Wenn sich Deutschlands Tuner-Elite (und der Schweizer Porsche-Veredler Sportec) zum Kräftemessen trifft, darf man Spektakuläres erwarten. So geschehen am 22. Oktober beim Highspeed-Event im süditalienischen Nardo. Hier geht es nicht um Schein, sondern um Sein. Genauer: Um den höchstmöglichen Topspeed. Deshalb tritt Tuner-Guru Alfons Hohenester auch mit einem Biedermann an, den anfangs keiner ernst nimmt. Das Urgestein aus Gaimersheim bei Ingolstadt hat sich in der Nachbarschaft bei Audi umgeschaut, um das passende Sportgerät auszusuchen. Letztlich fällt die Wahl auf einen A4 TDI. Kein ausuferndes Flügelwerk stört die Optik des HS650 Nardo, die Räder sind nicht besonders groß, und er trägt eine klassische Silber-Lackierung. Selbst die Instrumentierung unterscheidet sich nicht von den Serienbrüdern – der rote Bereich des Drehzahlmessers beginnt bei 4.500 Touren. Nur der verkleidete Kühlergrill sowie die kleinen und besonders windschnittigen Außenspiegel lassen etwas von der Potenz dieses Boliden erahnen.
Dass dieser A4 TDI mit der Serie dann doch eher wenig zu tun hat, offenbart sich beim Blick unter die Motorhaube. Dort schlägt das Herz des alten RS4 der B5-Baureihe, allerdings in stark abgewandelter Form. Den Hubraum hebt Hohenester von 2,7 auf drei Liter an, die Verdichtung aber reduziert der Tuner auf 8,0:1, um die beiden 3K-Lader optimal zu nutzen. Schließlich modifiziert der Tuner noch das Motormanagement und sorgt so für einen Output von sagenhaften 650 PS und noch gewaltigeren 720 Newtonmetern! Zum Vergleich: Der V6-Biturbo des Serien-RS4 bringt es auf 380 PS und 440 Newtonmeter.Um die Kraft in möglichst viel kinetische Energie umzuwandeln, bleibt auch an Antriebsstrang und Fahrwerk kaum etwas unberührt. Verstärkte und reibungsminimierte Antriebswellen, eine kleine Tilton-Dreischeibenkupplung, ein Renngetriebe sowie eine spezielle Hochdrehzahl-Kardanwelle sorgen trotz massiven Dopings für umgängliche Manieren. Für eine bessere Gewichtsverteilung und einen tieferen Schwerpunkt wandern Motor und Getriebe um 90 Millimeter nach hinten. Vorne sind die Räder an einer eigens von Hohenester entwickelten Achse aufgehängt. Hinten kommt die Achse aus dem aktuellen RS4 zum Einsatz. Die Fahrwerkskomponenten stammen von H&R und mussten vom Sauerländer Spezialisten speziell an die Anforderungen der süditalienischen Rüttelpiste abgestimmt werden. Die Dämpfer des Gewindefahrwerks sind vielfach leistungs- und höhenverstellbar. Auch Haupt- und Hilfsfedern müssen ganze Arbeit leisten.Die Fahrleistungs-Daten sprechen denn auch eine deutliche Sprache. In 3,4 Sekunden pfeilt der Ingolstädter aus dem Stand auf Tempo 100, nach 10,3 Sekunden ist die 200 km/h-Marke erreicht. Nach knapp 30 Sekunden passiert die Tachonadel die Zahl „300“. Dass noch deutlich mehr geht, beweist der Chef in Nardo höchstpersönlich. Er selbst lässt die Limousine (im TÜV-konformen Zustand) mit 340,1 km/h über die holprige Kreisbahn fliegen – und zeigt sich damit sehr zufrieden. Nach einem Fahrerwechsel und diversen aerodynamischen Optimierungen (man baut die Außenspiegel ab und klebt diverse Lüftungsöffnungen zu) schafft der Bolide gar 343,9 Sachen – und ist damit der schnellste Audi A4 überhaupt.Wer den Hohenester HS650 Nardo – wenn auch nur im Stand - einmal aus der Nähe bewundern möchte, sollte noch bis zum 10. Dezember in Essen auf der Motor Show vorbeischauen. Sollte dort eine Kaufentscheidung reifen, muss Ihr Konto allerdings mindestens 122.000 Euro bereithalten. Und wem die Nardo-Variante zu bieder ist, der kann sich auch für die deutlich martialischere und mit einer etwas kürzeren Getriebeübersetzung ausgerüstete RR-Variante entscheiden. Die schafft dann allerdings „nur“ 320 km/h Topspeed…Übrigens: Am Stand von H&R steht der HS650 Nardo in illustrer Runde: Neben einem Audi A4 und einer Mercedes C-Klasse aus der DTM sowie dem „Mission 400 Plus“, mit dem H&R, Alzen Motorsport und RS Tuning die 400 km/h-Marke angreifen wollen.

