Ehrfurcht
Manchmal beginnen die schönsten Erlebnisse mit Ehrfurcht. Man stellt sich voller Respekt der nächsten Aufgabe, weil man weiß: Es ist eine große, eine wichtige. Schließlich soll der aktuelle Porsche 911, den Autofans unter dem Zahlencode „997“ kennen, gebührend in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet werden. Und dann steht auch noch die zügelloseste serienmäßige Ausbaustufe des Zuffenhausener Sportwagen-Urgesteins zum Test bereit: der GT2 RS. Respekt einfordernde 620 PS, furchteinflößende 700 Nm und ein Leistungsgewicht von angst und bange machenden 2,33 Kilo pro PS – nur logisch, dass sich die Emotionen dabei überschlagen.
Vorfreude
Mit feuchten Händen geht es also rein in die gute, wenn auch karg ausgestattete, Stube. Einmal in den überraschend bequemen, allerdings sehr eng geschnittenen Vollschalen Platz genommen, weicht die Ehrfurcht der Vorfreude. Der Blick schweift über den Porsche-typisch zentral angeordneten Drehzahlmesser und den in 50 km/h-Schritten skalierten Tacho links neben das Lenkrad. Da sitzt traditionell das Zündschloss, das nun endlich mit dem passenden Schlüssel penetriert werden muss. Schließlich hat auch die Geduld eines Redakteurs irgendwann ein Ende. Und einfach alles im Porsche-Cockpit fordert: „Ich will fahren, nicht stehen!“ Also fahren wir…
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- Ja, dieser Heckflügel muss sein, denn er hat vielschichtige Aufgaben zu erfüllen. Natürlich ist er in erster Linie dazu da, den Auftrieb an der Hinterachse zu reduzieren.
Muffensausen
Anfangs behutsam, denn Startpunkt der Tour ist mitten in der Münchner City. Und eins ist klar: Mit einem Porsche 911 GT2 RS und der Innenstadt verhält es sich wie mit Guido Westerwelle und dem Big Brother-Container. Irgendwie passt es nicht, aber es lässt sich auch nicht immer vermeiden. Und so reiht sich der domestizierte Rennwagen ein in die Armada all dieser Kleinwagen, Vertreterkombis und Transporter – und stellt sich dabei gar nicht so schlecht an. Überraschenderweise ist der Elfer übersichtlicher als die meisten aktuellen Standard-Autos, und auch das straffe Kupplungspedal und das kernige Sechsgang-Schaltgetriebe stellen nach einer kurzen Eingewöhnung kein Problem mehr dar. Also schlängelt sich der RS souverän Richtung Autobahn, auf die er voller Vorfreude und mit optimal temperierten Reifen und Flüssigkeiten zusteuert.
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- 237.578 Euro kostet der Porsche 911 GT2 RS mindestens. Natürlich kann man noch einiges an schwergewichtiger Ausstattung reinpacken, aber Kenner belassen ihn so asketisch wie möglich.
Wohlgefühl
Schon die Autobahn-Eingangskurve, eine Dritte-Gang-180-Grad-Kehre, verheißt Wonniges. „So schnell ging die noch nie, egal mit welchem Auto“, schießt es dem unverhohlen grinsenden Redakteur durch den Kopf. Dabei war das noch lange nicht das Limit. Aber das ist nur die freudige Ouvertüre eines Highspeed-Ritts, bei dem in erster Linie der Motor auf dem Prüfstand steht. Stadtauswärts ist das Tempo noch reglementiert, ein paar Kilometer stehen 90 km/h im sechsten Gang auf dem Programm. Hier zeigt sich: Auch ein Porsche GT2 RS kann cruisen, wenn er will, und dabei noch Sprit sparen und sich mit gut zwölf Litern im Schnitt begnügen. Das Biest verharrt noch im Chillout-Modus (draußen ist es schließlich heiß), verleitet noch nicht einmal übermäßig dazu, den eigenen Führerschein auf´s Spiel zu setzen.
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- Die Eckdaten des Sechszylinder-Boxer mit Twin Turbo-Aufladung: 620 PS und 700 Nm. Das liest sich beeindruckend und fühlt sich auch so an.
Erhabenheit
Das geht dann auch kaum noch, als der Porsche unser liebstes Verkehrsschild – Ihr wisst schon: das weiße runde mit den schwarzen Diagonalstreifen – passiert. Hier mache ich einen Fehler: Ich schaltet nicht zurück. Denn bei niedrigen Drehzahlen beschleunigt der GT2 RS, nun ja, allenfalls normal. Aber da Fehler dazu da sind, aus ihnen zu lernen, passiert dieses Malheur kein zweites Mal. Als sich die nächste Schleichfahrt durch die 80er Zone ihrem Ende nähert, befindet sich der Schalthebel in der Gasse des dritten Gangs. Und als der rechte Fuß das Spaßpedal malträtiert, kennt die schwäbische Fahrmaschine kein Halten mehr. 3,5 Sekunden von Null auf Hundert? Porsche, das glauben wir Dir unbesehen, weil oberhalb von 3.500 Touren, wenn die beiden Turbos mit unglaublicher Vehemenz drücken, die Tränen der Ergriffenheit - frei nach Walter Röhrl - tatsächlich waagerecht zum Ohr hin abfließen. Doch nicht nur die Augenpartien sind feucht, auch die Hände, die Stirn und der …, okay, lassen wir das. Auf jeden Fall ist diese Beschleunigung abartig, hirnrissig, unverschämt – und absolut geil und süchtig machend.
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- Der Porsche 911 GT2 RS verblüfft mit unerbittlicher Leistung, erbarmungsloser Straßenlage, barbarischer Traktion und ist ein wahrer Rennwagen für die Straße.
Konzentration
Aber es bleibt keine Zeit für Gefühlsduselei, schließlich müssen - wie erwähnt - die Sinne stets geschärft sein. Da das Drehzahlband turbo-typisch ein eher schmales ist, muss die rechte Hand im Akkord arbeiten, um rechtzeitig die nächste Fahrstufe einzulegen. Dabei ist Kraft gefragt, die Gänge wollen mit Nachdruck eingelegt werden. Wir sind hier schließlich in einem straßentauglichen Rennwagen unterwegs. Doch auch diese Handgriffe gehen flugs in Fleisch und Blut über. Das ist auch besser so, volle Konzentration auf das Verkehrsgeschehen dringend nötig. Denn die Tachonadel passiert die Skalenstriche im Eiltempo und stürmt unaufhaltsam der 300 km/h-Marke entgegen. Zu dichter Verkehr steht einem Autobahn-Tiefflug mit 330 Sachen – diesen Wert gibt Porsche an – zwar im Wege, aber auch in diesem Punkt glauben wirder Zuffenhausener Maßgabe. Denn der RS hat noch so viel - für manchen vielleicht zu viel - Dampf im Ärmel. Und ich spüre sie wieder, die Ehrfurcht.
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- Hinter den 19-Zoll-Felgen arbeitet serienmäßig die Keramik-Bremsanlage PCCD, die - wenn es sein muss - erbarmungslos zupackt.
Ehrgeiz
Dann ist erst einmal Abkühlen angesagt. Für den Motor, die Turbos, die Bremsen, den Fahrer. Adrenalin- und Endorphinspiegel befinden sich im gesundheitsgefährdenden Bereich, sollen im gemütlichen Landstraßentempo auf ein normales Level gebracht werden. Gemütlich? Nein, das will der RS nicht. Er will gefordert werden, mag es schnell, braucht es hart. Deshalb befinden sich das elektronisch verstellbare Fahrwerk längst im Sport- und der Fahrer im Angriffs-, Ideallinien- und Zeitenjagdmodus. Der Porsche hat mich gepackt, lenkt so direkt ein, dass man das Gefühl hat, die Hände folgen dem Lenkradbefehl und nicht andersrum. Der Über-Elfer hält phänomenal die Linie, bringt die Power überragend auf die Straße und erreicht somit Kurventempi und Querkräfte, die sich ähnlich anfühlen wie in der Olympia-Achterbahn auf dem bald beginnenden Oktoberfest. Hier zeigt sich, welch tolle Arbeit Porsches Fahrwerksingenieure geleistet haben, denn der GT2 RS liegt nicht nur hervorragend, sondern federt auch angemessen komfortabel. Ein Lob gebührt auch den französischen Reifenbäckern von Michelin, die Cupreifen geformt haben, die einerseits auf trockener Bahn sensationell haften, andererseits bei Regen nicht versagen. Und glaubt uns: Wir haben es ausprobiert, wie Ihr auf den Fotos sehen könnt.
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- Nicht jeder, der einen will, kriegt auch einen: Die Auflage ist beim Porsche 911 GT2 RS streng auf 500 Exemplare limitiert.
Glückseligkeit
Doch dann ist es genug. Es steht zu befürchten, dass mich der 911 GT2 RS versaut. Mit unerbittlicher Leistung, erbarmungsloser Straßenlage, barbarischer Traktion. Schließlich will man das eigene Auto nicht unverzüglich zum Schrottplatz schaffen, weil man es unweigerlich für genau das hält: Schrott. Denn gegen diesen Sportwagen, mit dem Porsche zum 997-Karriereende 500 ebenso geschwindigkeitssüchtige wie solvente Kunden beglückt hat, können längs- und fahrdynamisch nur ganz wenige anstinken. Als wir uns verabschieden – ich mit einem wehmütigen Blick zurück, er mit einem zufriedenen Blinken – fühle ich so viel Fahrfreude wie noch nie zuvor. Ich will sie so lang wie möglich konservieren, und doch bin ich mir sicher: Das nächste Mal, wenn ich ihm begegne, werde ich wieder diese Ehrfurcht spüren.
Unser Fazit
Trotz des kurz vor Toreschluss aufgelegten GT3 4.0 RS krönt nach wie vor der GT2 RS die 997-Baureihe. Nicht nur fahr-, auch längsdynamisch setzt dieser Porsche Maßstäbe, die der neue Elfer in seinen noch folgenden Ausbaustufen erst einmal toppen muss. Erstaunlich: Er will hart rangenommen werden und liebt die Rennstrecke, ist im Alltag jedoch – mit leichten Abstrichen – ein absolut verlässlicher Begleiter, selbst bei miesem Wetter. Doch in Erinnerung bleibt er als faszinierender Fahrdynamiker, der auch noch unerbittlich geradeaus jagt und somit das Wort Fahrspaß neu definiert.

