„Alles glänzt, so schön neu“ – Fahrbericht Tesla Roadster Sport

Es passiert eher selten, dass sich Gegensätze zu etwas Untrennbarem vereinen. In zwei Fällen ist es perfekt gelungen: Rapmusik und Streichinstrumente passen so gut zusammen wie Öko und Fahrspaß. Ein Erlebnisbericht, inspiriert von Peter Fox und dem Tesla Roadster Sport. (Thomas Harloff , 26.02.2010)

„Bereit die Welt zu retten, auch wenn das vielleicht zu viel gewollt ist“

​Tesla Motors ist eines dieser Start Up-Unternehmen, wie sie typisch sind für den Technikstaat Kalifornien. 2003 im Städtchen San Carlos gegründet, glauben einige wohlhabende Visionäre an das Projekt „Öko-Sportwagen“. Weil sie überzeugt sind, dass Autofahren auch ohne spritvernichtenden Verbrennungsmotor Spaß machen kann. Im März 2008 erblickt der erste Serien-Roadster das Licht der Welt, seitdem steht der Name Tesla für die Machbarkeit grüner Mobilität. Während sich die etablierten Autohersteller für wenig konkrete und meist nur als Messedeko vorgesehene Konzeptstudien feiern lassen, bringt das Unternehmen mit nur rund 450 Mitarbeitern ein reines Elektroauto auf die Straße. Einfach so. Für jeden käuflich, wenn er es sich leisten kann.

Tesla Roadster Sport - Aufladen blau
Hat man das Ladekabel an den Tesla Roadster Sport angedockt, blinkt es blau, während sich Auto und Ladestation verbinden...

„Bin das Update, Peter Fox 1.1“

Obwohl es schwerfällt, muss ich zugeben: Auch ich dachte, dass Fahrspaß ohne den richtigen Motor- und Auspuffsound nicht aufkommen kann. Hielt das für ein Gesetz, dass mir von den Porsches, Corvettes und BMWs dieser Welt über Jahre eingetrichtert worden ist. Doch ich bin lernfähig und lasse mich gern überzeugen, weshalb jetzt auch die Probe aufs Exempel ansteht. Da ich reichlich Benzin (oder vielleicht bald Strom) im Blut habe, will ich mich gleich an den Tesla Sport wagen. 215 kW (288 PS nach alter Lesart) und 400 Nm verteilt auf ein Leergewicht von nur gut 1,2 Tonnen – gibt es genug Steckdosen an der Rennstrecke?

Tesla Roadster Sport - Alles offen
Wenn man beim Tesla Roadster Sport alle Hauben und Türen öffnet, steht er da wie ein Rennwagen. Bei der Performance passt das ja sogar.

„Wenn´s Dir nicht gefällt, mach´ neu“

Der Showroom in der Münchner City ist seit September 2009 geöffnet. Er ist schlicht eingerichtet, aufgeräumt und übersichtlich. Zudem stehen zwei fertige Roadster und ein karosserieloses Anschauungsobjekt darin. Die Mitarbeiter sind nicht wie ihre Kollegen, die Autos der 100.000 Euro-Liga verkaufen. Sie sind freundlich, locker, aufgeschlossen, sofort zum Benzin…, sorry, Stromgespräch bereit. Bei Tesla ist man erfrischend bescheiden, aber überzeugt vom eigenen Produkt. Auch Craig Davis, Teslas Sales & Marketing Director in Europa, ist vor Ort. Wie zum Auto passend, kommt er mir energiegeladen entgegen und gibt bereitwillig Auskunft über den Roadster, die Firma Tesla und das Thema E-Mobilität im Allgemeinen. Damit ich nicht den Fehler mache, Bescheidenheit mit Tiefstapeln zu verwechseln, gibt er mir einen Spruch mit auf den Weg: „Ein Tesla ist mehr als ein Fahrzeug – er ist ein Zeichen für eine neue Ära.“ Große Worte eines kleinen Mannes, doch schon bald ist mir klar, was er damit meint.

Tesla Roadster Sport - Seite
Leider waren die Testbedingungen nicht optimal, Motorvision hat sich dem Tesla Roadster im Schneetreiben gewidmet.

„Kerngesund, durchtrainiert, Weltmeister im Schach und Boxen“

Geduldig erklärt Craig das Auto, den Tankvorgang, die Besonderheiten. Die ersten Kilometer sitzt er auf dem Beifahrersitz, gibt ein paar Tipps und erzählt die eine oder andere Anekdote. Er hat offensichtlich schnell Vertrauen geschöpft, ich darf den Roadster gleich mitnehmen. Auf dem Weg durch den Münchner Berufsverkehr wird schnell klar, wie verwöhnt man doch inzwischen ist. Der Roadster Sport hat nämlich keine Servolenkung. Also wie früher: Stets männlich beide Hände ans Lenkrad gepackt und um die Ecken schön den Bizeps trainieren. Dafür ist die Lenkung so direkt übersetzt, dass das fehlende Hilfsmittel bald nur noch beim Rangieren auffällt.

Tesla Roadster Sport - Schriftzug
Motorvision hat sich natürlich nicht mit dem Tesla Roadster in der Standard-Ausführung begnügt, sondern war in der Sport-Version als Signature 250-Edition unterwegs

„Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein“

Anfangs ebenso ungewohnt: Die enorme Bremskraftunterstützung, die durch die Rekuperation erzeugt wird. Im Schiebebetrieb wird soviel Energie in die Batterien zurückgebracht, dass man praktisch nur Bremsen muss, wenn die rote Ampel zum Stehenbleiben mahnt. Normales Verzögern funktioniert durch Gaswegnahme – und das so gut, dass es mir kurze Zeit später schon normal vorkommt. Der wichtigste Unterschied betrifft aber den Sound. Von außen hört man gar nichts, hab ich mir sagen lassen. Innen das Surren des E-Motors – wie in der S-Bahn. Dezent zwar, aber laut genug, um das Tempo spüren zu können. Dafür sind all die Geräusche, die sonst vom Motor überlagert werden, viel präsenter. Blinker, Wind, von den Reifen aufgewirbeltes Regenwasser, alles wirkt lauter als sonst. Manch einem könnte es auf Dauer zu eintönig werden, aber Tesla hat ja eine anständige Soundanlage eingebaut. Die Peter Fox-CD eingeschoben, ordentlich aufgedreht und mitgegrölt – akustisch nicht unbedingt schlechter als ein brabbelnder V8.

Tesla Roadster Sport - Aufladen 1
In der Tesla-Werkstatt dauert ein Ladevorgang rund 3,5 Stunden, am normalen Industriestecker etwa acht. Und es geht kinderleicht, wie Tesla-Mitarbeiterin Sarah Zimmermann demonstriert.

„Ich will abshaken, feiern, doch mein Teich ist zu klein“

Innenstadt schön und gut. Der Tank ist – och menno! – die Batterien sind gut gefüllt, die Autobahn ruft. Als das Tempolimit aufgehoben wird, bricht das Gewitter los. Lautlos, aber heftig. Sehr heftig. In Rekordzeit werden die gelben Lichter im Rückspiegel kleiner, kommen die roten von vorn immer näher. Noch geiler – ja, das ist das richtige Wort! – ist der Ampelstart bei freier Strecke. Für das wohlige Kribbeln in der Magengegend, das sich bei den Raketenstarts einstellt, fallen mir dutzende Vergleiche ein – die meisten davon sind nicht jugendfrei. Es gibt keine Schaltpausen – der Tesla Roadster hat nur einen Gang und zieht einfach durch. Wenn man will bis 14.000 Umdrehungen und 200 km/h Topspeed.

Tesla Roadster Sport - Kühlung
Unter der Fronthaube des Tesla Roadster Sport verbergen sich einige Nebenaggregate, Flüssigkeitsbehälter und die Kühler für den E-Antrieb

„Ein Biest lebt in deinem Haus. Du schließt es ein, es bricht aus“

Und dann das Handling, das trotz gut 300 Kilo Mehrgewichts das Basismodell Lotus Elise klar erkennen lässt. Zackiges Einlenken, absolut neutrales Fahrverhalten, verzögerungsfreie Gasannahme, geniale Traktion. Verdammt noch mal, das ist kein Ökoauto, das ist ein Sportwagen! Ein Racer, der zufällig Strom statt Super Plus tankt.

Tesla Roadster Sport - Kofferraum
Wer effizient packen kann, ist klar im Vorteil: Mit dem "Lade-Werkzeug" passen vielleicht zwei Reisetaschen in den Kofferraum des Tesla Roadster

„Mein altes Leben schmeckt wie 'n labbriger Toast“

Als sich leise das „Will ich haben!“-Gefühl einstellt, kommt mir der Preis in den Sinn: 108.000 Euro netto für den Roadster Sport in der von uns gefahrenen „Signature Edition“! „Alles glänzt, so schön neu“ – das gilt leider nur für Besserverdiener. Aber klar, Teslas Pionier- und Entwicklungsarbeit will schnell refinanziert werden, um schon 2011 das uneingeschränkt praxistaugliche und deutlich günstigere Model S anbieten zu können. Deshalb nutze ich die Zeit, die ich mit dem Tesla Roadster habe. Die Akkus haben noch genug Saft, die Tour darf noch ein wenig dauern. Und als ich die Steckdose ansteuere, färbt sich der Himmel über München schon wieder langsam von Schwarz zu Blau…

Ich bin bekehrt. Das schreibe ich als jemand, der an kaum etwas anderes als an den Benzin-Gott glaubt – jedenfalls im religiösen Sinne. Der Tesla Roadster Sport macht ohne Ende Spaß, vermittelt ein pures Fahrgefühl und geht wie die Hölle. Wenn man ehrlich ist, schränken selbst die Reichweite, die je nach Fahrweise zwischen 150 und 400 Kilometern liegt, und das Laden der Akkus die Alltagstauglichkeit nicht wirklich ein. Eine Industrie-Steckdose vorausgesetzt, sind die Batterien nach acht Stunden wieder voll – schnell genug, um ihn während der Arbeit oder über Nacht ans Netz zu hängen. Okay, für die große Reise taugt er nicht, aber dafür wäre auch die Lotus Elise konzeptbedingt nicht die erste Wahl. Also, liebe Millionäre, die ihr nach Porsche, Ferrari oder Lambo Lust auf was Neues habt: Probiert ihn aus, latscht aufs Gaspedal und grinst so breit, wie ihr es schon lang nicht mehr getan habt – auch wegen Eures reinen Umweltgewissens.

KOMMENTARE
Ähnliche Artikel

Platz 12: Die E-Elise - Fahrbericht Tesla Roadster

Motorvision präsentiert: Die Top 20 des Auto- und Motorradjahres 2008. Die erste Fahrt im Tesla Roadster, in unserem Ranking auf Rang 12 platziert, zeigt: Ökologisch korrektes Autofahren kann auch Spaß machen. Dabei ist der Tesla kein Hybrid mit zusätzlichen Verbrennungsmotor, sondern ein reinrassiges Elektro-Auto.

Tesla Roadster 2.5

Tesla kleidet den Roadster neu ein

Neues Outfit, weitere Ausstattungsdetails, technische Optimierungen: Tesla verabreicht dem Roadster nach knapp zweieinhalb Jahren Bauzeit ein umfassendes Facelift.

eRUF Greenster: Der Elektro-Porsche geht in Serie

Porsche-Veredler RUF meinst es ernst mit seiner Idee des Elektro-Sportwagens auf Porsche 911-Basis. Der eRUF Greenster nimmt die ab 2010 geplante Kleinserie vorweg und erinnert optisch an die klassischen Targa-Modelle.

Neuer Öko-Porsche aus dem Allgäu

Porsche hat nicht den besten Ruf in Sachen Umweltverträglichkeit und Verbrauch. Doch lassen sich sportliche Fahreigenschaften und niedrige Emissionswerte überhaupt vereinen? Ja, wie Tuner Ruf mit dem Modell A beweist.

Update Tesla Model S

Tesla Model S in Detroit

Auf der Detroit Auto Show zeigt Tesla ein völlig blankes Exemplar seiner Elektro-Sportlimousine Model S. Der saubere Musterknabe macht Fortschritte.
Ähnliche Videos

VW Fox 1.4 TDI vs. Fiat Panda 1.3 Multijet

Vergleichstest zweier Kleinwagen mit Dieselmotor: VW Fox 1.4 TDI und Fiat Panda 1.3 Multijet.

Mini E

Mit dem Mini E blickt die BMW-Tochter in die automobile Zukunft. Doch wie alltagstauglich ist der Elektro-Knirps? Motorvision hat es getestet.

20 Jahre Wiedervereinigung: 1. Teil des DDR-Specials auf www.motorvision.de

Das Museum "Zeitreise" in Radebeul: Zusammen mit DDR-Motorsportlegende Peter Melkus lässt Motorvision die Autogeschichte des Ostens wieder aufleben.

Audi Sport Quattro S1

Im Rallye-Audi über die bekannteste Prüfung des Rallye-Monte Carlo: Stig Blomqvist prügelt den legendären S1 über den Col de Turini.

Tracktest Mitsubishi Evo X

Auf dem alten Tracktest war der Mitsubishi Evo stets vorn mit dabei. Gilt das auch auf dem neuen Kurs mit der zehnten Generation? Patrick Simon zeigt es Ihnen.

Ferrari 250 GTE

Der wunderschöne Viersitzer gilt eigentlich als rennstrecken-untauglich. Motorvision jagt den Ferrari 250 GTE trotzdem über den Nürburgring.
MOTORVISION AUF FACEBOOK
AKTUELLES VIDEO
Der neue VW CC
FACEBOOK EMPFEHLUNGEN
BILDERGALERIEN