Reportage Goodwood 2010

Festival of Speed 2010: Das schnellste Pick Nick der Welt

Jenson Button lässt es röhren, Rauno Aaltonen donnert durch die Waldschonung und Sir Stirling Moss posiert neben britische Schönheiten. Wenn der ehrwürdige Lord March zum Festival of Speed nach Goodwood lädt, ist halb England auf den Beinen und huldigt dem Motorsport. ( , 05.07.2010)

Guter Draht zum Fußballgott

Der ehrwürdige Earl of March, britischer Großgrundbesitzer und Kämpfer für den bürgerlichen Motorsport, hat scheinbar beste Verbindungen nach Südafrika und den Fußballverbänden von Deutschland und England. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich die englische Fußballnationalmannschaft derart indisponiert im Achtelfinale gegen Deutschland verabschiedete? Ein Sieg der Briten hätte der spätere Todesstoß für das legendäre Festival of Speed in Goodwood sein können. Dann wäre es zu einem Viertelfinale bei der Fußball-Weltmeisterschaft England gegen Argentinien gekommen und der samstägliche Höhepunkt des legendären Festivals of Speed wäre bei einem Erfolg der „Three Lions“ gegen Deutschland wohl zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Doch es kam bekanntlich alles anders und ganz im Sinne des Earls. Deutschland siegte klar und so konnten die britischen Motorsportfans ihre ganze Aufmerksamkeit dem Hill Climb schenken.

ReportGoodwood2010_bugattiveyron
Gibt es nur in Goodwood: Lotus Formel-Rennwagen nebst zwei Bugatti Veyron und einem Maserati Quattroporte auf der Strecke.

Die Liebe zu Lord March

Lord March und seine Liebe zum Motorsport – nicht nur die Briten im Süden des Landes lieben ihn dafür. Wenn er nach Goodwood lädt und die Welt der Sportwagen aus den vergangenen Jahrzehnten einmal mehr wieder aufleben lässt, gibt es für die meisten Automobilisten kein Halten mehr. Die meisten der bis zu 100.000 Zuschauer kommen aus England, doch auch aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden kommen tausende von Rennsportfans nach Südengland und genießen Rennsport wie in der guten alten Zeit, als hybrides Gedankengut und regenerative Bremssysteme noch Zukunftsspinnereien waren. Davon lassen sich selbst Rennsportlegenden wie Sir Stirling Moss oder Jacky Ickx oder aktuelle Formel-Fahrer wie Nico Rosberg oder Jensen Button anstecken.

Reportgoodwood2010_quattroporte
Der Maserati Quattroporte 2 wurde zwischen 1974 und 1978 lediglich 13-mal gebaut. Mit Frontantrieb und Citroen-Motor war er aber auch zum Scheitern verurteilt.

Immer wieder etwas ganz besonderes

Die Aufgabe, die ihnen Lord March stellt, ist alles andere als anspruchsvoll. Mit einem entsprechend motorisierten Rennwagen soll der Hill Climb in Bestzeit bezwungen werden. Zehntausende von Zuschauern drängen sich an die kaum ernsthaft abgesicherte Strecke auf dem mächtigen Grundstück des Earl. Die Zuschauer kommen ganz nah an ihre Stars heran, dürfen Benzin schnuppern, Reifenabrieb in sich aufsaugen und ein Pick Nick machen, wo sonst geputtet und abgeschlagen wird. „Es ist immer wieder etwas ganz besonders hierher zu kommen“, strahlt Formel-1-Pilot Nico Rosberg, nachdem er die kurze Bergstrecke in einem aktuellen Mercedes-Renner in einer Bestzeit von 41 Sekunden bezwungen hat, „am liebsten wäre ich mit einem alten Rennwagen gefahren. Aber beim nächsten Mal wieder.“ Lord March ruft und die Motorssportszene kommt in Scharen. Selbst die unnahbaren Formel-1-Verantwortlichen schicken Fahrer, Auto und Teams zum Schaulaufen in die Nähe von Chichester. Der Termin Festival of Speed ist im internationalen Terminplan gesetzt, ganz egal ob der seichte Hügel in einem 40 PS starken Mercedes Simplex oder einem 700 PS starken Formel-Boliden aus den 80ern erklommen wird. Den meisten ist die Bestzeit schnuppe, viel mehr zeigt man sich, lässt ordentlich Gummi auf der Piste und schwänzelt mit dem Heck über die kaum vorhandenen Randsteine.

reportgoodwood2010_Alfa Carabo
Der Alfa Romeo Carabo ist eine Studie von 1968 und wurde von Marcello Gandini für Bertone designed. Heute steht er in Alfas Museo Storico in Arese.

Wer etwas auf sich hält, kommt nach Goodwood

Auf einem kleinen Rundkurs im Wald zeigen Rallyelegenden wie Rauno Aaltonen, dass der Blick nach vorn auch durch die Seitenscheibe überaus verlockend sein kann. Derweil tummeln sich im Fahrerlager tausende von Fans und beäugen die Boliden aus längst vergangener Zeit. Die Stimmung in Goodwood ist einzigartig – wenn das Wetter wie in diesem Jahr stimmt. Das Festival of Speed zelebriert automobile Höhepunkte wie 100 Jahre Alfa Romeo oder den 60. Jahrestag, als Giusieppe Farina die erste Formel-1-Weltmeisterschaft feiern konnte. Längst hat sich das Festival of Speed auch zu einem Marktplatz der Autohersteller entwickelt. Wer in der Automobilbranche etwas auf sich hält, kommt im Juli nach Goodwood. Die Markentempel sind so groß, dass es sich auch um eine idyllische IAA handeln könnte. Autohersteller wie Mercedes, Alpina, Jaguar oder McLaren zeigen auf der Leistungsschau des Automobilsports mittlerweile sogar neue Autos wie den überarbeiteten Mercedes CL oder den Jaguar XKR Speed.

reportgoodwood2010_ferrariformel1
Ordentlich Gummi geben im Ferrari Formel 1-Renner. Beim Festival of Speed kommen die Zuschauer in jeder Hinsicht voll auf ihre Kosten.

Nicht einmal im Museum

Ein breiterer Überblick über die automobile Rennszene als in Goodwood lässt sich an einem Event weltweit sonst kaum bekommen. Mika Häkkinen steuert einen brüllenden 1955er Mercedes W 196 den Hügel hinauf. „Langsam fahren kann der alte Renner einfach nicht. Der braucht hohes Tempo. Einfach ist es daher nicht, ihn hier den Berg hinaufzufahren.“ In Goodwood sind Rennwagen zu bestaunen, die kann man das ganze Jahr über nicht einmal im Museum sehen. Im Süden Englands fahren sie drei Tage lang durch die seichten Hügellandschaften. Sierra RS 500 Cosworth, BMW M3 DTM, Alfa 158, das Batmobile BMW 3.0 CSL kreischen, brüllen und donnern die zweieinhalbfache Rechtskurve am Schloss des Earl unter Johlen und Applaus der Zuschauer ebenso hinauf wie Porsche 904, das aktuelle BMW Artcar oder der Lotus-F1 von 1978.

reportgoodwood2010_citroenrallye
Seit 2007 wird auf einem 2,5 Kilometer langen Waldweg auch hemmungslos quer gefahren. Aktuelle Boliden aus der Rallye-WM treffen dabei auf Rallye-Legenden wie den Audi Sportquattro oder den Lancia Stratos.

Hier gehen die Uhren anders

Da die Automessen von London und Birmingham seit Jahren dem britischen Automobiltod geweiht scheinen, versucht Lord March mit der „Moving Motorshow“ eine Publikumsmesse der anderen Art nach Vorbild des GM-Motorama aus den 50er Jahren zu erschaffen. Gerade noch Pick-Nick, Sonnenbrand und Pimms auf dem Rasen, danach zum Autostaunen in die weißen Messe-Pavillons um einen Blick auf die Neuheiten von Mercedes, Toyota, BMW, Audi, oder Porsche zu erhaschen. In Goodwood gehen die Uhren eben etwas anders. Hoffentlich bleibt es dabei.

BEWERTE DIESEN ARTIKEL
rating_image rating_1 rating_2 rating_3 rating_4 rating_5
KOMMENTARE
Ähnliche Artikel

Goodwood Festival of Speed 2010

Goodwood 2010: Viva Veloce

Die größte Motorsport-Gartenparty der Welt, das Mekka für Rennsportfans oder einfach das Goodwood Festival of Speed findet in diesem Jahr vom 2. bis zum 4. Juli statt. Wenn der Lord of March in seinen riesigen Park lädt, kommen nicht nur die schnellsten, exklusivsten und geschichtsträchtigsten Autos, sondern auch die geballte Rennfahrer-Prominenz.

Reportage: Goodwood Revival

Stilfrage beim Goodwood Revival

Musik liegt in der Luft: Die Musik der 50er und 60er Jahre vermischt sich mit dem Sound der V8-Rennmotoren. Das gibt´s jedes Jahr nur einmal - beim Goodwood Revival im Süden Englands.

Essen Motor Show 2010

Essen Motor Show 2010: Sonderschau 100 Jahre Alfa

Immer eine herzerwärmende Freude: Die Sonderschauen im Classic & Prestige Salon der Essen Motor Show. In diesem Jahr kommt man an einer Marke freilich nicht vorbei: Alfa Romeo wird zum Abschluss der 100-Jahr-Feierlichkeiten mit einer Ausstellung seiner legendärsten Rennwagen geehrt.

Goodwood Festival of Speed

Racing Revolutions in Goodwood

Huldigung an Leistung und Geschwindigkeit – in Goodwood dreht sich alles um Power, historischen Motorsport und Oldtimer. Zu diesem Zweck versammelte sich wieder alles was Rang und Namen in der Motorsportszene hat.

Team-Portrait McLaren-Mercedes

McLaren-Mercedes: Ex-Favorit im Rückwärtsgang

Trotz zweier Ex-Weltmeister hinter den Lenkrädern hat es für McLaren-Mercedes 2010 nicht für einen Titel gereicht. Die Briten gehen personell unverändert in die neue Saison, auch wenn das Motto "Stillstand bedeutet Rückschritt" wahr werden könnte.
Ähnliche Videos

Alfa Romeo Montreal

Motorvision stellt das wunderschöne Italo-Coupé mit V8-Motor und Rennsporttechnik vor.

Extremtour Alfa Romeo Spider

Jumbo und Meci auf Spritspar-Tour: Im Alfa Spider mit nur einer Tankfüllung von München nach Neapel.

Alfa Romeo 8C Spider

Motorvision zeigt, was Alfa Romeos hochexklusiver V8-Roadster kann.

Alfa Romeo Crosswagon Q4

Auch Alfa Romeo wollte einst auf den Zug der höhergelegten Offroad-Allrad-Kombis aufspringen und legte den Crosswagon Q4 auf. Erfolgreich war der Crosswagon in Deutschland nie, dabei hat er durchaus seine Qualitäten.

Moderation Alfa Romeo 8C Competizione

Wolfgang Rother nimmt sich den wunderschönen V8-Sportler von Alfa Romeo zur Brust.

McLaren MP4-12C

Die Formel 1-Piloten Jenson Button und Lewis Hamilton testen den neuen Supersportwagen McLaren MP4-12C.
MOTORVISION MAGAZIN
MOTORVISION AUF FACEBOOK
AKTUELLES VIDEO
Lucy bei Knud Tiroch Teil 6
FACEBOOK EMPFEHLUNGEN
BILDERGALERIEN