Baden bebt: 75 Jahre Hockenheimring

2007 ist das Jahr der Rennstreckenjubiläen. Im ersten Teil unserer Serie: Die 75-jährige Historie des Hockenheimrings. ( , 01.01.2009)

Hockenheim: Eine verschlafene badische 38.000- Seelen-Stadt, südlich von Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg gelegen. Neben Zigarren und Spargel hat die Stadt vor allem eines bekannt gemacht: Der Motorsport. Seit 1932 knattern dort die Motoren, liefern sich die Helden auf zwei und vier Rädern heiße Duelle. Motorvision blickt im ersten Teil der Jubiläums-Serie auf die 75-jährige Historie des Hockenheimrings zurück.

Anfang der Dreißiger Jahre zählt die Gemeinde Hockenheim nur rund 9.000 Einwohner. Doch schon damals grassiert das Motorsportfieber im kleinen badischen Städtchen. Schnell reift der Plan, eine Rennstrecke zu bauen. Eine Gruppe um den 1931 gegründeten Motorfahrer Club Hockenheim und Initiator Ernst Christ stampft die Strecke in Rekordzeit aus dem Boden. Rund 100 Arbeitslose beginnen im März 1932 mit den Bauarbeiten und errichten einen zwölf Kilometer langen Dreieckskurs aus Waldwegen und Ortsstraßen. Anfangs ist der Kurs nicht mehr als ein Provisorium: Das Budget reicht nicht, um die gesamte Strecke zu asphaltieren.In den Anfangsjahren messen sich ausschließlich Motorradfahrer auf der neu errichteten Strecke, Mercedes-Benz nutzt sie zudem als Teststrecke. Schon am 29. Mai 1932 startet das erste Rennen vor rund 45.000 Zuschauern. Erster Sieger ist der damals 20-jährige Wilhelm Nerz – ein späterer NSU- Werksfahrer, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Rennleiter eine wichtige Rolle spielen sollte. Bereits 1938 wird die Strecke umfassend modifiziert: Die Hockenheimer Piste, von nun an „Kurpfalzring“ genannt, ist jetzt ein 7,7 Kilometer langer Ovalkurs und gilt seinerzeit als schnellste Strecke Europas. Nach wie vor finden in erster Linie Motorradrennen statt, wobei im Gegensatz zu heute gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird.

Hockenheim 1938
Hockenheim 1938

Wechselvolle Nachkriegs-Ära

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sind es die Zweiräder, welche die Massen ins Badische locken. Das erste Nachkriegs-Rennen startet 1947, allerdings ohne Beteiligung ausländischer Fahrer. Erst 1951 werden die Rennen wieder international, 1957 ist Hockenheim gar der Schauplatz des Großen Preises von Deutschland für Motorräder. Im Wechsel mit dem Nürburgring findet der deutsche Motorrad-Grand Prix bis in die Neunziger Jahre in Hockenheim statt. 1988 gesellt sich eine weitere Zweirad-Klasse dazu: Die Piloten der Superbike-WM startet erstmals in der badischen Kleinstadt.Der Hockenheimring hat sein Gesicht seitdem deutlich verändert. Hauptgrund für das umfassende Facelift ist der Bau der A6 zwischen Mannheim und Heilbronn, der die Strecke auf Höhe des damaligen Start/Ziel- Bereiches zerschneidet. Doch die Hockenheimer kämpfen um ihre Strecke, der Bund, das Land Baden-Württemberg und zahlreiche Unternehmen investieren viel Geld, um dem Rennkurs ein modernes Antlitz zu verpassen. 1966 ist es schließlich soweit: Das Motodrom, in dem sich ein enges Asphaltband zwischen massiven Betontribünen hindurchschlängelt, feiert seine Eröffnung. Damit entsteht die nur 2,6 Kilometer lange Kurzanbindung, die für fast alle Fahrzeugklassen genutzt wird. Doch die Boliden der Formel 1 sowie die GP- und Superbike-Motorräder liefern sich nach wie vor heiße Windschattenduelle auf den langen Geraden, die draußen im Wald durch die Ostkurve verbunden sind.

Hockenheim 1966
Hockenheim 1966

Jim Clark: Tot, aber unvergessen

Leider ist der erste Höhepunkt ein negativer: Am 7. April 1968 verunglückt der zweifache Formel 1-Weltmeister Jim Clark tödlich. Bei einem Formel 2-Rennen kommt sein Lotus vermutlich nach einem Reifenschaden von der Strecke ab und prallt gegen einen Baum. Erst seit diesem tragischen Ereignis umrandet eine Leitplanke die Strecke. Trotzdem bleibt der Highspeed-Kurs eine gefährliche Angelegenheit für die Fahrer. Bei ihren Windschattenschlachten erreichen sie wahnsinnige Geschwindigkeiten, während direkt neben der Piste Baum an Baum steht. Als Konsequenz entstehen später drei Schikanen, von denen die erste nahe des Unfallortes „Jim Clark Kurve“ genannt wird. Heute erinnern ein Denkmal und das „Jim Clark Revival“, eine Veranstaltung für historische Rennwagen, an das tragische Ereignis.Am 2. August 1970 gastiert erstmals der Formel 1-Zirkus in Baden. In einem dramatischen Rennen siegt der Österreicher Jochen Rindt (Lotus) vor dem Ferrari-Piloten Jacky Ickx. Es soll vorerst ein einmaliges Gastspiel bleiben – bis 1976 findet der Große Preis von Deutschland auf der Nürburgring Nordschleife statt. Anstelle der F1-Boliden liefern sich Touren- und GT-Sportwagen begeisternde Rennen. Hans-Joachim „Strietzel“ Stuck, Jochen Mass, Rolf Stommelen und Klaus Ludwig fahren sich als Piloten der Deutschen Rennsportmeisterschaft in die Herzen der Fans. Die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft DTM gastiert in ihrer Blütezeit sogar zweimal im Jahr auf dem Hockenheimring. Bis heute findet in Baden traditionell der letzte Saisonlauf statt. In den Achtziger Jahren wird es noch spektakulärer: Erst gastieren wie wuchtigen Can Am-Renner in Baden-Württemberg, später die Sportwagen-Prototypen sowie Gruppe C-Boliden und schließlich sogar Dragster, die ihre Beschleunigungsduelle ab 1989 auf einer eigenen Viertelmeile-Strecke austragen.

Hockenheim 1970
Hockenheim 1970

Schumis Stern geht auf

Nach Niki Laudas Feuerunfall und dem anschließenden Fahrerboykott hat die „Grüne Hölle“ ab 1976 als Formel 1-Piste ausgedient, der Tross kehrt in die Kurpfalz zurück. Bezeichnenderweise siegt der Österreicher beim Hockenheim-Comeback im Jahr 1977. In den Achtziger Jahren beherrschen die brasilianische Formel 1-Piloten die Szenerie. Nelson Piquet siegt 1981, 86 und 87, Ayrton Senna schafft zwischen 1988 und 1990 den Hockenheim-Hattrick. Dann geht der Stern eines gewissen Michael Schumacher auf: „Schumi“ siegt 1995 als erster Deutscher beim Heim-Grand Prix in Hockenheim, wiederholt den Triumph dreimal und steigt mit insgesamt vier Siegen zum Hockenheim-Rekordsieger auf. Den letzten Erfolg holt der Kerpener in seiner Abschiedssaison 2006.Zu diesem Zeitpunkt hat der Hockenheimring mit dem ursprünglichen Highspeed-Kurs von einst nur noch wenig gemein. Zwar hat das Motodrom bis heute überlebt, doch die Waldpiste hat seit 2002 ausgedient. Stattdessen führt die so genannte Parabolika zur Haarnadelkurve, wo inzwischen die spannendsten Überholmanöver stattfinden. Leider hat das von Bernie Ecclestones Hausdesigner Hermann Tilke umgesetzte Projekt soviel Geld verschlungen, dass der Hockenkeimring danach in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Die Insolvenz hat man zwar abwenden können, doch das inzwischen defizitäre Formel 1-Rennen findet jetzt nur noch alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Nürburgring statt. Trotzdem blickt man in Baden zuversichtlich in die Zukunft - ohne natürlich die eigene Historie zu vergessen: Vom 26. bis 29. Juli findet die große Jubiläumsveranstaltung am Hockenheimring statt.

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