Mit dem neuen XJ fährt Jaguar zweigleisig: In Pebble Beach zeigen die Briten eine exklusive Designstudie ihrer großen Limousine, in Moskau die gepanzerte Variante. Motorvision stellt beide XJ-Variationen vor. (Thomas Harloff , 20.08.2010)
Pebble Beach bis Moskau – für Jaguar ein Katzensprung
„Gott sei Dank ist der Kalte Krieg vorbei“, wird man sich in der Jaguar-Chefetage denken. Denn das gibt der britischen Traditionsmarke die Gelegenheit, ihre neuesten Kreationen fast gleichzeitig in den USA und in Russland vorzustellen. Natürlich speziell abgestimmt auf die jeweilige Zielgruppe. So hatte Jaguar beim herrschaftlichen Concours d´Elegance im kalifornischen Pebble Beach eine Designstudie des neuen XJ im Gepäck, mit der man das eigene 75-jährige Firmenjubiläum zelebriert. In Russland dagegen stellt Jaguar auf der International Motor Show in Moskau (25. bis 29. August) die gepanzerte Version des XJ vor.
Platinum Concept – der Name ist Programm
Das in Pebble Beach gezeigte Einzelstück namens Jaguar XJ Platinum Concept präsentiert ein spezielles, von Jaguar als „dramatisch“ bezeichnetes Design. Die weiß-schwarze Farbgebung soll wirken, als bestünde die Karosserie aus Platin – deshalb der Name „Platinum Concept“. Die beim Serien-XJ in klassischem Chrom ausgeführten Designelemente sind bei der Studie in dunklem Chrom oder glänzendem Schwarz ausgeführt. Die 22-Zoll-Räder zeigen sich in einem ähnlichen Kontrast – hier trifft schwarzes auf gebürstetes Metall auf Elemente, die in der Außenfarbe lackiert sind. Eine neue Front- und Heckschürze sowie anders gestaltete Seitenschweller versportlichen die XJ-Form ein wenig.
Das Kompressor-Herz des neuen Modelljahres
Eine Konzeptstudie als unfahrbare Messedeko? Nicht bei Jaguar. Unter der Haube schlägt jenes V8-Herz, das erst im neuen Modelljahr eingeführt wird: Fünf Liter groß, kompressor-geladen und 575 Nm sowie 477 PS stark. Apropos stark: Das Surround Sound-System von Bowers & Wilkins schafft bei Bedarf 1.200 Watt und verfügt über 20 Lautsprecher. Überhaupt kommen im Interieur nur feinste Zutaten zum Einsatz. Die Kombination aus Wild- und Jet Softgrain-Leder sowie glänzenden perlmuttweißen Elementen (Lüftungsdüsen und Zierholzelemente) dürfte für eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre im XJ-Cockpit sorgen. Eine hochwertige Uhr der britischen Firma Bremont, die ihre Zeitmesser in der Schweiz fertigt, informiert über die Zeit.
Wächter über besonders gefährdete Russen
Beim in Moskau präsentierten XJ-Modell verfolgt Jaguar eher den praktischen Ansatz. Denn dort feiert die gepanzerte Version ihre Weltpremiere. Denn die stets bedrohte Spezies des russischen Wirtschafts-, Unterhaltungs-, Sport- und Politik-Estabilshments soll in Zukunft nicht nur auf deutsche oder amerikanische (oder auch den skurrilen russischen Geländewagen Kombat T-98), sondern eben auch auf britische Erzeugnisse zurückgreifen. Das „Sentinel“ – auf Deutsch: Wächter – genannte und zusammen mit dem Panzerungs-Spezialisten Centigon entwickelte Sondermodell bietet den Schutz der B7-Kategorie, des höchsten der bei Personenwagen üblichen Schutzlevel. Das hält sogar Hartkern-Gewehrprojektile des Kalibers 7,62 x 51 Millimeter auf, wenn diese aus nur zehn Metern Entfernung auf den XJ Sentinel abgefeuert werden. Auch Äxte, Brechstangen, Molotow-Cocktails und 15 Kilogramm TNT-Sprengstoff können dem Jaguar XJ Sentinel nichts anhaben.
Ansonsten präsentiert der Sentinel alle Standard-Charakteristika des normalen XJ in der Langversion und kann auch ganz normal beim Jaguar-Händler gekauft werden. Allerdings hilft ein Sicherheits-Experte beim Entscheidungsprozess und berät den Interessenten, welche weiteren optionalen Schutzfunktionen nötig sein könnten.
Fast doppelt so schwer und viel langsamer
Als einzige Motorvariante steht der Fünfliter-V8-Benziner in der Saugmotor-Variante zur Verfügung, kombiniert mit einem Sechsgang-Automatikgetriebe. Dieser leistet unverändert 385 PS und bringt es auf 515 Nm. In Sachen Fahrleistungen fordert jedoch das wegen der Panzerung deutlich höhere Leergewicht (3,3 statt 1,8 Tonnen) seinen Tribut: Von Null auf Hundert geht es in 9,7 Sekunden (Serie: 5,7), das Ende der Fahnenstange ist bereits bei 197 km/h erreicht. Der Standard-XJ regelt erst bei 250 km/h ab.Das Fahrwerk mit ringsum aktiven Dämpfern hat Jaguar an das deutlich höhere Gewicht angepasst. Die Bremsanlage leiht sich der Sentinel von der aktuell 510 PS starken Kompressor-Version des XJ. Die 19-Zoll-Aluminiumfelgen zeigen sich ebenfalls verstärkt und sind mit Runflat-Reifen von Dunlop bezogen.
Preise nennt Jaguar auf konkrete Kaufanfragen. Ab Werk gibt es eine volle Dreijahres-Garantie bis 50.000 Meilen. Ob die auch für von Geschossen malträtierte Exemplare gilt, ist uns jedoch nicht bekannt. Schließlich herrscht in Russland von Zeit zu Zeit Krieg – wenn es auch kein Kalter ist.