98 PS, 115 Nm, Grundpreis 12.360 Euro. Oder 105 PS, 115 Nm, 12.500 Euro. Kaum ein Unterschied? Nicht ganz. Sieben PS und 140 Euro liegen immerhin zwischen der ersten Generation der BMW R 1200 GS von 2004 bis 2007 und ihrer Nachfolgerin ab 2008. Und dazu eine Menge technischer und optischer Änderungen.
Wappnen gegen Stelvio, Tiger und Co.
Bei jedem Facelift – egal ob Auto oder Motorrad – stellt sich die Frage: Ob das nötig war? Eigentlich nicht, denn die alte GS war in ihren vier Karrierejahren ständig ein Bestseller, 2007 ist sie Deutschlands meistverkauftes Bike, ein Drittel aller verkauften BMWs sind eine 1200er GS. Trotzdem: Die Konkurrenz für den Boxer-Kardan-Allrounder wird immer größer, da kann man schon mal vorbauen: Moto Guzzi Stelvio und Moto Morini Granpasso 1200 stehen in den Startlöchern, die Triumph Tiger ist sehr erfolgreich, und Rivalen wie Suzuki V-Strom, KTM 990 Adventure oder Honda Varadero bleiben auch nicht auf der Stelle stehen.Kritiker werfen dem Facelift der GS vor: Optisch gewöhnungsbedürftig, technisch nicht ganz nachvollziehbar. Im Brennpunkt der Unsicherheit: Der höher verdichtete Motor der R 1200 R wurde für die neue GS leicht eingebremst und hat mit 105 gerade mal sieben PS mehr als der Vorgänger-Antrieb. Der lag aber nur aus Versicherungsgründen offiziell bei 98 PS, Prüfstandsmessungen lagen oftmals bei gut 100 PS, was innerhalb der Toleranz liegt und an der günstigeren Versicherungsklasse nichts ändert. Jetzt aber kostet die neue GS wegen ein paar Pferdestärken mehr Versicherung.
Kein Super Plus nötig
Wenigstens blieben die GS-Kunden vorm Schreckgespenst Super Plus verschont. Denn dank nicht ganz so hoher Verdichtung wie bei der 1200 R reicht dem neuen GS-Boxer weiterhin Super, zur Not tut`s auch Normal. Das ist besonders deshalb wichtig, weil auch die weltweit für Abenteuerreisen eingesetzte R 1200 GS Adventure davon betroffen ist. Super Plus zwischen Assuan und Wadi Halfa? Das wäre schwierig geworden.Weitere Neuerungen: Da der Motor höher dreht (jetzt bis 8.000/min), konnte die Endübersetzung verkürzt werden, und auch die übrigen Gangstufen wurden geändert. Mehr, als es das leichte Leistungsplus vermuten lässt, sollte die neue GS dadurch an Spritzigkeit gewinnen. Außerdem hat BMW die Schaltkinematik weiter optimiert, Gangwechsel sollten deshalb noch geschmeidiger geschehen als bisher.
ESA mit Gelände-Programm
Weiter in der Technik: Auch die GS gibt`s jetzt mit dem elektronisch verstellbaren Fahrwerk ESA, und zwar hier zusätzlich mit Geländeprogramm, was zu 15 verschiedenen Einstellungen von Federung und Dämpfung geführt hat. Ebenfalls ein Plus im Gelände: Die Aufnahme des Lenkers ist asymetrisch, dadurch kann man den Alulenker nach vorne verlegen – ein Vorteil für Geländefahrer oder Großgewachsene. Sie alle kommen auch noch in den Genuß von verbessertem Sitzkomfort. Manche GS-Fahrer klagten bisher nach zwei Jahren über duchgesessene Polster; damit soll jetzt Schluss sein.Und optisch? Ein veränderte Farbpalette (Orange, Silber, Schwarz, Blau) und neue Seitenteile am Tank fallen am stärksten ins Auge. Die Edelstahl-Tankblenden wirken hochwertig und sind dank Nano-Beschichtung schmutzabweisend. Auffallend auch: Am Heck leuchtet jetzt ein LED-Rücklicht deutlich schneller und heller und somit sicherer.
Verhaltene Reaktionen auf die Neue
Wie die Reaktionen von rund 50 GS-Fahrern bei der Präsentation der neuen GS beim BWM-Händler Tommy Wagner in Gräfelfing zeigten, ist für viele BMW-Kunden die edlere Optik dennoch gewöhnungsbedürftig. Ein wenig martialisch, weniger elegant komme die GS jetzt daher, so die Meinung vieler Kunden. Und: Warum die Vorderradgabel jetzt golden statt silbern sein muss, ist vielen auch nicht klar.Es ist aber wohl kaum etwas so schwer, wie die eher konservative GS-Klientel von etwas Neuem zu überzeugen. Das ist jetzt mit der neuen GS zumindest teilweise gelungen, denn Verkaufsleiter Rainer Wallrapp zog nach der Premiere in den Gräfelfinger Verkaufsräumen von Tommy Wagner positive Bilanz: „Aufgrund der eingegangenen Aufträge schauen wir dem Jahrgang 2008 optimistisch entgegen.“
Herantasten an ESA und Optik
Die GS-Kunden mussten sich sichtlich erst mal herantasten an die neue Maschine. Im Falle des ESA mit der Verstelltaste links „herantasten“ im wahrsten Wortsinne: Die neue GS Adventure war im Verkaufsraum von Tommy Wagner mit Fremdstrom gespeist, damit von den vielen ESA-Tests der neugierigen Kundschaft nicht die Batterie in die Knie geht. Das tat dann nur das Fahrwerk, und zwar vor allem vorne, wenn man die 15 verschiedenen Einstellungen per Tastendruck durchprobierte.Gut angekommen ist vor allem das LED-Rücklicht. So gut, dass es ein Renner als Zubehör für die alte GS werden dürfte. Der Preis für eine LED-Umrüstung steht noch nicht fest, aber die Nachfragen kommen zahlreich. Fahrer der GS Baujahr 2007 und älter versprechen sich davon ein deutlich besseres Rücklicht, das im Unterschied zu bisherigen LED-Lichtern aus dem Zubehörhandel leuchtstärker und absolut zuverlässig sein dürfte.
Man braucht sie nicht, man will sie
Wer braucht die neue GS? Niemand. Aber: Die alte GS brauchte ebenfalls niemand, denn wer „braucht“ schon ein Motorrad für gut 12.000 Euro? Man wollte sie gerne wegen verschiedenster Vorzüge haben. So kann man zum Facelift sagen: Wer sich bewusst eine neue GS zulegt, wird die höheren Versicherungskosten gerne in Kauf nehmen. Wer auf die paar Mehr-PS und weitere Neuerungen partout keinen Wert legt, kann sich noch eine GS Jahrgang 2007 sichern – als ausgereiftes, problemloses Auslaufmodell.

