Wenn der Test eines Autos wie des BMW X6 M ansteht, sind die Erwartungen eines Redakteurs hoch. In diesem Fall hat der X6 M die Erwartungen nicht erfüllt, aber trotzdem auf vielen Gebieten überrascht. (Thomas Harloff , 01.01.2009)
Ich pirsche mich ran, da steht er, Blinker blinken, Außenspiegel surren, mittels der Fernbedienung habe ich Kontakt aufgenommen. Fast schüchtern wirkt er, seine Größe beeindruckt, respektvoll besteige ich ihn. „Lass ihn stehen“, meldet sich das Gewissen. „Im Stau sind alle gleich, ein kleineres Gefährt tut’s auch.“ „Quatsch!“, protestiert das Benzin im Blut, „555 PS, 680 Nm – Du wirst nicht mehr aussteigen wollen. Und der Stau geht vorbei!“. Hin und her gerissen zwischen Grün und Spaß drücke ich den Startknopf.
Vier Prius, ein Tesla, 77.500 Liter Super Plus
Erstaunlich souverän rollt das 4,88 m lange, 1,98 m breite und 1,68 m hohe „Sports Activity Coupé“ durch die und aus der Tiefgarage. So handlich hätte ich ihn nicht erwartet, auch wenn er brutal unübersichtlich ist. Aber dafür gibt´s ja Kameras rund um das Auto. Wer nicht allzu sorglos ist, rangiert das Monster auch auf engem Raum um die Hindernisse herum. Aber wehe, die zusätzlichen Augen sind mal verdreckt oder funktionieren nicht…Auf dem Weg zur Autobahn herrscht reger Feierabendverkehr, ich stehe mehr, als dass ich fahre. Eine gute Gelegenheit, um über den Preis nachzudenken. 108.500 Euro kostet der BMW X6 M mindestens. „Dafür kriegst Du vier Toyota Prius. Oder einen Tesla Roadster – der macht auch Spaß.“, meldet sich Gewissen. „Wie wär´s mit 77.500 Liter Super Plus?“, folgt der Einspruch aus der anderen Richtung. „Das reicht für knapp 11.000 Kilometer Freude am Fahren.“
Der X6 M verschiebt Grenzen – aber überwindet sie nicht
Freude am Stehen kommt leider auch im BMW X6 M nicht auf. Im Autobahnstau beobachte ich die Umgebung – in der Erwartung, Stirnrunzeln und pikierte Blicke zu ernten. Doch die Resonanz überrascht – nein, ernüchtert. Den Leuten geht es wie mir selbst: Anfangs fand ich ihn richtig hässlich, jetzt hab ich mich an das X6-Design gewöhnt - es polarisiert nicht mehr. Die M-Version erkennen eh nur Insider, von außen weist wenig darauf hin, welche Kräfte in diesem Auto walten. Sinnlos walten? Das möchte ich noch herausfinden. Aber nicht mehr heute. Ich könnte morgen eine Stunde früher aufstehen. Später ist dieser Gedanke verworfen, Schlaf ist diesmal wichtiger. Es ist der letzte Gedanke an den X6 M für diesen Tag.8:30 Uhr am nächsten Morgen, der Wecker klingelt. Was ich geträumt habe, weiß ich nicht mehr – ein BMW X6 M kam jedenfalls nicht drin vor. Eine Dusche später sitze ich wieder drin im Melbourne-roten Monstrum. Um diese Zeit ist die Autobahn frei, und der Gasfuß juckt schon heftig. Es folgt ein Fahrdynamiktest in der Autobahnauffahrt. Zack und rum um die Kurve – erstaunlich flott für 2,38 Tonnen Lebendgewicht. Wenn sich auch alles sehr synthetisch anfühlt, denn technische Helferlein wie „xDrive“-Allradantrieb, „Dynamic Performance Control“, Stabilitätsprogramm „DSC“, eine intelligente Servolenkung, „M“ Drive“, „Adaptive Drive“ und deren Vernetzung „Integrated Chassis Management (ICM)“ sollen das Gewicht kaschieren. Den Ingenieuren der M GmbH ist es gelungen, die Grenzen der Physik zu verschieben – überwunden haben sie diese nicht.
Der Unterschied zwischen Erwarten und Erleben
Kurze Zeit später ist die Autobahn frei und kein Tempolimit mehr angesagt. Sofort klebt das rechte Pedal am Bodenblech, die Sechsgang-Automatik schaltet zwei Gänge zurück. Schnell zeigt der Tacho 260 km/h an. Ich habe eine gewaltige Klangkulisse aus dem Motorraum erwartet, eine zitternde Lenkung, ein heftiges Eintauchen auf der Hinterachse, enorme Windgeräusche – und erlebe nichts davon. Zu souverän macht der X6 M alle anderen nass, plättet in Rekordzeit die linke Spur. Irgendwie erstaunlich, aber nicht beeindruckend. Die Ausfahrt naht, es bliebe noch Zeit für ein paar Extrakilometer. Auf Arbeit gibt´s viel zu tun, denke ich, und blinke rechts.Auf dem Weg ins Büro erinnere ich mich, wie viele Autos mich bereits zu ein paar Extrakilometer verleitet haben, für die ich später Feierabend gemacht habe oder früher aufgestanden bin. Bin ich etwa schon so abgestumpft? Nein, der X6 M hat mich einfach nicht beeindruckt. Ich gebe den Schlüssel ab, bin froh darüber, dass ich nicht nachtanken musste, und setze mich an meinen Schreibtisch. Ich frage die Kollegen in der Redaktion: „Wollen wir nicht den neuen Prius als Testwagen bestellen?“ So fühlt es sich also an, wenn die Vernunft triumphiert.
Fazit:
Den BMW X6 M kauft man nicht, weil er besonders sportlich, schön, praktisch oder gar umweltfreundlich ist. Das erste Attribut mag für seine Fahrzeugklasse gelten, das zweite ist Geschmackssache, die Eigenschaften drei und vier stimmen definitiv nicht. Man kauft ihn, weil man ein Statement abgeben möchte. Nicht obwohl, sondern weil er politisch unkorrekt ist und so gar nicht in diese Zeit passt. Man kann diese Einstellung als Charakterstärke oder Arroganz auslegen. Doch dieses Urteil muss jeder selbst treffen.
Technische Daten (Werksangaben):
Leistung: 408 kW / 555 PS
Max. Drehmoment: 680 Nm / 1.500 – 5.650/min
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (275 km/h mit optionalem M Driver’s Package)
0 auf 100 km/h: 4,7 s
Durchschnittsverbrauch: 13,9 l / 100 km
CO2-Emission: 325 g/km
Preis: 108.500 Euro