Fahrbericht

Kawasaki W 800: Reiten auf der Königswelle

Das Warten auf die Nachfolge von Kawasakis W 650 hat ein Ende: Die W 800 tritt klassisch-englisch auf. Aber hinter dem nostalgischen Auftritt steckt moderne Technik mit japanischer Perfektion. ( , 05.10.2011)

Neu Restauriert?

Freunde klassisch gezeichneter Retrobikes waren schockiert, als Kawasaki 2005 die W 650 vom Markt nahm. Ein halbes Jahrzehnt später tritt nun die W 800 das Erbe an: modern im Inneren, und doch stilsicher im Design der 60er. Die gelungene Königswellenmaschine startet bei 8.190 Euro - und verführt zu gelassener Entschleunigung des Alltags. Die 800er beweist Liebe fürs Detail: glänzende Haltegriffe für Sozius oder Sozia, viel Blech und viel Chrom. Dazu Faltenbälge an den Standrohren, Kniekissen, Ballon-Auspufftöpfe und in der Mitte der herrlich aufrecht stehende Paralleltwin. Mit der W 800 kann man lässig zum Oldietreffen fahren: Auch Experten brauchen oft den zweiten Blick, während Unbedarfte eher nach der Dauer der Restaurierung dieses luftgekühlten Schmuckstücks fragen, das einzig hinten am Sattel den Markennamen preisgibt.

Kawasaki W800
Motor der Kawasaki W800: zwei Zylinder, Ventilbetätigung über aufwendige Königswelle.

Sprit-Askese

So ähnlich verhielt es sich bereits bei der W 650, die jedoch noch über einen Kickstarter verfügte. Der wurde indes zusammen mit der Vergaseranlage in Rente geschickt: inzwischen wird der exakt 773 Kubik messende Zweizylinder zeitgemäß via Einspritzung befeuert. Diese wird zwar leidlich hinter Chromblenden verborgen - die deutlich sichtbaren Kabel hätte man jedoch besser verstecken, oder zumindest etwas dezenter einfärben können. Der Motor ist eine Weiterentwicklung der W 650-Maschine, die durch Aufbohren mehr Hubraum erhalten hat. Allerdings schlägt sich dies nicht in gesteigerter Leistung nieder: Maximal werden 35 kW/48 PS bei 6.500 Touren erreicht sowie 62 Nm bei 2.500 /min. Geradezu vorbildlich gestalten sich hingegen die Trinksitten: Selbst zügige Ritte auf der Autobahn treiben den Wert nicht über einen Schnitt von 4,8 Liter. In Kombination mit dem 14 Liter fassenden Tank sind somit Distanzen von knapp 300 Kilometern realistisch - wer sich ein wenig Mühe gibt, kommt aber auch bedeutend weiter.

Nur keine Hektik!

Der langhubige Charakter der 650er indes ging wegen des weniger ausgeprägten Bohrung-Hub-Verhältnisses verloren. Nicht mehr so klassisch stampfend, aber auch nicht wirklich drehfreudig legt der Twin ab 1.500 Touren entspannt und unaufgeregt zu, bis bei 7.500 Umdrehungen der rote Bereich beginnt. Wer sich jedoch in diese Regionen vorwagt, der hat das Prinzip der theoretisch 170 km/h schnellen W 800 nicht verstanden - und lässt die einzigartige Königswelle kräftig rotieren. Es soll übrigens Leute gegeben haben, die sich die W 650 alleine wegen dieser herrlich aufwendigen Art der Ventilsteuerung zulegten. Bei der vierventiligen W 800 dürfte das kaum anders sein. Leichtes Schwingen über die Piste ist ihr wahres Metier - und das sogar auf schlechtem Asphalt. Begleitet vom genüsslichen Brabbeln aus den beiden Endtöpfen verliert Hektik jede Bedeutung. Lustig marschiert die Kawasaki vorwärts, und zaubert einem rasch ein Lächeln ins Gesicht. Einzig das charakteristische Auspuffpatschen im Schiebebetrieb hat sie verloren.

Kawasaki W800
Zwei Zylinder, hübsch verpackt: Kawasakis W800 erinnert äußerlich an klassische englische Bikes aus den 1960er Jahren.

Moderne Technik, klassisches Gewand

Natürlich gewinnt die W keine Landstraßenrennen - das hat sie auch gar nicht nötig. Sie ist agil, und mehr will sie auch gar nicht sein. Auf ihr ist eine gemütliche, eine genüssliche Gangart angesagt, das macht schon die Sitzposition deutlich. Aufrecht, die Füße im rechten Winkel auf den Rasten, die Hände locker am breiten Lenker - so bequem thront es sich über der Königswelle. Alleine die Bremsen dürften gerne bissiger konstruiert sein: Ein ABS ist für die 217 Kilo wiegende Kawasaki nicht erhältlich. Davon abgesehen herrscht eitel Sonnenschein: die W 800 wirkt sowohl erwachsen als auch komplett. Sie feiert die Renaissance klassischer Details, wobei sie die moderne Technik weitgehend hinter altehrwürdigem Äußeren versteckt, ohne gekünstelt zu wirken. Gekonnt wurde Altes in Neues umgesetzt - was in einem harmonischen Ganzen mündete, das wunderbar geeignet scheint, dem Stress des Alltags den Stachel zu ziehen. 8.190 Euro kostet die Kawa, aber eigentlich sollte es sie auf Rezept geben.

Technische Daten Kawasaki W 800:

Retrobike, luftgekühlter Viertakt-Zweizylinder, vier Ventile, 773 ccm Hubraum, Leistung 35 kW/48 PS bei 6 500 /min, max. Drehmoment 60 Nm bei 2 500 /min, Höchstgeschwindigkeit 170 km/h, elektronische Einspritzung, geregelter Katalysator, fünf Gänge, Sitzhöhe 79 cm, Tankinhalt 14 Liter, Reifen vorn 100/90-19, hinten 130/80-18; Leergewicht 217 kg, Zuladung 183 kg, Testverbrauch 4,8 Liter/100 Kilometer.

.

BEWERTE DIESEN ARTIKEL
rating_image rating_1 rating_2 rating_3 rating_4 rating_5
KOMMENTARE
Ähnliche Artikel

Kawasaki-Drachenfest

Auch der Motorradhersteller Kawasaki läutet die diesjährige Motorradsaison mit einem alljährlichen Ritual ein. Am kommenden Samstag, den 29. März findet das nun schon legendäre Drachfest statt.

Das Adrenalin-Bike: Honda CB 1000 R

Viel Licht, wenig Schatten: Die neue Honda CB 1000 R hat das Zeug, trotz der harten Konkurrenz zum Platzhirschen im Segment sportlicher Naked Bikes zu werden.

Neues Finanzierungsangebot von Kawasaki

Ein neues Finanzierungsangebot für Motorräder macht Kawasaki jetzt seinen Kunden. Der Name des Programms: "Easy to bike" (E2B).

Fahrbericht Suzuki GSF 650 Bandit: Mit neuem Motor und alten Talenten

Wasser statt Luft sorgt im aktuellen Modelljahr beim Straßenmotorrad Suzuki GSF 600 Bandit für die Kühlung des Reihenvierzylindermotors.

IMOT 2009

Auf der IMOT, der Internationalen Motorrad Ausstellung, sind die neuesten Trends der kommenden Saison zu sehen. Von den Modellen aller großen Marken bis hin zu originellen Rollern, Streetfighter, Kult-Bikes sowie Exklusivem aus dem Tuning-, Reise-, und Zubehörbereich ist für jeden Geschmack etwas dabei.
Ähnliche Videos

Triumph Street Triple vs. Kawasaki Z750

Motorvision vergleicht die günstigen Mittelklasse-Bikes.

Kawasaki ZX 10R vs. Honda Fireblade

Motorvision macht den Superbike-Vergleich auf der Rennstrecke.

Vergleich Triumph Street Triple vs. Kawasaki Z 750

Grün sind sie beide, aber welche ist die bessere nackte Sportlerin: Triumph Street Triple und Kawasaki Z 750 im Vergleich.

KTM 990 Super Duke vs. Kawasaki Z 1000

Tim Schrick ist diesmal auf zwei Rädern unterwegs und vergleicht KTM 990 Super Duke und Kawasaki Z 1000.

Südafrika-Tour mit der BMW F 800 GS

In Südafrika muss die kleine GS zeigen, was sie im harten Gelände kann.

Bike Tour

Eine Bike Tour zum höchsten Berg Europas
MOTORVISION MAGAZIN
MOTORVISION AUF FACEBOOK
AKTUELLES VIDEO
Lucy bei Knud Tiroch Teil 6
FACEBOOK EMPFEHLUNGEN
BILDERGALERIEN