Echt! Eine Fälschung...

Deutsche Innovation vs. chinesische Imitation: Über ein Ausstellungsstück im Museum Plagiarius in Solingen. (Christian Rumpel , 15.02.2010)

Man sollte ja immer mit offenen Augen durch die Welt gehen, das schützt sicherlich vor der einen oder anderen Stolperfalle im Leben. Was aber, wenn solche Fallen nicht so offensichtlich sind, wie die Bananenschale auf der Straße?

Man sollte ja immer mit offenen Augen durch die Welt gehen, das schützt sicherlich vor der einen oder anderen Stolperfalle im Leben. Was aber, wenn solche Fallen nicht so offensichtlich sind, wie die Bananenschale auf der Straße?

Da gibt es zum Beispiel Menschen, die nichts Besseres zu tun haben, als die Ideen anderer abzukupfern, um mit billigen Kopien einen Reibach zu machen. Das geht von Wasserkochern, Stühlen über Küchengeräte bis hin zu überlebenswichtigen Dingen wie einer Stromsicherung. Das Beispiel, dass mir besonders am Herzen liegt, könnte vor allem Eltern interessieren, die ihrem Nachwuchs zum bestandenen Mofaführerschein etwas Gutes tun wollen. Es ist die billige Kopie des Sachs Mokick Bikes „MadAss“. Das schöne am Plagiarius ist, dass sich Original und Kopie direkt nebeneinander befinden. So kann man in aller Seelenruhe die kleinen, aber oft feinen Unterschiede betrachten.

Von weitem sehen sich die beiden Exemplare tatsächlich verblüffend ähnlich, auf den zweiten und dritten Blick entpuppt sich die Fälschung allerdings als ein russisches Roulette auf zwei Rädern. Ich eröffne die Traueroper mit den schlechten Schweißnähten am Rahmen. Sicherheit und gutes Schweisserhandwerk sieht anders aus.

Museum Plagiarius - 8a
Ein guter Stoßdämpfer ist kein Vergleich…

Innovation vs. Imitation: Ein Vergleich

Der Blinker der Fälschung fällt vom reinen Hinsehen schon fast auseinander, wohingegen das Original den Anschein erweckt, auch nach einer Regenfahrt noch zu funktionieren. Um gleich in der Nähe des Lenkers zu bleiben, hier habe ich beim Anfassen noch eine Interessante Entdeckung gemacht. Eigentlich sollte die Armatur des Gasgriffes so am Lenker befestigt sein, dass sie sich nicht mit dem Drehgriff mitdreht. Eigentlich… Ebenso sollte die Lichtanlage stabil und mit festem Sitz am Rahmen befestigt sein. Deshalb wird das Sachs-Licht auch von einer dicken, gegossenen Metallplatte gehalten und lässt sich keinen Millimeter verbiegen. Die Fälschung hingegen hat an derselben Stelle nur ein schon leicht verbogenes Eisen zu bieten.

Lassen wir unseren Blick nun nach unten wandern, so bekommt der Motor unsere volle Aufmerksamkeit. Der Eindruck beim Original: eine kleine aber durchaus gut gebaute Maschine. Der Luftfilter ist vor grobem Schmutz und Spritzwasser geschützt in einer kleinen Box untergebracht. Kabel und Steckverbindungen gut vor der Wärme des Motors und vor Reibung geschützt. Sie wurden mit Kabelbindern und Schutzschläuchen am Rahmen fixiert. Von solch sauberer Arbeit ist beim Plagiat keine Spur zu sehen. Ein Luftfilter, der auch ein Teesieb sein könnte, Kabel, die nackt unter selbigem herausschauen, und ein nicht gerade stabiler Benzinhahn aus Kunststoff dessen Langzeittauglichkeit ich anzweifeln möchte.

Gleich dahinter sitzt der Stoßdämpfer; ein nicht gerade unwichtiges Bauteil. Es sorgt dafür, dass das Hinterrad nicht den Kontakt zur Fahrbahn verliert. Die Federung sollte immer einwandfrei funktionieren, sonst kann die kleinste Unebenheit in einer Kurve aufschaukeln, was schnell zu einem Sturz führen kann. Führt man sich nun Original und Fälschung dirkt vor Augen; welchen Dämpfer vertraut man dann sein Leben eher an? Noch eine Etage tiefer liegen die Bedienungsmöglichkeiten für die Füße. Da wäre zum Beispiel der Fußhebel für die Schaltung. Entweder man bevorzugt einen stabilen und rostfreien Hebel, oder man riskiert neben unschönen Rostflecken auch ein vorzeitiges Ableben der Schaltkulisse durch Abbrechen. Den Kopf nach oben, sieht man die Sitzbank von unten. Sicherlich kann man bei einem Zweirad in dieser Preisklasse nicht allzu viel erwarten, aber ein gewisses Maß an Mindeststabilität darf schon verlangt sein. So haben die Sattler bei Sachs den Sitzbezug am Rand sauber vernäht, und auch ein stabiles, reißfestes Band angebracht, in das Metallhaken eingreifen, und so den Stoff ordentlich spannen. Die Fälschung hat zwar auch ein solches Band und als Gegenstück die Haken, das Band ist aber nicht nur schlecht vernäht, sondern es wird schlichtweg nicht benutzt. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Bezug reißen wird.

Museum Plagiarius - 8b
…zur asiatischen Alternative.

Gänsehaut beim Blick auf Schwinge und Bremse

Auf dem Weg nach hinten kommen wir an der Schwinge vorbei. Diese hält mit eisernem Griff das Hinterrad und auch den Bremssattel fest. Mit einem zweiten Rohr als Verstärkung ist die Sachs-Schwinge vor jedweder Verwindung gefeit. Das Plagiat muss mit einem angeschweißten Blech auskommen. Sollte die Naht nicht halten, was sie verspricht, wird das Hinterrad die Schwinge nach oben biegen, im schlimmsten Fall wird sie unter der Belastung brechen. Sollte das während der Fahrt passieren, kann sich jeder mit einer gewissen Gänsehaut auf dem Rücken vorstellen, was die Konsequenz ist. Wer nun auf einem dieser Bikes sitzend vor Schreck in die Bremse steigen will, sollte das mit Bedacht tun. Bei dem chinesischen Pendant ist der Bremssattel lediglich auf die Achse gesteckt, und mit einem Stift in der Schwinge arretiert. Sachs hat diese Herausforderung mit einer an der Schwinge fest verschweißten Platte und stabilen Schrauben am Bremssattel gelöst. Das sollte für eine zuverlässige Verzögerung auch nach mehrmaligen Notbremsungen sorgen.

Ein nettes Detail noch zum Schluss. Ich wunderte mich anfangs noch darüber, wer sein Taschentuch auf das Ausstellungspodest geworfen hatte, dabei wurde dies von den Mitarbeitern dort hingelegt. Warum? Der Motor, obwohl neu, verliert Öl. Na dann, Prost Mahlzeit!

Wer nun also Lust hat sich von solchen und anderen kleinen Frechheiten selbst ein Bild zu machen, kann dies gerne tun. Der Eintritt von zwei Euro sollte jedoch unbedingt mit einem echten 2-Euro Stück bezahlt werden und nicht mit einem Plagiat. Die kommen nämlich gar nicht gut an. Wer beim Fälschen übrigens frech genug ist, schafft es vielleicht sogar, den Preis für das dreisteste Plagiat verliehen zu bekommen. Dieser wir alljährlich in Frankfurt verliehen. Für weitere Informationen rund um das Thema „Plagiat und Original“, hier die Adressen fürs Navigationsgerät und den Internetbrowser.

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