Neues Naked Bike im Fahrbericht

Fahrbericht Husqvarna Nuda 900 / Nuda 900R: Freche Nichte

Husqvarna greift mit der neuen Nuda 900 erstmals ernsthaft im Asphalt-Segment an. Dabei nutzt das Tochterunternehmen von BMW die Entwicklungskompetenz im Großkonzern für eine höchst eigenständige Interpretation dieses Themas. ( , 28.10.2011)

Auf Asphalt neues Terrain erobern

Husqvarna zählt zu den ältesten Motorradherstellern der Welt. Das Unternehmen begann bereits 1903 in Schweden mit der Motorradproduktion und ist damit sogar älter als Harley-Davidson. Doch anders als der amerikanische Riese hat die Firma eine extrem wechselvolle Geschichte hinter sich: 1987 wurde die kränkelnde Motorradsparte an die Italiener von Cagiva verkauft, dem Imperium von Claudio Castiglioni. Dieser trennte sich aus finanziellen Gründen von Husqvarna zum 1. Oktober 2007. Seitdem gehört die Marke zur BMW Group. Bekannt ist Husqvarna vor allem für seine erfolgreichen Enduros, Crosser und Supermotos, doch das genügt den Verantwortlichen am Stammsitz im norditalienischen Varese nicht mehr: Mit der neuen Nuda 900 kehren sie in den Straßensektor zurück und wollen damit neues Terrain erobern.

Husqvarna Nuda 900
Mit der Nuda 900 ist Husqvarna tatsächlich ein fahraktiver Zwitter aus Supermoto und Naked Bike gelungen, eine Gattung Motorrad, die es bislang nicht gab.

Profiteur bester BMW-Gene

Dennoch wahrt die Neue auf den ersten Blick die bekannte langbeinige Offroad-Silhouette, auch die markentypisch schmale Tank-Sitzbankkombination sowie typische Husqvarna-Designmerkmale wie die durchgehend eckige Formensprache bleiben gewahrt. Gleichsam geländig wirkt die zu erklimmende Sitzhöhe von 870 Millimeter der Standardversion, die R ist mit 875 bis 890 Millimeter sogar noch luftiger. Die schmale Kontur der Sitzbank erlaubt dennoch einen akzeptablen Stand, und in Fahrt wird’s für Durchschnittsmenschen sogar richtig bequem: Im Dreieck aus Rasten, Sitzbank und Lenker sitzt es sich entspannt und aufrecht, fast tourentauglich - wäre da nicht das arg schmale Polster und der nur minimale Windschutz. Offroad-Gene verraten auch die langen Federwege, die auf ebenem Untergrund bei flotter Gangart üblicherweise ein Rührstück einleiten. Nicht so bei der Nuda: Ihr Fahrwerk stammt von der bekannten BMW F800 ab, mit einem gekürzten Gitterrohrrahmen, stabilerem Steuerkopf und angepasster Lenkgeometrie. Damit gibt sich die Nuda sehr schluckfreudig, ohne weich zu sein, und gleichzeitig stabil, ohne unkomfortabel zu wirken. Fahrstabilität, Fahrkomfort und Manövrierfähigkeit zeigen ein sehr hohes Niveau und über die breite Lenkstange lassen sich Lenkbefehle exakt umsetzen. Die Nuda gehorcht folgsam aufs Wort. Ihr Schräglagenverhalten ist jederzeit berechenbar. Anders als die nervös kippelnden Supermotos schafft sie auf Anhieb ein Vertrauen erweckendes Handling, ohne überhandlich zu agieren. Wozu die aufgezogenen Metzeler Sportec M5-Interact ihren Teil beitragen dürften.

Husqvarna Nuda 900 R
Die ab November erhältliche 9.990 Euro teure Basisversion ist nur in schwarzem Outfit erhältlich, während die Nuda 900 R für 11.590 Euro exklusiv in den traditionellen Motorsportfarben Rot und Weiß zu haben ist.

Mit der "R" noch sportlicher unterwegs

Die Agilität rührt jedoch auch vom niedrigen Leergewicht von 195 Kilogramm her, die den Kurventanz erleichtern. Wer's wilder treiben möchte, sollte auf die Nuda 900R mit voll einstellbarer Sachs-Gabel vorn und ebensolchem Öhlins-Dämpfer hinten umsatteln: Neben dem höheren Sitz ändert sich die Geometrie in Richtung handlich, die "R" fällt leichter in die Kurve und verzögert mit den Brembo-Monoblock-Festsattelzangen richtig bissig, wie von einer Sportskanone nicht anders zu erwarten. Das Fahrwerk der Standard-Nuda ist nur hinten in Federvorspannung und Zugstufendämpfung einstellbar, ihre ebenfalls per Radialpumpe betätigten herkömmlichen Vierkolben-Bremssättel liefern eine effektive, glasklar dosierbare Verzögerungsleistung ohne die Giftigkeit der "R"-Stopper.

Stark modifizierter BMW-Motor

Das Herzstück, den Antrieb, haben die Nudas ebenfalls von der BMW F800 geerbt. Doch Vorsicht: Wer diesen Motor kennt, wird ihn in der Husqvarna nicht mehr wieder erkennen: Nur das Reihenzweizylinder-Konzept blieb bestehen, Hubraum, Leistung, Sound und Charakter, alles wurde für den Einsatz in der F800-Nichte Nuda modifiziert. Eine größere Bohrung und mehr Hub bescheren 898 ccm Hubraum, 105 PS und 100 Nm lauten die neuen Höchstwerte. Eine neue Kurbelwelle mit 315 Grad Versatz und eine Auslassklappe vor dem schmal geratenen Schalldämpfer sind die konstruktiven Änderungen, die aus der Nuda ein sportlich-freches Kurvengerät machen.

Husqvarna Nuda 900 R
Das Cockpit der Husqvarna Nuda 900 mit Schaltblitz ist vollständig und ausgezeichnet ablesbar; eine ABS-Warnleuchte weist auf den erst ab Herbst 2013 eintreffenden Blockierverhinderer hin.

Gebremster Schaum per Knopfdruck

Ein kehliger, deutlich kräftiger Sound mit herrlicher V-Motor-Note dominiert die kribbelnde Akustik. Mit wenig Schwungmasse werden Gasbefehle unglaublich spontan umgesetzt und stets ist mehr als genug Dampf vorhanden, um auch aus niedrigen Drehzahlen freudig los zu sprinten und das Vorderrad lustig zu lupfen. Dabei entwickelt der Zweizylinder den Druck von unten heraus sehr gleichmäßig und exakt beherrschbar, um bei rund 5.000 Touren noch ein kleines Sahnehäubchen drauf zu packen. Die Verbrennungsarbeit bleibt mit spürbaren Vibrationen stets präsent, doch gibt es im Gegensatz zur BMW keinen Bereich, in dem sie unangenehm auffallen. Noch knackiger geht's bei der identisch motorisierten Nuda R zur Sache, deren um einen Zahn kleineres Ritzel noch freudvolleres Beschleunigen beschert. Sollte das Umfeld ausnahmsweise das Angasen einmal nicht erlauben, kann der Pilot auf Knopfdruck ein zweites Motormapping aktivieren, das beispielsweise bei Feuchtigkeit Sinn macht und den Leistungseinsatz zurück nimmt.

Husqvarna Nuda 900
Fahrstabilität, Fahrkomfort und Manövrierfähigkeit zeigen bei der neuen Husqvarna Nuda 900 ein sehr hohes Niveau.

ABS gibt es ab 2013

Trotz der insgesamt puristischen Auslegung braucht der Nuda-Treiber auf Alltagstauglichkeit nicht zu verzichten. Das beginnt beim vergleichsweise kleinen 13-Liter-Tank, der dank des sparsamen Antriebs für weit mehr als 220 Kilometer reichen sollte und hört nicht auf beim vollständigen und ausgezeichnet ablesbaren Cockpit mit Schaltblitz, in dem eine ABS-Warnleuchte auf den erst ab Herbst 2013 eintreffenden Blockierverhinderer hinweist. Das Zubehör zeigt BMW-Vollständigkeit inklusive der variablen Koffer der F800 und einem Windschild.

Gelungener Mix im eintönigen Outfit

Mit der Nuda 900 ist den weiß-blauen Italienern tatsächlich ein fahraktiver Zwitter aus Supermoto und Naked Bike gelungen, eine Gattung Motorrad, die es bislang nicht gab. Schade nur, dass die ab November erhältliche 9.990 Euro teure Basisversion nur in schwarzem Outfit daher kommt, während die Nuda 900 R für 11.590 Euro exklusiv in den traditionellen Motorsportfarben Rot und Weiß des Unternehmens zu haben ist.

BEWERTE DIESEN ARTIKEL
rating_image rating_1 rating_2 rating_3 rating_4 rating_5
UMFRAGE

Kann Husqvarna auch bei den Straßenmotorrädern erfolgreich sein?

  • Aber sicher. Mit BMW haben sie dafür den besten denkbaren Partner gefunden.
    59%
  • Mal abwarten. Die Nuda 900 ist ok, aber da müssen noch ein paar weitere überzeugende Bikes her.
    18 %
  • Kann schon sein. Nur dürfen sie nicht so langweilig werden, wie es die Konzernmutter ist.
    15 %
  • Das ist so überflüssig. Andere bauen gute Straßen-Bikes, Husqvarna baut gute Enduros - fertig!
    8 %
KOMMENTARE
Ähnliche Artikel

60 Jahre schwedische Automobilkunst

Saab feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag. Da kann man nur wünschen: „Grattis på födelsedagen!“ (Alles Gute zum Geburtstag!)

Scrambler 2009 im Steve-McQueen-Look

Triumphs beliebtes Retromodell, die Scrambler, kommt 2009 in einem neuen Look. Die Farbgebung in Matt Khaki Green erinnert an die Militärmaschinen der 50er und 60er Jahre und Steve McQueens legendäre Flucht auf einer Scrambler im Kinofilm „Gesprengte Ketten“.

IAA 2011

IAA 2011: Premium-Teutonen-Trio

Wie gewohnt fahren die deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes auf der IAA in Frankfurt das ganz große Programm auf. Die Stars anden Ständen des Trios waren durchweg ziemlich sportlich unterwegs – oder alternativ.

Platz 15: Triumph-Klassiker mächtig aufgepeppt

Motorvision präsentiert: Die Top 20 des Auto- und Motorradjahres 2008. Auf Rang 15 schafft es Triumph, denn mit den Klassikermodellen der englischen Motorradschmiede bekommen Traditionalisten eine authentische Basis.

Catch me if you can

Eine dynamische Optik und eine reichhaltige Ausstattung zeichnen den Opel Corsa 1.2 Catch Me aus. Im Test zeigt sich der kleine Rüsselsheimer schon sehr erwachsen.
Ähnliche Videos

Tracktest Saab 900 Turbo

Schneller Schwede im Tracktest: Saab 900 im Renntrimm am Limit.

Vergleich Audi S3 vs. BMW 130i und Mercedes A 200 Turbo

Wolfgang Rother vergleicht kraftvolle Kompaktwagen: Audi S3, BMW 130i und Mercedes A 200 Turbo.

Test VW Golf VI GTI

Patrick Simon ist mit dem VW Golf VI GTI und seinem Urahnen, dem Golf I GTI, unterwegs.

Test Mercedes E-Klasse Coupé

Motorvision testet das neue Mercedes E 500 Coupé.

Auto Test Kia Sorento

Motorvision zeigt, wie sich der Kia Sorento im harten Gelände schlägt.

Mazda MX-5 2.0 MZR

Schon über 20 Jahre alt, aber das Erfolgsgeheimnis ist immer noch das gleiche wie 1989: Motorvision testet den Mazda MX-5.

Ein Weltrekordler geht in die dritte Runde.

Laut dem „Guinness Buch der Rekorde“ ist er der meistverkaufte Roadster aller Zeiten. Gut 720.000 der kleinen offenen Zweisitzer liefen bisher vom Band. Der neue Mazda MX 5 tritt ein schweres Erbe an.

Hier ist sein Jagdrevier: Kurvige leere...

MOTORVISION MAGAZIN
MOTORVISION AUF FACEBOOK
AKTUELLES VIDEO
Lucy bei Knud Tiroch Teil 6
FACEBOOK EMPFEHLUNGEN
BILDERGALERIEN