Schnell überzeugt
Wenn jemand auf dem Hockenheimring zuhause ist, dann ist es Rothe Motorsport. Mit ihrem Golf R20 brachten die Mannen um Firmenchef Mike Rothe beim letztjährigen Tuner Grand Prix nicht nur die Zuschauer sondern auch die Konkurrenz zum Staunen. Eine 1:10, 75 auf dem kleinen Kurs – schneller als ein Lamborghini Gallardo LP560 oder ein Nissan GTR – die Jungs müssen was können. So in der Art dachte sich das wohl auch Dieter W. Kaiser, als er das erste Mal mit dem R20 in Berührung kam. Diplom-Ingenieur Kaiser ist seit über 30 Jahren ambitionierter Clubsport-Fahrer und feilt regelmäßig mit Profi-Rennfahrer Markus Gedlich an den Ideallinien der Strecken dieser Welt. Gedlich wiederum fungiert, neben seiner Coaching-Tätigkeit für Sportfahrer, als Testpilot für die Geschosse von Rothe Motorsport. So kam eines zum andern, Gedlich lud Kaiser im November 2010 ein, den Rothe Golf auf der Nordschleife zu fahren und der war sofort Feuer und Flamme. Kaiser (der Rundkurse bisher mit einem 4-Liter-Manthey Porsche unsicher macht) orderte, Rothe schraubte und Gedlich gab Rat und Namen. Nach knapp drei Monaten Arbeit stand das nicht nur optisch beeindruckende Ergebnis dann Mitte Mai in Hockenheim. Wir waren beim Rollout des Rothe Golf R20 „Gedlich Edition“ Nummer 001 exklusiv dabei.
Unglaublich breit, unglaublich rennig
Leider empfängt uns in Baden strömender Regen und der anberaumte Fototermin scheint schon zu platzen. Als die „Gedlich Edition“ dann allerdings in der extra angemieteten Box vor uns steht, ist der übellaunige Wettergott erst einmal vergessen. Breit wie eine ganze Muckibude thront das schwarze Golf-Monstrum vor uns. Die acht Zentimeter Blech und Zinn, die der Spengler dem Ungetüm kunstvoll an die Karosse gezimmert hat, stehen dem Wolfsburger perfekt und lassen uns rätseln, warum VW seinen Golf R ab Werk gar so schmächtig ins Rennen schickt. Zum extravaganten Auftritt trägt sicherlich auch das neue Räderwerk bei. Rothe vertraut auf hauchdünne OZ Alleggerita-Felgen. Die italienischen Rundlinge wiegen nur knapp neun Kilo pro Stück und das trotz der mit 10,5x18 Zoll recht üppigen Maße, die dank des Pracht-Breitbaus auch mit Spurplatten locker in den Radkästen verschwinden. Besohlt sind sie an diesem Tag mit 265er Dunlop Direzza-Cupreifen, standardmäßig kommen aber 285er Reifen auf die Sonderedition und sogar 295er Puschen sind aufgrund des reichlich vorhandenen Platzes kein Problem. Vom muskelbepackten Äußeren zu den inneren Werten: Mit zwei Recaros und einem Käfig im (von der Rückbank befreiten) Heck ist die „Gedlich Edition“auch hier ganz der Strecke verpflichtet. Gar so spartanisch wie der ursprüngliche R20 aus unserem Test kommt er mit dem großen VW-Navi allerdings nicht daher – ein Eindruck der sich später ebenso beim Fahren bestätigen soll.
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- Allrad, monströse Cup-Bereifung, Bilstein-Gewindefahrwerk, Haldexsperre und Drexler-Sperrdifferenzial: Der R20 "Gedlich Edition" kennt weder Unter- noch Übersteuern, ist jederzeit neutral und erreicht atemberaubende Kurvengeschwindigkeiten.
Fahrdynamisches Gesamtkunstwerk
Das Wetter hat sich mittlerweile wieder ein wenig beruhigt und wir gehen mit Markus Gedlich und der nach ihm benannten Edition raus auf den kleinen Kurs. Das Fahrverhalten ist mit dem – im Gegensatz zum Tuner-GP-Auto - etwas stärker auf Komfort und Fahrbarkeit ausgelegten Bilstein B16-Gewindefahrwerk narrensicher und dennoch sauschnell. Das Ziel ein möglichst einfach schnell zu fahrendes Sportgerät mit maximalen Gripverhältnissen auf die Beine zu stellen, scheint exzellent umgesetzt. Die Vorzüge des mit einer Haldexsperre und eines Drexler-Sperrdifferenzials ausgerüsteten Rothe-Golf haben wir in unserem letzten Test ja schon zur Genüge gelobt. Und auch bei der Gedlich-Edition gilt: Absolute Neutralität und in Folge dessen ein Affenzahn in Kurven, mit dem sich das Auto wieder einmal nicht hinter Porsche und Co. verstecken muss. Das Übrige zu einer fabelhaften Rundenzeit steuern die Movit-Bremsanlage und selbstverständlich das von Rothe zur absoluten Höchstleistung getriebene 2-Liter-Turbo-Triebwerk bei. Der nach allen Regeln der Kunst modifizierte Direkteinspritzer toppt die gut 360 PS des Ausgangs-R20 spielend und erzielt mit 100-oktanigem Sprit laut Prüfstand 420 PS und 550 Nm. Damit das DSG aufgrund des Brachial-Drehmoments nicht zickt, wurde auch hier nochmal angepasst und verstärkt. Frisch aus dem Rothe-Studio entlassen, knackt das Sondermodell die 100er Marke in 3,9 Sekunden und läuft 276 km/h Spitze. Ab etwa 3.000 Touren, wenn der große Turbo richtig in Fahrt kommt, bis hinauf zum Drehzahllimit von 7.200 U/min stellt der gestählte R-Golf dabei seine überbordende Leistung freimütig zur Verfügung. Dass das fahrdynamische Gesamtkunstwerk mit der leicht sperrigen Bezeichnung „Rothe Motorsport Golf VI R20 Gedlich Edition“ am Ende des Testtages eine 1:11,50 in den Hockenheimer Asphalt fräst, klingt dann auch schon wieder äußerst vielversprechend. Umso mehr, weil Chef Mike Rothe damit scheinbar nicht einmal zufrieden ist. „Schreib das gar nicht erst, da geht noch viel mehr.“
Streng limitiert
„Viel mehr“, das trifft in gewisser Hinsicht auch auf den Preis dieses Mega-Golf zu. Wer sich für die streng auf neun Fahrzeuge limitierte „Gedlich Edition“ entscheidet, sollte je nach eigenen Ausstattungswünschen zwischen 75.000 und 90.000 Euro bereithalten. Dieter W. Kaiser, Käufer der Nummer 001, scheint seine Investition bisher schon mal nicht bereut zu haben. Im Gegensatz zu seinem Manthey-Porsche verzeihe der Rothe-Golf nämlich auch den ein oder anderen Fahrfehler, erzählt er verschmitzt. Als sein „Nero“ vor einer Woche den nächsten Einsatz beim Trackday in Spa Francorchamps hatte, konnte sich Kaiser nicht nur über diverse „Hingucker“ freuen, sondern auch darüber, das gesamte Porsche-Feld in Schach gehalten zu haben.

