Missachtete Helden

Missachtete Helden Teil 3: Mitsubishi Lancer Evo VI

Tommi Mäkinen hat ihn weltweit berühmt gemacht, Tim Schrick prügelte ihn zu Tracktest-Ehren: Der Evo VI ist der bedeutendste in der rumreichen Ahnenreihe der Rallye-Straßensportler von Mitsubishi. www.motorvision.de wirft einen verträumten Blick zurück auf die Jahrtausendwende. ( , 15.02.2011)

Aufsehenerregendes Debüt

Mitte Januar 1999, französische Seealpen, Rallye Monte Carlo: Eine wild beflügelte und klobig aussehende Mittelklasse-Limousine fliegt über die teils asphaltierten, meist mit Schnee bedeckten und oft vereisten Wertungsprüfungen. Präzise zirkelt der finnische Held Tommi Mäkinen, genau angewiesen von seinem Co-Piloten Risto Mannisenmäki, den Mitsubishi Evo VI über die verwinkelten Serpentinen. Das finnische Duo dominiert sofort das Geschehen, diktiert das Tempo an der Spitze. Kein Wunder, Mäkinen hat die letzten drei WM-Titel in Folge gewonnen. Trotzdem ist die Fachwelt überrascht, wie stark der Evo VI in die Saison startet.

Mitsubishi Lancer Evo VI Gruppe N
Mit Tim Schrick am Steuer kam der Mitsubishi Lancer Evo VI zu glorreichen Tracktest-Ehren. Hier versucht sich ein Gruppe N-Rallyeauto in einer D Motor-Challenge gegen einen Speedway-Piloten. Foto: Gassner Motorsport

Dominator auf Rallyepisten und Handlingkurs

Der Bolide, aufgebaut nach Gruppe A-Reglement, feiert sein Rallye-Debüt, gilt aber als Auslaufmodell. Den kompakteren WRC-Versionen des Toyota Corolla oder Ford Focus gehört die Gegenwart, dem kurzen und extrem wendigen Peugeot 206 WRC die Zukunft. Die Zeit des weiß-roten Rallye-Sauriers scheint abgelaufen – aber denkste! Ähnliches gilt für den Motorvision-Tracktest: Auf dem Handlingkurs des ADAC-Testgeländes in Augsburg steht der Evo VI ewig an der Spitze, selbst deutlich stärker motorisierte Sportwagen beißen sich an seiner Bestzeit die Zähne aus. Bis zuletzt hält er sich in den Top Ten, muss später nur ein paar durchtrainierte Leistungssportler (exemplarisch seien Porsche Carrera 4S, Lotus Exige 240R oder Wiesmann MF3 genannt) ziehen lassen. Und zwei seiner Nachfolger, Evo VII und IX. Und – was einen leichten Schatten auf seine Tracktest-Karriere legt: Kurz vor Toreschlussden Erzrivalen Subaru Impreza WRX STi.

Mitsubishi Lancer Evo VI
Die Frontschürze scheint nur aus Lufteinlässen und XXL-Nebelscheinwerfern zu bestehen und zwingt das fast quadratische Kennzeichen dazu, sich ein freies Plätzchen an der Seite zu suchen. Foto: Mitsubishi

„Form follows function“ in Perfektion

Okay, Evo Nummer sechs mag inzwischen nicht mehr der schnellste Kurvenkünstler sein. Für uns markiert er jedoch den Gipfel in Mitsubishis evolutionärem Schaffen, ist deswegen von der Motorvision.de-Redaktion für die Serie „Missachtete Helden“ auserkoren worden. Das hat einerseits optische Gründe: So extrovertiert wie Evo VI., der von 1999 bis 2001 im Reich der drei roten Diamanten regiert, ist weder zuvor noch danach eine Performance-Version des Lancer aufgetreten. Das hat weniger mit dem berühmt-berüchtigten Heckflügel zu tun. Den hatten sie seit Nummer drei der Ahnenreihe alle, wenn man zwischenzeitlich auch eine dezentere Variante ordern konnte. Nein, es ist die Front, die uns verzaubert. Oder eher einschüchtert? Auf jeden Fall fasziniert. Da ist die Schürze, die nur aus Lufteinlässen und XXL-Nebelscheinwerfern zu bestehen scheint und das fast quadratische Kennzeichen dazu zwingt, sich ein freies Plätzchen an der Seite zu suchen. Dann die zerfurchte Motorhaube, die jede überflüssige Warmluft mit Vehemenz aus dem Motorraum hinausbefördert. Und die dicken Backen, welche die Räder umschließen. Kein Zweifel: Der Evo VI treibt das Prinzip „Form follows function“ auf die Spitze.

Mitsubishi Carisma GT Evo VI Black Diamond
Laut Mitsubishi basiert der Carisma GT Evo VI Black Diamond direkt auf dem erfolgreichen Gruppe N-Boliden, ist aber mit einigen Komfortfeatures wie einer Klimaanlage ausgerüstet. Foto: Mitsubishi

Erst das Straßen-, dann das Rallyeauto

Unsere Begeisterung hat aber noch mehr technische Gründe. Der Sechser ist der letzte Evo, der als wirkliches Homologationsmodell für den Rallyesport dient. Zum einen für die seriennahe Klasse Gruppe N, bei der die Autos bis auf alle sicherheitsrelevanten Komponenten und den Verzicht sämtlicher Komfortfeatures unverändert bleiben. Aber auch die Gruppe A-Boliden brauchen nicht viele Änderungen, um erfolgreich zu sein. Auf der Basis des Straßenmodells verfeinern die Ingenieure von Ralliart, gleichzeitig Mitsubishis Haustuner und Motorsportabteilung, an den richtigen Stellen – fertig ist ein Rallyeauto von WM-Format. Beim NachfolgerEvo VII funktioniert der Workflow anders: Nun ist der Lancer ein World Rally Car, also ein Prototyp in Gestalt eines aufgepumpten Serienautos. Die technische Verwandtschaft zwischen Lancer WRC undEvo VII ist überschaubar, weshalb gerade die Evo-Enthusiasten in ihm kein richtiges Rallyeauto für die Straße mehr sehen.

Mitsubishi Carisma GT Evo VI Black Diamond
Zerfurchte Motorhaube, dicke Backen, üppiger Heckspoiler: Beim Mitsubishi Lancer Evo VI regiert das Design-Prinzip "Form follows function". Foto: flickr/FabioAro

Als „Black Diamond“ in Deutschland

Genau das ist jedoch der Evo VI – und zwar uneingeschränkt. Um die Auflagen der Gruppe A zu erfüllen, müssen mindestens 2.500 Exemplare des Straßenautos gebaut werden. Das Soll wird deutlich übererfüllt, bis 2001 entstehen etwa 5.000 Evo VI. Nach Deutschland kommt der Bolide offiziell als Carisma GT Evo VI „Black Diamond“ – ein nur in Schwarz erhältliches und 79.950 Euro teures Sondermodell, das laut Mitsubishi auf den erfolgreichen Gruppe N-Rallyeautos basiert. So froh die deutsche Fangemeinde auch ist, endlich offiziell einen Evo erwerben zu können, auf die Komfortausstattung mit Klimaanlage und elektrischen Fensterhebern hätten sie im Zweifelsfall verzichtet. 17-Zoll-Felgen mit Sportreifen sowie Sportsitze, Ledersportlenkrad und Lederschaltknauf entsprechen da schon eher der Bestimmung des Familiensportlers.

Mitsubishi Lancer Evo VI
Motor, Getriebe, permanenter Allradantrieb und Differentiale, die inzwischen alle selbstsperrend arbeiten – alles präsentiert sich im Vergleich zum Vorgänger Evo V optimiert und in seiner Gesamtheit perfekt. Foto: flickr/exfordy

Alles passt perfekt zusammen

Den Rallye-Regeln entsprechend muss ein Zweiliter-Vierzylinder-Turbo für Vortrieb sorgen. In der Straßenversion leistet der Treibsatz 280 PS und bringt es auf 373 Nm. Trotz strikter Vorschriften seitens des Motorsport-Weltverbandes FIA, die unter anderem recht undurchlässige Luftmengenbegrenzer vorsehen, bringt es ein Evo VI im Gruppe A-Trimm auf offizielle 300 PS und 510 Nm. Viel wichtiger für die überragende Kurvenperformance ist jedoch das Zusammenspiel aller Antriebskomponenten. Motor, Getriebe, permanenter Allradantrieb und Differentiale, die inzwischen alle selbstsperrend arbeiten – alles präsentiert sich im Vergleich zum Vorgänger Evo V nochmals optimiert und in seiner Gesamtheit perfekt.

Mitsubishi Lancer Evo VI
Tommi Mäkinen und der Mitsubishi Lancer Evo Gruppe A - über vier Jahre eine unschlagbare Kombination in der Rallye-WM. Ihm zu Ehren legt Mitsubishi kurz vor Ende der Evo VI-Ära die "Tommi Mäkinen Edition" auf. Foto: Mitsubishi

Ein Sprinter, kein Langstreckler

Beim Fahrwerk rüstet Mitsubishi im Vergleich zum Vorgänger auf Aluminium-Radaufhängungen um. Das drückt das Gewicht auf 1.360 Kilogramm - ein weiteres Geheimrezept für die überragenden Performance-Werte des Evo VI. Auch wegen des kurz übersetzten manuellen Fünfgang-Getriebes geht der Standardsprint fix: Etwa fünf Sekunden, schon ist Landstraßentempo erreicht. In Sachen Topspeed ist die Getriebeübersetzung eher kontraproduktiv, genau wie die auf massig Abtrieb, aber nicht eben Windschlüpfrigkeit optimierte Aerodynamik. Knapp über 240 km/h, mehr ist nicht drin. Aber die Autobahn ist eh nie das bevorzugte Jagdrevier des japanischen Geflügels, auch weil der knapp bemessene 50-Liter-Tank dort über Gebühr leergesaugt wird.

Mitsubishi Lancer Evo VI
1999 kann Mitsubishi noch den Fahrertitel holen, doch 2000 gerät der Lancer Evo VI Gruppe A ins Hintertreffen. Die deutlich wendigeren WRC-Boliden bestimmen nun das Tempo. Foto: Mitsubishi

Verdienter Titelträger

Viel wohler als auf der linken Spur fühlt sich der Evo VI auf den Wertungsprüfungen der Rallye-Veranstaltungen in allen Teilen der Welt. Natürlich gewinnt Tommi Mäkinen die 1999er Monte, wie noch drei weitere Rallyes in jener Saison. Selbstverständlich holt der Finne den WM-Titel – seinen vierten in Folge. Dass Mitsubishi nur Dritter in der Marken-WM wird und 2000 nach gutem Saisonbeginn in der WM gegen Peugeot, Ford und Subaru immer mehr ins Hintertreffen gerät (WM-Rang fünf für Mäkinen, Platz vier in der Marken-WM), bestätigt die Kritiker – wenn auch mit einem Jahr Verzögerung – in ihren düsteren Prognosen. Die Jahrtausendwende markiert also Mitsubishis Anfang vom Ende in der Rallye-WM. Der Lancer Evo VI ist also Höhe- und Wendepunkt einer glanzvollen Ahnenreihe – und deshalb vollkommen verdient ein Titelträger in unserer Rubrik „Missachtete Helden“.

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