommt der Verkehr als CO2-Emittent weltweit erst an fünfter Stelle. Auf Platz eins der weltweiten Umweltsünder steht die Energieversorgung mit 25,9 Prozent. Auf den nächsten Plätzen folgen die Industrie mit 19,4 Prozent, die Forstwirtschaft mit 17,4 Prozent und die Landwirtschaft mit 13,5 Prozent. In Deutschland trägt der Verkehr 19,3 Prozent zum landesweiten CO2-Ausstoß bei. Davon entfallen aber laut ADAC nur 11,9 Prozent auf den PKW-Verkehr.

Aufgrund dieser Fakten bleibt es ein Rätsel, warum Umweltschutzmaßnahmen fast ausschließlich beim Autofahrer ansetzen. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland wirbt, werden dem Autofahrer sogenannte Umweltplaketten auferlegt. Der Gedanke drängt sich auf, dass es hier um eine Kosmetik der öffentlichen Haushalte und nicht um ökologische Aspekte geht. Der gemeine Steuerzahler soll sich aber mit derartigen Sachverhalten nicht belasten. Dieser soll stattdessen einen „sauberen“ Neuwagen kaufen, dessen Herstellung allein so viel CO2 emittiert, dass dieses auch mit einer grünen Plakette während einer durchschnittlichen KFZ-Lebensdauer nicht herauszufahren ist.

Was bringt die Spritpreiserhöhung wirklich bringt

Können die Deutschen angesichts der Anforderungen des Arbeitsmarktes und des modernen Lebensstils an Mobilität und Verfügbarkeit das Auto öfter stehenlassen? Die Stadtbevölkerung vielleicht. Obwohl auch eine verstärkte Nutzung des Öffentlichen Verkehrs sicherlich nicht für bezahlbarere Preise sorgen wird. Die Landbevölkerung hingegen hat keine Wahl. Aufgrund schlechter Verkehrsverbindungen sind sie darauf angewiesen weiterhin ihre PKWs zu nutzen. Sie wären die großen Verlierer dieser Aktion „Hoch die Spritpreise“. Dasselbe gilt für Pendler und Schichtarbeiter. Einen Lerneffekt hätte es vermutlich, Köhlers Staatskarosse nur zweimal am Tag zu festgesetzten Zeiten vor Schloss Bellevue halten zu lassen – für zwei Minuten und der Tanknadel im roten Bereich.

Diese schreiende Ungerechtigkeit ist mit den Grundsätzen der Demokratie nicht zu vereinbaren. Der Nutzen für die Umwelt wird kaum messbar sein. Der einzig messbare Effekt wird die finanzielle Erleichterung für den Staat sein.

Tipps für den Bundespräsidenten

  1. Industrie und der Energiewirtschaft zur weiteren Reduzierung des CO2-Ausstoßes zwingen
  2. Erneuerbare Energien (Wasser, Wind, Solar, Erdwärme) noch stärker vorantreiben – im gleichen Zug absoluter Stopp von Kohlekraftwerk-Neubauten, Abschaffung der Subventionen für Kohlekraftwerke
  3. Schärfere Auflagen für Autobauer, z.B. Gewichtsbegrenzung bei Fahrzeugen, verbrauchsärmere Motoren, moderne Antriebe
  4. Öffentliche Verkehrsmittel attraktiver machen -günstiger -bessere Anbindung auf dem Land
  5. LKWs runter von den Straßen; Transporte auf Schienenverkehr umlegen
  6. Abschaffung der Umweltplaketten, da sinnlos und ungerecht
  7. Ausstattung aller Busse des Öffentlichen Nahverkehrs mit alternativen Antrieben
  8. Aufruf zu fleischloser Ernährung: Kühe in Massentierhaltung produzieren zu viel Methan (Methan ist 21 Mal stärker als CO2)
  9. stärkere Zusammenarbeit mit anderen Nationen beim Umweltschutz; gemeinsame Maßnahmen
  10. Trennung von Umweltschutz und Steuereinnahmen

KOMMENTARE
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