Persönliches Highlight
Eines habe ich bisher in meinem Leben gelernt: seine Highlights muss man sich selbst schaffen. Genau aus diesem Grund hab ich mich auf den Weg ins Schwabenland gemacht um Mechatronik einen Besuch abzustatten. Insider wissen, der Begriff „Mechatronik“ steht nicht nur für „Mechanical Engineering-Electronic Engineering“, sondern auch für ein mittelständisches Unternehmen in Pleidelsheim bei Ludwigsburg. Die räumliche Nähe zu Mercedes Benz und nicht zuletzt die große Begeisterung für deren sowohl elegante wie exklusive Klassiker sind Grundstein für eine Manufaktur, die sich der Instandsetzung, dem Handel sowie dem Umbau von Mercedes-Oldtimern verschrieben hat.
Edle Raritäten
Schon als ich den Showroom betrete, kämpft eine Rarität neben der anderen um meine Aufmerksamkeit. Nicht nur als Journalistin, sondern vor allem als passionierter Mercedes-Oldie-Fan wähne ich mich im Sternenhimmel. Neben der Staatskarosse 600 Pullman steht ein SLS 300, der schon die Panamericana bestritten hat. Im gleichen Silber-Ton glänzt der Rallye-SLC. Ein SL„Pagode“ scheint im Vergleich schon fast gewöhnlich. Der eigentliche Grund meines Besuchs trägt ebenfalls ein S im Namen. Es ist ein S-Klasse-Coupé, Baujahr 1970. Der Kennern auch unter seinem internen Kürzel W111 bekannte Klassiker zählt ohne Zweifel zu dem Schönsten, was Mercedes jemals gebaut hat. Seine eleganten Formen verwöhnen das Auge, seine luxuriöse Ausstattung setzt damals Maßstäbe.
Der 1 so nah
Von außen ist er ein bis ins kleinste Detail perfekt restauriertes S-Klasse Coupé. Der angeblich nicht existenten Zustandsnote 1 kommt er verdammt nahe. Mechatronik führt alle Restaurationsarbeiten angefangen von Karosseriearbeiten, Lackierungen über Technikinstandsetzung bis hin zu Sattlerarbeiten selbst aus. Der W111 ist auf den ersten Blick absolut original, nur ein paar wenige Details optimierte Mechatronik. Die Spaltmaße sind besser als bei der Auslieferung 1970, der Himmel ist in Alcantara gefertigt, ein moderner Lenkstockhebel fasst etliche Funktionen am Lenkrad zusammen. Die originale Außenfarbe Möwengrau harmoniert perfekt mit der genarbten Lederausstattungin Champignonbeige. Damals wie heute bietet das Oberklasse-Modell Annehmlichkeiten wie elektrische Fensterheber, Sitzheizung, Klimaanlage oder ein elektrisches Schiebedach. Akustisch verfügt es über ein Becker Retro-Radio welches sogar mit Pfeilnavigation aufwarten kann.
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- Ein Anblick der durch Gegensätze bestimmt wird: unter der Haube des Klassikers lacht der 5,5 Liter große Achtzylinder von AMG.
Nach außen unsichtbar
Auch wenn es für mich als großem Mercedes-Oldtimer-Fan bereits ein riesiges Privileg ist in einem perfekt restaurierten S-Klasse Coupé Baujahr 1970 Platz nehmen zu dürfen, kommt der große Clou erst noch. Denn dieser Benz-Oldtimer brilliert nicht nur durch seine Optik, sondern auch durch seine Fahrleistungen. Nach außen unsichtbar implantiert die Mechatronik Engineering aktuelle Automobiltechnik unter das klassische Blechkleid. So brabbelt unter der Luxushaube nichts Geringeres als der Mercedes M113-Motor. Den V8 mit Dreiventiltechnik setzte Mercedes erstmalig 1997 in der E-Klasse W210 ein, später auch in der S-Klasse W220. Die 5,5 Liter Version von AMG leistet 360 PS. Mechatronik kombiniert diese mit dem passenden Fünf-Gang-Automatikgetriebe im W111. Um diesen auch im Zaum halten zukönnen, gibt’s dazu moderne Federn und Bremsen. Die Achsen bleiben original. Zur Optimierung des Fahrverhaltens stellen die Pleidelsheimer derzeit Überlegungen an, die Pendelachse des W111 zugunsten der Schräglenker-Achse der S-Klasse W126 zu tauschen.
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- Abgesehen vom rießengroßen dünnen Lenkrad mit viel Spiel fährt sich der alte Benz wie ein modernes Auto.
Understatement per Definition
Schwerstens gespannt wie sich die Mischung aus alt und neu wohl fahren mag, besteige ich das noble Gestühl. Der Seltenheitsfaktor und der perfekte Fahrzeugzustand ermahnen mich, diesen Wagen wie mein Leben zu hüten. Wer wie ich häufig verschiedenste aktuelle Automodelle fährt, findet die überschaubare Anzahl an Schaltern und Knöpfen sehr entspannend. Ihre Bedienung erfolgt sofort intuitiv. Beim Umdrehen des Zündschlüssels erwacht der großvolumige AMG-Motor zum Leben. Die Vorfreude zaubert mir ein breites Grinsen ins Gesicht. Das riesige dünne Lenkrad mit dem mercedestypischen Spiel dominiert von Anfang an das Fahrgefühl. Doch davon abgesehen fährt sich der Mechatronik W111 wie ein aktuelles Auto. Die moderne Automatik unter der historischen Schaltkulisse verrichtet ihre Arbeit ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Auch die veraltete Pendelachse gerät erst bei höheren Geschwindigkeiten an ihre Grenzen. Bei 240 km/h ist das S-Klasse Coupé elektronisch abgeregelt. Das Mercedes-Coupé ist konzeptionell bedingt kein Hochgeschwindigkeitssportler. Mit dem W111 cruist man und heizt nicht. Dennoch vermittelt es ein ungemein souveränes und erhabenes Fahrgefühl allein bei 150 km/h auf der linken Autobahnspur an den anderen Verkehrsteilnehmern vorbeizuziehen. Leistung steht schließlich in jedem Drehzahlbereich ausreichend zur Verfügung. Und absolut niemand traut dem alten Benz soviel Potential zu.
Die letzte Bastion
Dieser Traum an Individualität, Stil und Souveränität hat seinen Preis. Die Restauration allein kann ein Jahr oder länger in Anspruch nehmen. Für den W111 mit moderner V8-Technik veranschlagt Mechatronik um die 300.000 Euro. Ein stolzer Preis der sich aus unzähligen Stunden Handarbeit errechnet und sich ausschließlich an extrem solvente Kunden richtet. Eine entsprechende Pagode mit modernem V8-Vortrieb ist da schon günstiger zu erstehen. Hier stehen um die 185.000 Euro auf der Rechnung. Eines ist Fakt: Mechatronik baut echte Traumwagen. Im Einheitsbrei aus Designallerlei und Downsizingtrends bieten die Schwaben eine der letzten Bastionen großhubiger Eleganz.

