Sommer, Sonne, Superlaune – da steigt die Lust aufs Motorradfahren ins Unermessliche, wenn man sich - wie ich - nach fünf Jahren Abstinenz nicht mehr traut, auf den Bock zu steigen und loszufahren. Ja ja, ein Mädchen, klar, Feigling, logisch! Ein Mann würde das wahrscheinlich auch nicht so einfach zugeben, sich ruckzuck in den Sattel schwingen und - zwar mit mulmigem Gefühl in der Magengegend, dafür aber mit stolz geschwellter Brust - auf und davon brausen. Ich dachte mir dann doch, ein Wiedereinsteigertraining könnte nicht schaden, bevor ich mir und den anderen Verkehrsteilnehmern einen Ausflug in die große weite Welt der Landstraßen zumute. Gesagt, getan.
Internetseiten gewälzt und auf Interessantes gestoßen: Vom ADAC gibt es das Angebot „Fun and Safety“ – klingt ja schon mal viel versprechend. An einem Tag sollen Leute wie ich wieder herangeführt werden an die Zweiräder. Diese sowie die komplette Sicherheitsausrüstung werden von Honda gestellt. Sehr gut für mich, die ich vor fünf Jahren das letzte Mal auf einem Motorrad saß und somit auch weder Maschine in der Garage noch Schutzkleidung im Schrank habe. 99 Euro sind auch noch erschwinglich – also nichts wie los!Frühmorgens mache ich mich mit einer Kollegin auf den Weg nach Regensburg. Dort soll ich „Unsicherheiten abbauen und Vertrauen in mich und die Maschine gewinnen“. Auch der Umgang mit modernen Motorrädern mit ABS steht auf dem Programm. Na, ich bin gespannt!Nach einer knappen Stunde Theorie (zu den Themen Blickführung, Grundlagen der Zweiradphysik, Verhalten beim Training, eigene Motivation und Erwartungen, Ablauf des Trainings) dürfen wir endlich raus, ab in die Kabinen – umziehen und auf zu den Maschinen. Honda stellt eine ganze Batterie an CBF 600ern, eine 500er und eine 1000er zur Verfügung. Ich beschließe - als einziges Mädchen - klein anzufangen und widme mich der 500er. Ein bisschen warm fahren im Kreis. Schön, sich langsam herantasten.Die ersten Übungen unterstützen dabei noch. Anfahren ohne Gas geben. Gar nicht so einfach dabei die Spur zu halten, wenn man vor lauter „Ui, ich sitz auf einem Moped nach unten Geschaue“ ins Schlingern gerät. Doch nach den ersten Versuchen klappt dann auch die langsame Geradeausfahrt ganz gut, und so kann es weitergehen zu den Bremsübungen. Auf trockenem Belag bei 30 km/h sollte man sich bis auf 50 km/h steigern und den Druckpunkt der eigenen Bremse ertasten und dosiert einsetzen – einzeln, vorne wie hinten mal kurz kontrolliert blockieren.Das war dann schon mal der erste "Aha"-Effekt, denn so was macht man schließlich nicht, zumindest nicht absichtlich und niemals vorn! Noch dazu ist hierbei „multi tasking“ gefragt. Und in diesem Fall ist das, ich gebe es nur ungern zu, auch für eine Frau nicht ganz leicht. All das gilt es zu automatisieren und unter einen Hut zu bringen: 1. Beine zusammen und Gewicht auf den Tank verlagern, NICHT auf den Lenker. 2. Blick immer nach oben!!! NICHT auf das Hindernis oder die Straße gerichtet. 3. Dosiert bremsen. Ja, das kommt gar nicht mal so schnell automatisch.
Dreck auf der Fahrbahn – kein Problem!
Im Laufe der Übung steigerte Trainer Stefan dann noch die Nervosität, indem er anfing, Sand und Schmutz auf der Fahrbahn zu verteilen. ANGST! Das geht doch nicht gut. Weit gefehlt. Dank ABS ist eine solche Situation fast kein Problem mehr – sofern so etwas nicht mitten in der Kurve in Schräglage auftritt.Apropos Schräglage. Da war ja noch was. Ah ja, der Lenkimpuls. Lenkimpuls? Klar, äh, in der Fahrschule schon mal gehört. Doch was ist das wirklich?Anstatt umständlich zu erklären, lässt unser Trainer es uns einfach praktisch erfahren. Slalom bei knapp 50 km/h. Schöööööööööööööööön, endlich mal wieder drücken, schieben, Spaß haben. Und damit hatte sich der gute alte Lenkimpuls dann doch tatsächlich von selbst erklärt! Für Theoretiker und solche, die es werden wollen: Ein Motorrad beginnt sich bei etwa ab 25 km/h dynamisch zu stabilisieren - bedingt durch die Kreiselkraft der drehenden Räder. Das bedeutet: Wenn der Fahrer beispielsweise bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h abspringen würde, so würde das Motorrad zunächst völlig unbeirrt alleine weiterfahren, bis es schließlich zu langsam wäre und ihm sein labiles Gleichgewicht zum Verhängnis werden würde.In der Praxis des Motorradfahrens macht sich die Kreiselkraft dadurch bemerkbar, dass sie bei einer Lenkbewegung nach rechts das Rad und somit das Motorrad nach links kippt und umgekehrt. Das bedeutet: umgekehrtes Lenkverhalten. LINKS fahren = LINKS am Lenker drücken. RECHTS fahren = RECHTS drücken. Alles klar jetzt, oder?Doch Slalomfahren und Ausweichen sind ja nicht unbedingt Alltagssituationen. Dazu zählt schon eher die Kurvenfahrt.Und bei der gibt es schließlich auch so einiges zu beachten. Blickrichtung: Zum Kurvenausgang. Ja, aber solange man diesen nicht sieht kennt, kennt man auch die Kurve nicht. Ergo: Vorsichtig und mit Bedacht in die Kurve. Sobald die Unklarheiten in Sachen Kurvenführung, eventuell auftretenden Hindernissen etc. geklärt sind, kann man sich mit angepasster Geschwindigkeit beherzt in die Schräglage werfen. Ein herrliches Gefühl! Das Wichtigste: Locker und relaxt bleiben. Auch wenn unser Trainer Stefan uns am Ende mit seiner Demonstration von Bremswegen, die in der Realität unfassbar lang sind, durchaus noch mal erschreckt hat.Dieses Motorrad-Wiedereinsteigertraining hat alle Erwartungen erfüllt. Mir wurden meine Ängste genommen, ich kann es absolut uneingeschränkt weiterempfehlen! Auch für Fortgeschrittene gibt es Programme, die ich jedem ans Herz legen möchte. Auch wenn der Motorradfahrer an sich, sich natürlich niemals Schwächen eingestehen möchte, ist eine Auffrischung oder weitere Verfeinerung seiner grandiosen Fähigkeiten doch eigentlich nie verkehrt! Und wenn man dabei auch noch so viel Spaß haben kann…

