Motorvision beim Michelin Reifenmarathon

222 Teilnehmer, mehr als 200 Stunden Fahrzeit und insgesamt rund 230.000 Kilometer: Der Michelin Reifenmarathon hat nicht nur die Pneus, sondern auch Autos, Fahrer und Organisatoren an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. ( , 01.01.2009)

Wie testet man am besten den Verschleiß von Autoreifen? Will man realistische Ergebnisse erzielen, natürlich mit ganz normalen Fahrern in ganz normalen Autos auf ganz normalen Straßen. Das Problem: Normalerweise dauert es sehr lange, bis verwertbare Ergebnisse vorliegen. Michelin ging die Sache nun anders an: Beim Reifenmarathon hat die deutsche Vertretung des französischen Herstellers seine eigenen Pneus mit denen der drei wichtigsten Premium-Konkurrenten (Continental, Bridgestone und Goodyear) verglichen. Der Modus: Im Rahmen eines Gleichmäßigkeits-Dauerlaufs sollen 222 Piloten in drei jeweils 72-stüdigen Etappen die verschiedenen Winterreifen an ihre Grenzen bringen. Motorvision war mittendrin im Spannungsfeld zwischen Ehrgeiz, Freundschaft, Müdigkeit und Fahrvergnügen.

Reifenmarathon - Zielflagge 2
Ein Gewinnerteam beim Zieleinlauf

Test auf Herz und Nieren – mit strengen Regeln

Natürlich ließ sich Michelins Vorhaben nicht auf öffentlichen Straßen umsetzen. Deshalb war für Veranstalter, Teilnehmer und Journalisten ein Trip in den hohen Norden zum ATP-Testgelände in Papenburg angesagt. Dort, wo sonst vor allem Erlkönige und Prototypen von ihren Herstellern auf Herz und Nieren getestet werden, stehen diesmal also Reifen auf dem Prüfstand. In Papenburg finden sich ideale Bedingungen für diesen Zweck: Die insgesamt 24 Kilometer lange Teststrecke bietet nicht nur ein Hochgeschwindigkeitsoval samt Steilkurven sowie Fahrbahnbeläge aller Art, sondern auch einen Landstraßenkurs. Als Testwagen dienen Modelle des deutschen Bestsellers schlechthin: Volkswagen hat für das Vorhaben zwölf identische Golf 1.4 TSI in der 140 PS-Variante zur Verfügung gestellt. Realistischer könnten die Testbedingungen also kaum sein.Los geht es an einem Sonntagvormittag. Wie bei einer Rallye starten die einzelnen Teilnehmer zeitversetzt in das Abenteuer. Doch beim Reifenmarathon geht es keineswegs um Höchstgeschwindigkeiten oder die schnellsten Zeiten. Um gleiche Bedingungen für jeden zu gewährleisten, werden die Tests als Gleichmäßigkeitswettbewerb gefahren. Streng per GPS und modernster Messtechnik überwacht, müssen die Teilnehmer vorgegebene Durchschnittstempi möglichst exakt einhalten. Dieses liegt auf der Landstraße zwischen 90 und 100 km/h, was in mancher Kurve einer ordentlichen Herausforderung gleichkommt. In engeren Kehren gelten langsamere Geschwindigkeiten. Hier liegen die Schwierigkeiten der Übung: Erstens muss der Golf schon am ersten Messpunkt möglichst genauso schnell sein wie vorgeben – den richtigen Bremspunkt zu erwischen ist anfangs nicht einfach. Zweitens: Da ein längerer Abschnitt mit Messstellen überwacht wird und diese nicht immer zu sehen sind, braucht es einen ruhigen Gasfuß, sonst hagelt es Strafpunkte. Entspannter fährt es sich da auf dem Oval, denn hier gilt nur eine Regel: Die Geschwindigkeit muss stets zwischen 170 und 180 km/h liegen.

Reifenmarathon - Vor dem Start
Beim Michelin Reifenmarathon waren erstaunlich viele Frauen am Start

Teamarbeit beim Reifenmarathon

Es dauert eine Weile, bis man am Steuer die nötige Routine für die sehr speziellen Übungen entwickelt hat. Viel kommt auf den Beifahrer an, der immer mit an Bord des Golf TSI ist. Zwar muss der Copilot nicht wie im Rallye-Cockpit den Streckenverlauf ansagen, aber den Fahrer möglichst genau über die Geschwindigkeiten auf dem Laufenden halten. Denn schnell zeigt sich das nächste Problem: Der ungenaue Tacho. Je schneller die Geschwindigkeit ist, umso weiter geht die Schere zwischen tatsächlichem und angezeigtem Tempo auf. Damit sich der Pilot auf die Strecke konzentrieren kann, muss der Beifahrer die GPS-Anzeige im Auge behalten. So wird der Reifenmarathon zur Teamarbeit.Wahrer Teamgeist zeigt sich auch, wenn die Nacht heran bricht und die eigene Müdigkeit den Fahrspaß gegen Null sinken lässt. Jetzt wird Autofahren zur harten Arbeit, und so mancher Teilnehmer fängt an, seine Zusage infrage zu stellen. Obwohl eine Mannschaft aus sechs Mitgliedern besteht und nach zwei Stunden die Besatzung wechselt, verbringt ein Telnehmer locker zwölf Stunden des Tages an Bord des Wolfsburgers. Trotz der exzellenten Golf-Sitze spürt man irgendwann jeden einzelnen Knochen. Wie gut, dass Michelin für Entspannung sorgt: Für das kleine Nickerchen zwischendurch stehen Feldbetten bereit, wer eine längere Pause hat, lässt sich vom Bus-Shuttle zu die eigens angemieteten Wohnmobilen chauffieren. Wer sich anders ablenken möchte, kann dies in der Box tun – hier stehen TV, Internet und eine Carrera-Bahn zur Entspannung bereit.

Reifenmarathon - Verschleissmessung
Die Profiltiefenmessung hat der Spezialist procontour mit Hilfe modernster Laser-Triangulationstechnik vorgenommen

Ehrgeiz und Fairplay

Als es nach 72 Stunden auf das Ende der ersten Etappe zugeht, treten die Strapazen in den Hintergrund, und der Ehrgeiz übernimmt wieder die Führungsrolle. Wer das besser platzierte Team noch einfangen kann, versucht das auch. Und wer seine Position verteidigen möchte, geht noch einmal besonders konzentriert zu Werke. Nur für die beiden ersten Teams gilt das nicht: Die Mannschaften „Sixpack“ aus Hünxe in Westfalen und „Scuderia Baden“ aus der Nähe von Karlsruhe liegen schon früh so dicht beieinander, dass sie sich in der letzten Nacht auf ein „Gentlemen´s Agreement“ einigen: „Wenn wir weniger als 50 Punkte Differenz erzielen, teilen wir uns die Prämie“, sagt Jürgen Freistühler vom Team Sixpack. Diese liegt bei 10.000 Euro. Und so kommt es dann auch: Nach rund 7.000 Kilometern in drei Tagen und zwei Nächten liegen die beiden Teams nur ganze zwei Strafpunkte auseinander. Das entspricht einer einmaligen Geschwindigkeitsabweichung von nur einem km/h – angesichts einer Gesamtpunktzahl von rund 1.800 Punkten eigentlich wahrlich nicht der Rede wert!Ganz so eng geht es bei den anderen Etappen nicht zu. Zwar liegen auch im zweiten Abschnitt alle Teams recht dicht beieinander, doch am Ende findet sich mit der Mannschaft „Joksch / Öcher Junge“ ein verdienter Sieger. Die Champions der dritten Etappe sind die zusammen gestarteten Dreierteams „Die Rennkrebse“ und „Scuderia Gedern“.Und auch Michelin darf sich als Sieger fühlen: Die Gesellschaft für Technische Überwachung GTÜ hat den Reifenmarathon als unabhängige Prüfinstanz begleitet und den Reifenverschleiß dokumentiert. Dabei hat sich der Michelin Primacy Alpin PA3-Winterreifen als langlebigster und am gleichmäßigsten verschleißender Pneu erwiesen. Der zweitbeste Reifen (Continental ContiWinterContact TS 810) erreicht eine rund 13 Prozent geringere Laufleistung, der Bridgestone Blizzak LM-25 hält um 29 Prozent kürzer. Den vierten und letzten Platz belegt der Goodyear Ultragrip 7; der amerikanische Winterreifen hinkt 38 Prozent hinterher.Von technischer und sportlicher Seite war der Reifenmarathon also ein voller Erfolg. Kein Wunder, dass Michelin für das Frühjahr 2009 bereits die nächste Auflage plant – dann mit Sommerreifen.

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