Ich hänge fest. Der Schnee, den ich durchqueren wollte, ist sulzig, der Boden darunter schlammig. Nichts geht mehr. Zwei Kehren vor dem Gipfel des Colle Sommeiller in rund 3.000 m Höhe versuche ich, meine BMW F 800 GS aus dem Schnee-Schlamm-Loch herauszuschaukeln. Vergeblich. Nach minutenlanger Anstrengung habe ich in der Höhenluft das Gefühl, einen stundenlangen Sprint hinter mir zu haben. Ich laufe Halbmarathon ohne Probleme, aber der Sommeiller, der höchste befahrbare Pass der Alpen, hat mich gerade in die Knie gezwungen.
Rettung in 3.000 m Höhe
Die Rettung naht. Patrick Fumagalli ist gerade auf dem Weg zurück vom Gipfel. Er zirkelt seine KTM LC4 gekonnt durch das neben liegende, seichte Flussbett. Aha – so hätte ich das machen können, anstatt wie ein Anfänger hier steckenzubleiben. Aber was heißt hier „wie ein Anfänger“? Ich bin ja ohne Zweifel einer, was das Befahren von hochgelegenen Schotterpisten und extremerem Gelände betrifft. Und meine GS hat keine Geländereifen.
Patrick und ein spanischer GS-Fahrer, den wir gerade noch vor der fatalen Schneedurchfahrt einbremsen konnten, ziehen mich heraus aus dem Schlamassel. Nach der Rettung kann ich mich wieder der Faszination des Colle Sommeiller hingeben: 1740 Höhenmeter auf knapp 30 Kilometern Schotterstraßen, 47 Kehren, das Refugio Scarfiotti als möglicher Zwischenstopp bei gut 2.100 m. Und schon weit unterm Gipfel immer wieder die Belohnung für die Strapazen, die Mensch und Maschine hier überstehen müssen: Absolute Stille, atemberaubender Weitblick, Zeit zum Nachdenken…
2.200 km in dreieinhalb Tagen
Nachgedacht habe ich nicht allzu viel, bevor ich hier ankam. F 800 GS mit dem Nötigsten für vier Tage bepackt, dazu ein paar Karten von der Gegend, einige Internet-Ausdrucke mit Infos zu möglichen Zielen, Kreditkarte und los geht’s. Anreise von München über Fernpass, Reschenpass und Stilfser Joch Richtung Comer See. Übernachtung gerade da, wo’s zeitlich passt und einladend aussieht – vorzugsweise eine Albergo mit Pizzeria und Garage.
Das keineswegs durchplante Touren ist genau die richtige Basis für den ungehinderten Genuss von Höhenluft und Schotterserpentinen. Mich drängt kein Ziel, das ich wegen Hotelzimmerbuchung unbedingt heute noch erreichen muss, zur baldigen Weiterfahrt. Ich fahre, wohin ich will, bleibe stehen, solange ich will, und fahre solange, wie ich kann. Grenzen setzten höchsten Schneefelder auf dem Col Sommeiller oder die Schmerzen in meinem Hinterteil, das in dreieinhalb Tagen gut 2.200 km Fahrt überstehen muss.
Noch einige handfeste Infos zum Col Someiller: Anfahrt über Bardonnecchia (letzter Ort vor dem Frejus-Tunnel und der Grenze von Italien nach Frankreich), befahrbar nur montags bis donnerstags – zusammen mit Ausflüglern (vor allem bis zum Stausee unterhalb der Baumgrenze), vierrädrigen Offroadern (vor allem bis zum Refugio in 2.165 m Höhe) und vereinzelten Offroad-Bikern (etwa alle 20 Minuten kommt mir einer oder eine kleine Gruppe entgegen).
2.000 Höhenmeter am Col de Galibier
Weitere Pässe, die sich in dieser Ecke der Westalpen lohnen: Alles, was man entlang der ausgeschilderten „Routes des Grandes Alpes“ befährt, besonders Col de Galibier (2645 m) und Col de la Bonette (2802 m). Unglaublich, wie vielen Radfahrern ich entlang der beiden Passstraßen begegne. Sie können nicht lassen, was Lance Armstrong oder Alberto Contador mit scheinbarer Leichtigkeit überwinden: Mörderische 2.000 Höhenmeter (Galibier) auf 70 km Länge, unzählige Kurven und Kehren, von Tour de France-Fans bemalter Straßenbelag.
Ganze Clubs von Radlern gönnen sich das Erfolgserlebnis, den Galibier mit Muskelkraft zu erklimmen. Ich bin schon glücklich, mit meinem Motorrad hier zu sein. Erkenntnis: Auf ganz andere Art und unterm Strich besser, als die Schotterpisten des Sommeiller, gefallen mir mit der 800er GS asphaltierte Passrouten – reine Geschmackssache.
Traumstraße „Route Imperiale“
Vom Gipfel des Col de la Bonette aus führt nach ausgiebigem Serpentinengeschlängel ein absolutes Schnelle-Kurven-Dorado bis an die Cote d’Azur nach Nizza: Die „Route Imperiale“ (Nationalstraße 2205) ist außerhalb des Berufsverkehrs wenig befahren, weitestgehend gut bis sehr gut asphaltiert und verwöhnt mit einem einzigartigen Wechselrhythmus zwischen kurzen Geraden, langgezogenen Kurven mit großen Radien und wenigen engeren Kurven. Die mögliche schnelle Fahrweise bietet erstens angenehme Abwechslung nach den verhaltenen Tempi im Hochgebirge, und zweitens gelangt man schneller als zunächst erwartet an die Küste.
Nächstes, noch heftigeres Kontrastprogramm zur Einsamkeit der hohen Alpenpässe: Der abendliche Berufsverkehr in Nizza und Menton auf dem Weg ins italienische Ventimiglia. Hier liegen mögliche Basisstationen in Form von Hotels/Pizzerias, wenn man sich am nächsten Tag entspannt auf den Weg nach Cuneo macht.
48 Schotterkehren am Col di Tenda
Zwischen Ventimiglia und Cuneo im Piemont liegt nicht nur ein keilförmiger Abschnitt Frankreich, sondern vor allem der Col di Tenda: Nur 1.870 m hoch, aber mit 48 engen und steilen Schotterkehren. Das gilt für die Südrampe. Über sie gelangt man auf den höchsten Punkt des Weges, vorbei an den Ruinen des Fort Central und mit Anschlußmöglichkeiten, um die Ligurische Grenzkammstraße zu befahren.
Schießscharten und Ruinen wiesen darauf hin, dass die meisten solcher ungeteerten Passtraßen im 1. Weltkriegs entstanden sind. Noch sind Col di Tenda oder Col Sommeiller für Motorräder befahrbar. Dies könnte sich Jahr für Jahr ändern – wie etwa im Falle des Tremalzo am Gardasee. Nähere Infos, Karten, GPS-Daten und Tipps erhält man zu Thema Alpenpässe ausführlich auf www.alpenrouten.de.
Kater nach dem Kurvenrausch
Vom Gipfel des Tenda hinunter ins südliche Piemont gelangt man nach dem Erfolgserlebnis der staubigen Tenda-Überquerung über eine kleine, aber feine Passstraße nach Limonetto Piemonte. Wie schon bei der Fahrt hinab vom Col de la Bonette sorgen im Kontrast zum Pass langgezogene, schnell befahrbare Kurvenpassagen auf neuem Asphalt für Fahrerlebnisse der flotteren Art.
Extreme Höhen und unglaubliche Serpentinendichte – vom Rauscherlebnis in den französisch-italienischen Seealpen bleibt eine Katerstimmung zurück: Der unbedingte Drang, möglichst bald wieder hierher zu kommen.

