Formel 1 2010: Deutschland

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: Ferrari-Show mit Slapstick-Einlage

Hockenheim – Ferrari versaut sich selbst seine sportliche Wiederauferstehung mit einer extrem plump durchgeführten Stallorder. Sebastian Vettels WM-Ambitionen könnten seiner Schwäche beim Start zum Opfer fallen. Alle anderen sind in Hockenheim nur Statisten. ( , 26.07.2010)

Die Deppen, nicht die Helden

Das schafft auch nur Ferrari: Da kämpft die Scuderia erstmals seit dem Saisonauftakt in Bahrain wieder ein ganzes Rennwochenende auf Augenhöhe mit den Schnellsten. Die Piloten fahren ein starkes Qualifying, setzen sich am Start kompromisslos durch. Das Team fährt einem völlig verdienten Doppelsieg entgegen. Eine grandiose und nicht zu erwartende sportliche Wiederauferstehung. Und dann machen sie sich alles selbst kaputt, indem Teamchef Stefano Domenicali einen Platztausch anordnet, obwohl Stallregie in der Formel 1 verboten ist. Nun sind sie die Deppen, nicht die Helden. Imageverlust statt Imagegewinn. Ein Aufschrei geht durch die Formel 1, die Medien und die Fanschar. Ferrari ist das Krebsgeschwür der Formel 1, so der Tenor. Doch mal langsam, ganz so einfach ist es nicht. Denn die Misere hat viele Schuldige, und der eine oder andere Experte sollte an seinem Gedächtnis arbeiten. Doch der Reihe nach…

Jean Todt
"Let Michael pass for the championship!" Mit dieser Aufforderung an Rubens Barrichello sorgte Jean Todt in seiner Funktion als Ferrari-Teamchef 2002 beim Österreich-Grand Prix für Aufsehen.

Geheimdienst-Codes auf Kindergarten-Niveau

Zum Beispiel die Rolle der FIA. Der Motorsport-Weltverband erlässt eine Regel, die eigentlich keine ist. Und behauptet, damit die Stallregie verboten zu haben. Denn in Wirklichkeit wird die FIA diese nie nachweisen können, obwohl sie das nach dem eigenen Regelwerk tun muss, um die entsprechenden Strafen aussprechen zu können. Das würde bedeuten, dass ein Team über Funk einen konkreten Überholbefehl aussprechen muss. So wie Ferrari 2002 beim Österreich-GP, als Teamchef Jean Todt Rubens Barrichello über Funk anwies: „Let Michael pass forthechampionship!“ Dieses Manöver ist übrigens der Grund für das Pseudo-Stallorder-Verbot, das die Teams veranlasst, ihre Befehle in der Form zu verschlüsseln, wie es Ferrari in Hockenheim getan hat. Dort hieß es: „Fernando isfasterthanyou. Can you confirm that message?“ Auf deutsch: „Fernando istschnellerals Du. Kannst Du diese Mitteilung bestätigen?”

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: Stefano Domenicali
Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali behauptet, Felipe Massa hätte Fernando Alonso aus freien Stücken vorbei gelassen. Wieviel Wahrheit in dieser Behauptung liegt, hat man Massa nach dem Rennen deutlich angesehen.

Die FIA und das selbst geschaffene Dilemma

Damit ist Ferrari aus dem Schneider. Denn nun kann Domenicali folgendermaßen argumentieren: „Wir überließen es den Fahrern, das zu verstehen und sicherzustellen, dass das für das Team beste Ergebnis herauskommt.“ Das hieße, Massa hätte selbst entschieden, in Runde 48 mit federleichtem Fuß auf das Gaspedal zu steigen und seinen Teamkollegen passieren zu lassen. Obwohl die Bilder bei der Siegerehrung und der Pressekonferenz eine andere Sprache sprechen, wird es für die FIA unmöglich sein, eine Teamorder zu beweisen. Einen Indizien-Prozess darf sie nicht führen, weshalb es bei der lächerlichen 100.000 Dollar-Strafe bleiben wird.

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: Christian Horner
Christian Horner, der Teamchef von Red Bull, kritisiert Ferrari für dessen Verhalten in Hockenheim. Dabei hat Horner beim Türkei-Grand Prix Ähnliches angeordnet - nur dort ging es schief.

Doppelmoral an allen Ecken

Zudem sollte an dieser Stelle die Doppelmoral in der Formel 1 angesprochen werden.Erstens: Die der Medien. Man stelle sich vor, Ferrari und Alonso starten tatsächlich noch eine Aufholjagd, und der Spanier verliert am Ende den Titel um sieben Punkte. „Hättet Ihr damals Alonso vorbeigelassen, Ihr Deppen“, würden dann die Kommentare lauten. Dass dies eigentlich verboten ist, hätte dann sicher keine Relevanz mehr.Zweitens: Die der sogenannten Experten. Rückblende: Vor zwei Wochen kritisiert Niki Lauda das Red Bull-Team heftig dafür, wie es zulassen kann, dass sich seine beiden Piloten am Start so hart duellieren. Jetzt kritisiert er Ferrari dafür, dass sie genau das nicht tun. Zwei vollkommen unterschiedliche Meinungen in zwei Wochen – das kann sonst nur Franz Beckenbauer. Und drittens: Die der anderen Teams. Das gibt Red Bull-Teamchef Christian Horner folgendes zu Protokoll: „Es sah aus wie eine Teamorder, wo die beiden Autos die Positionen tauschen. Wenn das so war, ist es eine Schande für die Formel 1 und die Fans, weil sie eines Rennens zwischen den zwei Ferrari-Fahrern beraubt wurden.“ Das Rennen in der Türkei ist gerade einmal acht Wochen her, und Herr Horner hat schon vergessen, dass er damals genau das angeordnet hat, was Ferrari in Hockenheim getan hat. Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal funktioniert hat und sich seine Piloten bei dem Manöver gegenseitig in die Autos gefahren sind.

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: Start
Sebastian Vettels Startschwäche könnte zum entscheidenden Nachteil im Saison-Endspurt werden.

Vettel und die Schwäche am Start

Das Thema Stallregie werden wir morgen an dieser Stelle noch ausführlich diskutieren. Deshalb nun zu den anderen Themen des Hockenheim-Wochenendes. Zum Beispiel Sebastian Vettel. Da erobert sich der Lokalmatador im Qualifying heroisch die Pole, um sie am Start sofort wegzuwerfen. Das kann durchaus passieren, tritt bei Vettel aber zu häufig auf – zuletzt in Silverstone vor zwei Wochen. Zwar hat der Deutsche mit seinem dritten Platz den Abstand auf die WM-Spitze verkürzt, die Startschwäche könnte aber zum entscheidenden Nachteil im Saison-Endspurt werden. Wer auf Pole steht, muss als Führender in die erste Kurve einbiegen. Dieser Grundsatz gilt auch für Vettel.

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: McLaren-Mercedes
McLarens großes Technik-Update vor Silverstone, als möglicher entscheidender Baustein für die Weltmeisterschaft gepriesen, entpuppt sich bisher als Luftnummer.

Von Aufsteigern und Absteigern

Trotz aller Nebengeräusche: Sportlich gesehen ist Ferrari der Aufsteiger des Deutschland-Grand Prix. Das gesamte Wochenende sind die Roten vorne dabei, bewegen sich auf Augenhöhe mit Vettel und sind stets schneller als Webber. Der Doppelsieg ist hochverdient, kommt zustande durch eine starke Performance und konsequente Manöver beim Start. Kann die Scuderia das konservieren, gibt es eine Chance zumindest auf den Fahrertitel. Der ist auch bei McLaren-Mercedes noch vorhanden, doch hier geht der Trend klar in die falsche Richtung. Das große Technik-Update vor Silverstone, als möglicher entscheidender Baustein für die Weltmeisterschaft gepriesen, entpuppt sich bisher als Luftnummer. Der neue Diffusor, eine Kopie des Red Bull-Systems, funktioniert nicht wie gewünscht. Sollte McLaren das Problem nicht in den Griff bekommen, muss das Team auf die Highspeed-Strecken Spa, Monza und Suzuka vertrauen. Doch der restliche Rennkalender hält noch fünf andere Strecken parat,die eher der Konkurrenz liegen sollten. Das könnte eng werden für die Titelambitionen des McLaren-Teams.

Formel 1 2010 Deutschland – Analyse: Mercedes GP
Selbst beim Heimrennen hat das Mercedes-Team nur eine sehr dezente Leistung gezeigt. Nur sechs Punkte für die Silbernen - langsam sollten sie all ihre Energie auf die Saison 2011 verwenden.

Alle anderen sind Statisten

Über die anderen Fahrer und Teams muss man keine weiteren Worte verlieren – sie kamen in Hockenheim nicht über Statistenrollen hinaus. Sei es Mark Webber, das Mercedes-Team oder Renault. Das ändert sich hoffentlich schon am kommenden Wochenende wieder, denn dann geht es in Ungarn weiter. Wir hoffen, dass die Formel 1 dann wieder so viele Schlagzeilen produziert – dann aber bitte aus sportlichen Gründen.

Am Dienstag, den 27. Juli auf www.motorvision.de: Wir diskutieren das Thema Stallregie. Pro und contra: Gehört die Teamorder zum Sport oder gehört sie verboten. Wir beziehen Stellung!

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