Brooklands: Heimat der Rekorde

2007 ist das Jahr der Rennstreckenjubiläen. Im vierten Teil unserer Serie: Die 100-jährige Historie der ersten permanenten Rennstrecke überhaupt – Brooklands. (D. Maier , 01.01.2009)

Viele müssen Hugh Fortescue Locke-King seinerzeit für verrückt erklärt haben: 1906 kommt dem britischen Geschäftsmann die Idee, rund 30 Kilometer südlich von London - zwischen den Örtchen Weybridge und Woking - eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bauen zu lassen. Inspiriert wird er vorher bei einem Besuch auf dem europäischen Festland: Bei der Targa Florio auf Sizilien und dem Großen Preis von Frankreich packt den Patrioten der Rennbazillus – und der Ärger. Denn britische Autos sind bei diesen Rennen nicht am Start oder kaum konkurrenzfähig. Das muss anders werden, denkt sich Locke-King, der selbst nie einen Führerschein besitzt. Den englischen Fahrzeugbauern muss ein privates Areal zur Verfügung stehen, wo sie ihre Produkte unter hohen Belastungen testen und gegeneinander antreten lassen können. Auf öffentlichen Straßen ist dies nicht möglich: Das Tempolimit liegt bei nur 20 mph (rund 32 km/h) und sollte erst 1930 angehoben werden.

Brooklands - 2
Brooklands - 2

Viel Geld, viel Aufwand, viele Zuschauer

Das Geld für den Bau zahlt Locke-King aus eigener Tasche: Ganze 150.000 Pfund, Anfang des 20. Jahrhunderts eine wahrlich gewaltige Summe, investiert der Geschäftsmann in das Projekt. Rund um die Uhr rangieren Züge auf den eigens angelegten Gleisen, roden Männer – sehr zum Leidwesen der ortsansässigen Jäger – mit schweren Maschinen Bäume und Büsche, werden Tonnen von Erde bewegt, um das Fundament für die Steilkurven zu legen. Sogar der River Wey muss umgeleitet werden, um Platz für die breite Betonpiste zu schaffen. Insgesamt sind rund 2.000 Arbeiter mit dem Bau der Strecke beschäftigt. Trotz des großen Aufwands geht alles ganz schnell: Schon nach neun Monaten Bauzeit, am 17. Juni 1907, feiern die britischen Fans Eröffnung – die Geburtsstunde der ersten permanenten Rennstrecke der Welt. Der Kurs wird nach dem auf dem Gelände angesiedelten Hauptwohnsitz der Familie Locke-King benannt: Brooklands.Das Layout der Strecke beschreibt ein klassisches Oval, wobei eine der Steilkurven („Members Banking“) einen kleineres Radius hat. Die folgende Gerade führt entlang einer Eisenbahnlinie („Railway Straight“) zur größeren Kurve namens „Byfleet Banking“. Die wieder zurückführende Gerade weist zwei Besonderheiten auf: Sie überquert einerseits den Fluss und teilt sich andererseits in jenen Streckenabschnitt, der zurück zu Members Banking führt, und die Zielgerade, die in der letzten Runde eines Rennens eigens angesteuert werden muss. Den Zuschauern stehen 5.000 Sitz- und rund 250.000 Stehplätze zur Verfügung. Schon 1909 gibt es die erste Modifikation: Auf dem „Test Hill“ können die Autohersteller die Steigfähigkeit und die Bremsen ihrer Fahrzeuge testen. Im Infield der Strecke befinden sich neben dem Boxengebäude ein repräsentatives Clubhaus, ein Golfplatz und mehrere Tennisplätze. Ähnlich wie beispielsweise in Indianapolis wird das Oval später um einen Streckenteil im Innern des Kurses ergänzt. Ab 1937 zweigt dieser „Campbell Circuit“ genannte Abschnitt auf der Railway Straight von der Hauptstrecke ab und führt über eine kurvenreiche Strecke zurück auf die Zielgerade.

Brooklands - 3
Brooklands - 3

Erst die Rekorde, dann das Desaster

Noch vor dem eigentlichen Eröffnungsrennen findet das erste Highlight statt: Selwyn Francis Edge bricht in einem 60 PS-Napier zu einer 24-Stunden-Rekordfahrt auf. Es gilt, innerhalb eines Tages mindestens 1.096 Meilen (rund 1.754 Kilometer) zurückzulegen. Das Vorhaben wird ein voller Erfolg: Nach der Tortur für Mensch und Material stehen für Edge 2.531 Kilometer zu Buche, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 108 km/h entspricht. Das erste Rennen am 6. Juli dagegen wird kein Erfolg: Die Besucher beklagen zu wenig Imbissstände. Die Kieswege erweisen sich als ungeeignet für Damenschuhe. Die Ausfahrtstraße, dass viele nicht hinaufkommen und mancher Wagen sogar anfängt zu brennen. Auf der Strecke kommt zudem wenig Spannung auf, die noch recht langsamen Autos verlieren sich auf dem breiten Betonband. Auch um die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge ist es noch nicht besonders gut bestellt: Es erreichen nur zwei Autos das Ziel, ein Daimler siegt vor einem Darracq.In den Folgejahren macht sich Brooklands besonders als Stätte zahlreicher Rekordfahrten einen Namen. Eine regelrechte Rekordjagd startet am 8. November 1909: Victor Héméry treibt seinen Blitzen-Benz mit 21,5-Liter-Motor mit fliegendem Start über eine Meile auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,7 km/h und durchbricht damit erstmals diese magische Marke. Danach kommen mit Percy Lambert, Kenelm Lee Guiness, L. G. „Cupid“ Hornsted und John R. Cobb weitere Fahrer nach Brooklands, um noch mehr Bestmarken aufzustellen. Cobb ist es auch, der in Brooklands die höchsten Geschwindigkeiten erreicht. 1935 absolviert er in einem Napier mit 24-Liter-Flugzeugmotor eine Runde mit durchschnittlich 143,44 mph (fast 231 km/h). Auch die schnellste je gemessene Geschwindigkeit stammt von Cobb: 151,97 mph, etwa 245 km/h. Dabei sind die Voraussetzungen längst nicht mehr die besten: Schon nach wenigen Jahren weist die Betonpiste viele Risse und Unebenheiten auf, die Buckelpiste wird zu einer noch größeren Herausforderung für Fahrer und Autos.

Brooklands - 5
Brooklands - 5

Mit dem Krieg ist alles vorbei

Unterdessen kündigt sich der Zweite Weltkrieg bereits an. Nachdem schon der Erste Weltkrieg seine Spuren an der Strecke hinterlassen hat und es wegen der Treibstoffrationierung bis 1920 dauert, bis wieder das erste Rennen stattfindet, kommt durch den Zweiten Weltkrieg das endgültige Aus für die Rennstrecke. Beim letzten Rennen 1939 gehen nur 13 Autos an den Start. Danach wird wieder das Benzin rationiert, und Brooklands muss seiner zweiten Bestimmung dienen: Nachdem bereits 1907 erste Flugversuche stattgefunden haben und 1910 eine Flugschule eröffnet worden ist, siedelt sich 1915 mit Vickers das erste Unternehmen an, das direkt an der Strecke Flugzeuge baut. Während des Krieges sind die Werften für die britische Rüstungsindustrie von enormer Bedeutung, was auch die Strecke zu spüren bekommt: Teile der Steilkurven werden eingerissen, um die Zufahrt zum Fabrikgelände zu erleichtern. Zudem hinterlassen Bombenangriffe Schäden an der Strecke, von der sie sich nie wieder erholen sollte. Das Karriereende der ruhmreichen Rennstrecke ist besiegelt.Heute zeugt das Brooklands-Museum von der glorreichen Historie des Beton-Ovals, und auch Mercedes-Benz kümmern sich um den Erhalt des Brooklands-Mythos: Dort, wo sich früher der Campbell Circuit, das Boxengebäude, ein Golfplatz und Tennisplätze befunden haben, haben die Stuttgarter ein Markencenter für britische Kunden errichtet. Benzingeruch liegt in Brooklands also auch heute noch in der Luft.

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