Innenraum-Isolationist
Mächtig steht er da, auf dem viel zu engen Parkplatz mitten in der schönen Münchner Innenstadt, der 555PS starke BMW X6 M. Überbordende Designer-Masse mit einem schweren Hang zur Dekadenz kann ihm bereits im Stand attestiert werden.
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- Hier lässt es sich aushalten: die Platzverhältnisse im Innenraum sind großzügig, der gebotene Luxus überbordend. Das M-Sportlenkrad sorgt für State-of-the-Art Griffigkeit.
Nach dem Einsteigen fährt das SAC erst einmal hoch wie ein individualisierter Hochleistungsrechner – Memory Funktion für Sitze und Lenkrad sei Dank. Das Ausparken wird einem dank der Rückfahrkamera mit Top-View-Funktion erheblich erleichtert. Und das System kostet auch „nur“ 700 Euro Aufpreis. Der dürfte angesichts des Grundpreises von 109.000 Euro für einen X6 M und des Gesamtpreises von rund 121.000 Euro für unseren Testwagen aber kaum ins Gewicht fallen. Ein Druck auf den Startknopf lässt den 4,4 Liter Biturbo-V8 zum Leben erwachen – der Sound weckt ohne Umwege Gasfuß-Begehrlichkeiten, der Körper fühlt sich währenddessen von knackigen M-Sportsitzen umschmeichelt. Geschaltet wird mit einer Sechsgang-Sportautomatic, allerdings noch ohne „Fahrerlebnisschalter“. Der X6 M kann entweder im normalen „Drive“-Modus bewegt werden oder aber im „Sport“-Modus, bei dem wahlweise die Automatik, der Schalthebel oder die Wippen am M-Multifunktionslenkrad zum Einsatz kommen. Also den Wählhebel in Richtung des prestigeträchtigen M-Symbols nach links gedrückt und ab zur ersten Probefahrt durch die Stadt.
Parkplatz-Regent
Erwartungsgemäß fühlt man sich im X6 M nicht nur dank allem erdenklichen Luxus äußerst wohl – auch Sicherheit macht der Koloss hautnah erlebbar. Die knapp 2,4 Tonnen Lebendgewicht aus Alu, Stahl und Leder sind zwar logischerweise ein wenig hinderlich bei knappen Stadtverkehr-Manövern, der Parkplatzsuche oder dem Bugsieren durch enge Gassen, aber vermitteln dabei auch dieses unvergleichliche Gefühl,mit einer Länge von 4.876 mm und einer Breite von 2.195 mm bei Bedarf einfach Alles und Jeden nach Belieben zermalmen zu können. Und das Schöne dabei ist: dank der Motorisierung stellt sich nie das Behäbigkeitsgefühl ein, das man aufgrund der schieren Masse erwartet hätte. Klar ist die Lenkung in punkto Präzision und Direktheit in keiner Weise mit einem Sportgerät a la M3 vergleichbar, aber es dürfte wohl nur wenige SUV geben, die sich ähnlich sportlich bewegen lassen wie der X6 M.
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- "Bullig" ist gar kein Ausdruck für dieses Heck. Die Rundumsicht ist aber derart eingeschränkt, dass die Rückfahrkamera zur Pflicht wird - alleine schon aus Nächstenliebe.
Die Alltagstauglichkeit ist dank der standesgemäß großzügigen Platzverhältnisse im Innen- wie Kofferraum durchaus gegeben, allerdings sollte die bereits erwähnte Rückfahrkamera unbedingt an Bord sein. Nicht auszudenken, was sich hinter, beziehungsweise unter dem gewaltigen Heck mit der winzigen Heckscheibe so alles verbergen könnte: eine Horde kleingewachsener Demonstranten, ein Rudel Rehkitze oder eineinhalb übereinandergestapelte Artega GT – ohne Kamera wären sie alle des Todes. Ein nettes Gimmick in unserem Test-Monster war übrigens auch das Head-Up-Display (HUD), das den luxusverwöhnten Fahrer stets auf Augenhöhe über Geschwindigkeitsbegrenzungen, abgeschaltete elektronische Helfer und nicht angelegte Gurte informiert hält.
Hinterland-Charismatiker
Noch ein wenig dynamischer wird es beim Verlassen des Stadtgebiets. Das oberbayerische Hinterland und seine zahlreichen kurvengespickten Landstraßen sollten doch eigentlich der perfekte Spielplatz für den Sportwagen im Zweieinhalbtonnen-Pelz sein – wenn da nur nicht die 100 km/h-Begrenzung wäre. Denn der X6 M schiebt mit einer Vehemenz an, dass es eine Freude ist. In nur 4,9 Sekunden ist der Sprintspaß von 0 auf 100 km/h bei Nicht-Rennstrecken-Verhältnissen bereits vorbei. Bei entsprechendem Asphalt und der richtigen Gummimischung auf den 10- und 11x20-Zoll M-Felgen dürften noch 0,2 bis 0,3 Sekunden mehr drin sein. Dass bei einem Vortrieb dieser Art natürlich auch die Bremsen Einiges leisten müssen, versteht sich von selbst. Doch auch hier gibt es keinerlei Grund zur Beanstandung: die M-Compound-Bremsanlage packt zu, als gäbe es kein Morgen und bringt den Riesen mit dem M in nur 33,4 Metern von der 100 km/h-Marke zur Räson. Die Lenkung bestätigt bei schnellen Kurvenwechseln den ersten Eindruck: knackig, direkt und sportlich – immer unter Berücksichtigung der hier bewegten Fahrzeuggattung – gibt sich der Koloss mit M-Genen keine Blöße beim sportlichen Kurvenfressen.
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- 2,4 Tonnen wiegt der Sportkoloss - trotzdem fährt er sich für ein SUV ertsaunlich sportlich. Auch weil die Elektronik ordentlich mithilft.
Allerdings hilft die Elektronik auch "ein wenig" mit – ohne Wankreduzierung dürfte sich in schnellen, scharfen Kurven das Sicherheitsgefühl drastisch verringern. Die Kraftentfaltung ist BMW-typisch beeindruckend gleichmäßig: Nahezu über das gesamte Drehzahlband entfaltet der V8 seine Durchschlagskraft. Und dank des Allradantriebs mit erst spät zugeschalteten Vorderrädern kommt es selten bis gar nicht zu ungeliebten Untersteuer-Attacken – es sei denn die Kurve ist einfach viel zu eng. Motor, Fahrwerk und Lenkung sind – zum Fahrzeug passend – die absolute Wucht. Der 2,4-Tonnen-BMW lässt sich tatsächlich annähernd wie ein viel zu großer und schwerer Sportwagen mit höhergelegtem Cockpit über die Landstraßen bewegen. Allerdings zeichnet sich schon jetzt auf dem Bordcomputer-Screen ab, dass der angegebene Durchschnittsverbrauch von 13,9 Litern wohl eine dicke Illusion bleiben wird. Und der nahende Autobahn-Sprint wird´s nicht besser machen.
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- Nicht selbstbewusst, sondern realistisch: Mit Driver´s Package rennt der X6 M 276,2 km/h. Der Spritdurst kennt bei solchen Geschwindigkeiten allerdings auch keine Grenzen.
Ölindustrie-Kollaborateur
Denn unser Testwagen hat natürlich das M-Drivers-Package an Bord. Das heißt: 275 km/h Spitzengeschwindigkeit. Also ab auf die linke Spur und Bleifuß. Was dann losbricht, ist mit Worten nur schwer zu beschreiben: Das HUD scheint sich fast zu überschlagen, nach nur knapp 17 Sekunden hat der X6 M die 200 km/h-Marke passiert. Die anderen Verkehrsteilnehmer scheinen schon die Spur zu wechseln, wenn der X6 am Horizont nur in weiter Ferne auftaucht. Allerdings ist diese Ferne auch wirklich nicht von allzu langer Dauer und wer hat schon gerne einen 276,2 km/h schnellen 2,4-Tonner im Heck kleben? Wer Überholprestige sucht, findet im X6 M seinen persönlichen Giga-Goldesel. Das Verhalten des SAC bei Geschwindigkeiten jenseits der 250 km/h ist im Übrigen äußerst stabil und vertrauenerweckend – selbst wenn eine etwas schärfere Autobahnkurve durchdonnert werden will. Das böse Erwachen kommt dann nach der High-Speed Attacke an der Tankstelle: im Schnitt genehmigte sich der X6 M knapp 25 Liter Super Plus auf 100 Kilometer während unseres Praxistests – also rund elf Liter mehr als angegeben. Wobei im EU-Drittelmix wohl auch keine Fahrten jenseits der 250 km/h enthalten sind. Trotzdem scheint der angegebene Durchschnittsverbrauch eher utopisch, selbst bei gemäßigter Fahrweise fließen im Schnitt mindestens 16 Liter durch die gierigen Adern des X6 M.
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- Respekteinflößend: wer diese Front im Rückspiegel sieht, räumt in der Regel freiwillig und schnellstmöglich das Feld. Cayenne Turbo S-Fahrer gehören zu den Wenigen, die das Duell suchen könnten.
Öko-Tyrann
Totalitär ist der Turbo-Tonner dennoch ohne Zweifel: In seiner Klasse ist der X6 M auch nach zwei Jahren Bauzeit immer noch absolut beherrschend. Fahrdynamik, Motor, Bremsen, Luxus-Gimmicks und Überholprestige zum Abwinken erheben ihn seit 2009 zum Diktator im Luxus-SUV-Segment. Inzwischen steht allerdings der Porsche Cayenne Turbo S bereit, den Diktator zu stürzen, um seine eigene Despoten-Herrschaft zu etablieren. Es wäre also durchaus an der Zeit nachzulegen, liebe M-Ingenieure!
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- 121.000 Euro kostet unser Testwagen. Noch dazu tötet er die Umwelt. Trotzdem hat er uns ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Was die Finanzen angeht, ist der BMW X6 M der reine Wucher in allen Belangen, egal ob es nun um Steuer, Versicherung, Verbrauch, Unterhalts- oder Anschaffungskosten geht. Und er ist mit 325 g CO²-Ausstoß ein absoluter Klimakiller. Aber das Schöne an diesem Münchener Untier ist: Er gefällt sich in seiner Rolle als diktatorischer Koloss und macht keinen Hehl aus seiner Unnötigkeit. Lieber ergeht er sich in Dekadenz und vermittelt Fahrfreude auf seine ganz eigene, sehr brachiale, leider aber auch ein wenig synthetische Weise. Die vielen elektronischen Helfer werden einem „M“ – oder zumindest dem, was die Jünger dieses Buchstabens unter ihm verstehen – eigentlich nicht gerecht. Bleifuß-Fetischisten und SUV-Liebhaber mit Hang zu gewichtiger Dekadenz, werden jedoch ihre helle Freude am Fahren haben. Vielleicht sollte die Linkspartei auch dem BMW X6 M zum Jubiläum einen offenen Dankesbrief zukommen lassen – verdient hätte er es allemal für den Spaß, den er uns bereitet hat!

