Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, dass der Audi Quattro den Sportwagenbau revolutioniert hat. In diesem Jahr feiert der ewig junge Allrad-Vorreiter seinen 30. Geburtstag. Motorvision gratuliert und würdigt die kantige Coupé-Ikone. (Thomas Harloff , 24.06.2010)
Allrad – nur etwas für Geländewagen? Mitnichten!
Allradantrieb – die Technik, die heute in fast jeder Fahrzeugklasse zum Einsatz kommt, ist bis in die späten 70er Jahre hinein schweren Geländewagen vorbehalten. Auf die Idee, die Vorteile dieser Technik in einem Auto zu nutzen, das ausschließlich auf asphaltierten Straßen zum Einsatz kommt, kommt seinerzeit niemand. Erst 1977 entschließt sich Audi, Pionierarbeit auf diesem Gebiet zu leisten. Die Ingenieure nehmen einen Audi 80, verpassen ihm den Fünfzylinder-Turbomotor aus dem 200er und kombinieren das Ganze mit dem Allradantrieb des – kein Witz – VW Iltis.
Erster Allrad-Sportwagen der Geschichte
Was die Iltis-Technik kann, beweist sie Anfang des Jahres 1980: Freddy Kottulinsky gewinnt die Rallye Dakar. Kurze Zeit später macht Audi Nägel mit Köpfen und präsentiert auf dem Genfer Autosalon den Urquattro. Die Karosserie des Audi 80 ist durch ein kantiges Coupé-Kleid mit dicken Backen ersetzt worden. Die Technik des Versuchsträgers hat Ingenieure und Vorstand so überzeugt, dass es bei der Architektur bleibt: Vier angetriebene Räder, Fünfzylinder-Turbomotor mit gut zwei Litern Hubraum – die Eckdaten des ersten Allrad-Sportwagens der Autogeschichte.
Erste Gehversuche auf unbefestigtem Terrain
Die Quattros sollen jedoch nicht nur auf der Straße überzeugen. Um zu zeigen, was die Technik wirklich kann, startet Audi ein groß angelegtes Rallye-Engagement. Bevor das Auto offiziell homologiert ist, startet er als Vorauswagen bei der Rallye-Portugal im Oktober 1980. Hannu Mikkola fährt also außer Wertung, hätte die Rallye mit 24 Bestzeiten auf 30 Wertungsprüfungen aber locker gewonnen. Den ersten offiziellen Einsatz hat der Rallye-Quattro im Januar 1981: Der österreichische Werksfahrer Franz Wittmann siegt bei der schneereichen Jännerrallye in seiner Heimat. Wittmann gewinnt jede einzelne Wertungsprüfung – der Quattro ist bereit für die Weltmeisterschaft.
Erstes Ausrufezeichen im Rallyesport
Bei der Rallye Monte Carlo findet der erste Auftritt eines Rallye-Quattro auf der ganz großen Bühne statt. Der Allrad-Renner mit Mikkola am Steuer schockt die nach wie vor heckgetriebene und meist Mittelmotor-befeuerte Konkurrenz und holt sich eine Bestzeit nach der anderen. Mikkola scheidet später zwar nach einem Unfall aus, hat aber ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Ein zweites folgt bei der Rallye San Remo, die für Audi nicht nur den ersten Sieg in der Rallye-WM mit sich bringt, sondern auch den ersten Rallye-Triumph eines Damen-Teams: Michele Mouton und Fabrizia Pons dominieren den Lauf in der Toskana nach Belieben und zeigen ihren Konkurrenten, wie man mit einem Rallyeauto umzugehen hat.
Der totale Triumph für Audi
Mikkola gelingt 1983 der erste Fahrertitel im Audi Quattro. 1984 sollen beide Titel nach Ingolstadt, weshalb endlich Walter Röhrl zum Audi-Team stößt. Der Lange gewinnt auch gleich seinen ersten Lauf, die Rallye Monte Carlo. Blomqvist und Mikkola belegen die Plätze zwei und drei – der totale Triumph für Audi. Wie auch die komplette Saison. Im Jahr, in dem der Sport Quattro debütiert, sichert sich Blomqvist den Fahrer-, sein Rennstall den Marken-Titel. Das jedoch nicht wegen, sondern trotz des neu eingesetzten Sport Quattros. Der Kurze ist nicht ausgereift, Röhrl ärgert sich allzu oft mit technischen Kinderkrankheiten und dem nervösen Fahrverhalten des Sport Quattros herum. Blomqvist setzt dagegen auf den zuverlässigen „langen“ Quattro – und hat letztlich Erfolg damit.
Sport Quattro – das teuerste Serienauto Deutschlands
Der Audi Sport Quattro in der Straßenversion hat seinen ersten großen Auftritt auf der IAA 1983. Es entstehen zwar 220 frei verkäufliche Exemplare, jedoch nur aus einem Grund: Audi muss eine Straßenvariante auf die Räder stellen, um die Homologation für die Gruppe B zu erlangen. Im Dezember 1984 beginnt die Auslieferung an Kunden, die vorher bereit waren, 195.000 Mark zu bezahlen. Das bringt dem Kurzen den Titel des teuersten deutschen Serienautos seiner Ära ein - ein Porsche 911 Turbo kostet seinerzeit nur etwa die Hälfte. Der Dreiliter-Turbo-Fünfzylinder leistet im Serienzustand 306 PS, die Rallyeautos bringen es in den Glanzzeiten der Gruppe B auf Leistungswerte über 500 PS.
Ein Provisorium gegen Rennmaschinen
Diese Glanzzeiten vermag der Sport Quattro leider nicht entscheidend mitzuprägen. Die Konkurrenten, vor allem der Peugeot 205 Turbo 16 und der Lancia Delta S4, sind konsequent auf ihren Einsatzzweck hin entwickelt worden und deshalb überlegen. Dagegen wirkt der Sport Quattro S1 wie ein eilig zusammengebasteltes Provisorium. Einen Sieg kann Röhrl im S1 noch erringen, 1985 bei der Rallye San Remo. Als für die Gruppe B nach mehreren schweren Unfällen 1986 die letzte Stunde schlägt, sind auch Audis Tage in der Rallye-WM gezählt. Michele Mouton und Walter Röhrl schaffen zwar noch aufsehenerregende Siege und Rekorde beim legendären Pikes Peak Hill Climb, doch Audis Motorsportabteilung muss sich von da an mit Rundstreckenrennen auseinandersetzen. Auch hier mit Quattroantrieb, doch als Basisautos dienen andere Modelle.
Wegbereiter für R8, Gallardo und Co.
Heute kann der Urquattro für sich in Anspruch nehmen, den Weg bereitet zu haben. Letztlich auch für heutige Traumautos vom Schlage eines Porsche 911 Turbo, Audi R8 oder Lamborghini Gallardo. Wichtiger als der durchaus beachtliche Verkaufserfolg des Quattro, von dem in rund elf Jahren Produktionszeit immerhin knapp 11.500 Exemplare verkauft worden sind, ist dagegen der von ihm verursachte Imagewandel. Audi war nicht mehr nur die Langweiler-Marke, sondern hatte auf einmal – auch durch die Rallye-Erfolge – einen sportlichen Anstrich bekommen. Deshalb sagt die Motorvision-Redaktion von ganzem Herzen: Glückwunsch zum Geburtstag, Audi Quattro.