Spa-Francorchamps – Im verregneten Spa beweist Lewis Hamilton, dass mit ihm im WM-Kampf immer noch zu rechnen ist. Sebastian Vettel wird mal wieder Opfer seiner eigenen Ungeduld, das Mercedes-Duo betreibt Werbung in eigener Sache. (Thomas Harloff , 30.08.2010)
Action ist in Spa einfach garantiert
Spa-Francorchamps ist immer eine Reise wert. Vielleicht nicht gerade für Sonnenanbeter, sondern eher für Freunde des Regens und frostiger Temperaturen mitten im Sommer. Und für Formel 1-Fans sowieso. Auf der Ardennen-Achterbahn ist Action garantiert, wofür einerseits die herausfordernde Streckencharakteristik, andererseits das unvorhersehbare Wetter sorgen. Und so war Saisonrennen Nummer 13 eines der dramatischsten in einer an Spannung nicht gerade armen Saison. Zahlreichen Gewinnern stehen mindestens ebenso viele Verlierer gegenüber. Zu Ersteren gehören auf jeden Fall die Mercedes-Teams, Red Bull und Ferrari sollten den Belgien-Grand Prix dagegen schnellstmöglich abhaken.
McLaren meldet sich zurück
McLaren-Mercedes hat in Spa eine regelrechte Wiederauferstehung gefeiert. Seit Silverstone waren die Briten praktisch weg vom WM-Fenster, nach seinem Sieg ist Lewis Hamilton nun sogar Spitzenreiter. Hoffnung schöpfen die Mannen um Teamchef Martin Whitmarsh vor allem daraus, dass die chromfarbenen Boliden das ganze Wochenende sehr schnell waren. Und das nicht nur auf den Streckenabschnitten, die viel Motor-Power erfordern. Im aerodynamisch anspruchsvollen Teil der Strecke haben die McLaren-Boliden weniger Zeit auf Red Bull und Ferrari verloren als befürchtet. Das gibt Hoffnung für die Rennen in Asien und Brasilien, für die bisher die Roten Bullen und Ferrari als Topfavoriten galten. Sollte McLaren – wie von den meisten Experten vorausgesagt – vorher in Monza kräftig punkten, scheinen sie durchaus das Potenzial zu haben, ihre gute Ausgangsposition in der Weltmeisterschaft zu verteidigen.
Sebastian Vettel und der Konjunktiv
Genau diese hätte sich Sebastian Vettel in Spa ebenfalls erarbeiten können. Das Problem: Das Wörtchen „hätte“ muss in Zusammenhang mit dem jungen Deutschen in diesem Jahr recht oft verwendet werden. Mehrfach hat sich Vettel mit schlechten Starts um Punkte gebracht, in Budapest durch seine Schlafeinlage in der Safety Car-Phase Zähler verschenkt. Diesmal wurde er Opfer seiner eigenen Ungeduld. Statt einzusehen, dass Hamilton nicht zu schlagen und Jenson Button auf der Geraden einfach zu schnell ist und somit auf eine bessere Gelegenheit zu warten, reitet er eine Attacke gegen den amtierenden Weltmeister, ohne in einer perfekten Position zu sein. Das kostet nicht nur ihn, sondern auch Button, der danach das Rennen aufgeben muss, wertvolle Punkte im WM-Kampf.Nun liegt Vettel in der WM-Wertung bereits 31 Punkte hinter Hamilton und 28 Zähler hinter Mark Webber. In den nächsten beiden Rennen gilt für Vettel: Unbedingt Fehler vermeiden und deutlich mehr Punkte holen als der Teamkollege, um zu vermeiden, dass die Teamoberen bald alle Karten auf den Australier setzen.
Fernando Alonso wie Don Quijote
Genau das hat das Ferrari-Team bisher bei Fernando Alonso gemacht. Und das wird es auch weiterhin tun.Angesichts von 41 Punkten Rückstand ähnelt der WM-Kampf des Spaniers allerdings inzwischen dem seines Landsmannes Don Quijote gegen die berühmten Windmühlen. Was er auch tut, letztlich kann Alonso nicht gegen die McLaren- oder Red Bull-Boliden ankämpfen, weil er immer wieder Rückschläge erleidet. Zwei überlegene Trainingsbestzeiten am Freitag und Felipe Massas vierter Platz im Rennen zeigen, dass Ferraris Grundspeed in Ordnung ist. Nur mit den Wetterkapriolen im Qualifying kam Alonso gar nicht klar, und dann führt eins zum anderen. Nur der zehnte Startplatz, weshalb er sich schnell Mittelfeld-Scharmützel liefern muss, Crash mit Rubens Barrichello in Runde eins, Aufholjagd, zu viel Risiko bei nassen Bedingungen, Un- und Ausfall – so Alonsos Spa-Auftritt in Kurzform. Beim Heimrennen in Monza muss Ferrari zurückschlagen, sonst heißt es für Alonso endgültig: Adios, WM-Titel númerotres.
Gesundes Selbstbewusstsein à la Rosberg
Die Weltmeisterschaft 2010 haben die Mercedes-Piloten schon lange abgehakt, was sie aber nicht davon abhält, nochmals auf sich aufmerksam zu machen. Nun war die Ausgangssituation mit den Startplätzen 14 (Rosberg) und 21 (Schumacher) alles andere als ideal, weshalb die Platzierungen sechs (Rosberg) und sieben (Schumacher) umso höher bewertetwerden müssen. Die Ergebnisse sind einzig auf die fahrerische Klasse der beiden Deutschen zurückzuführen, denn das Auto liegt im Ranking endgültig nur noch im Mittelfeld. Und wieder hat Rosberg dem Altmeister mit seinem Überholmanöver kurz vor Rennende gezeigt, dass er sich nicht so unterbuttern lässt wie so viele Schumi-Teamkollegen vor ihm. Das war ein Statement nach dem Motto: „Wenn es das Auto zulässt, will ich im nächsten Jahr der WM-Kandidat des Mercedes-Teams sein“. Gesundes Selbstbewusstsein à la Rosberg.
Kubica und Sutil machen ihre Meisterstücke
Und dann gibt es noch zwei weitere große Gewinner des Rennens in Spa: Robert Kubica und Adrian Sutil. Der polnische Renault-Pilot hat sich bereits die dritte Podestplatzierung dieser Saison geschnappt und steht immer dann Gewehr bei Fuß, wenn die Konkurrenz patzt. Grandiose 104 WM-Punkte stehen für Kubica bereits zu Buche – 85 (!) mehr als bei Teamkollege Petrov. Keine Frage: Hier ist in dieser Saison ein künftiger WM-Kandidat gereift. Von diesem Prädikat ist Adrian Sutil noch ein Stück entfernt, aber in Monza muss man den Gräfelfinger mit Wohnsitz in der Schweiz für den Grand Prix-Sieg auf dem Zettel haben. Furchtlos wie immer, wie unter anderem das Überholmanöver gegen Michael Schumacher gezeigt hat,strategisch stark undfahrerisch überlegt hat sich Sutil in Spa Platz fünf geholt – und war damit erstmals in seiner Karriere bester Deutscher. Nachdem er nun auch in der WM-Wertung an Schumi vorbeigegangen ist, darf man ruhigen Gewissens behaupten: Sutil macht in diesem Jahr sein Meisterstück.
Auch wenn sich die WM-Spitze ein wenig entzerrt hat: Zwischen den beiden Führenden Hamilton und Webber liegen nur drei Punkte. Spannung ist also weiterhin garantiert – auch für die Ferrari-Festspiele, die in zwei Wochen in Monza stattfinden. Motorvision ist dann natürlich wieder in gewohnter Ausführlichkeit dabei.