Teamwechsel als letzter Strohhalm
Er hat es schon wieder getan. Zum achten Mal. In Folge. Letztlich ist es knapper denn je, aber Sébastien Loeb beendet die WRC-Saison 2011 mal wieder als Weltmeister. Damit hat er nicht nur seinen Teamkollegen und designierten Nachfolger Sébastien Ogier demoralisiert und aus der Citroen-Mannschaft gejagt, sondern einen wahren Umwälzungsprozess im Fahrerfeld in Gang gesetzt. Nach dem Motto „wir haben doch schon alles versucht, um diesen alten Franzosen vom Thron zu stoßen“ findet nun ein „Teamchen-wechsel-dich“-Spiel statt. Ob das hilft, um die Eintönigkeit in der höchsten Liga des Rallyesports zu beenden, müssen die nächsten 13 WM-Rallyes zeigen. Aber eins ist sicher: Spannungs- und Unterhaltungspotential bietet auch diese Saison wieder reichlich.
-
- Früher waren sie Gegner, nun kämpfen sie im selben Team um die WM-Krone: Sébastien Loeb (l.) und Mikko Hirvonen spannen 2012 zusammen und bilden das neue Citroen-Dream Team. © CITROEN COMMUNICATION / NICOLAS ZWICKEL
Ogier flüchtet, Hirvonen wagt es
Doch fangen wir beim Champion an. Noch nicht einmal die letztjährige Regel-Revolution mit vollkommen neuen Autos hat die französische Vorherrschaft im internationalen Rallyesport beenden können. Der Wechsel weg von den reinen WRC-Prototypen hin zu getunten Super-2000-Autos hat die Ford-Mannschaft zwar in Schlagdistanz zur Citroen-Truppe gebracht, von der Spitze konnte sie die Franzosen jedoch nicht verdrängen. Aufgrund eines Personalwechsels könnte die Schere 2012 aber wieder weiter aufgehen. Der dreifache und auch letztjährige Vizeweltmeister Mikko Hirvonen schließt sich dem gallischen Team an und ersetzt dort den bisherigen Kronprinzen Ogier, der entnervt und – aus seiner Sicht – perspektivlos den Neuaufbau bei VW der Warteschleife bei Citroen vorzieht. Während sich Ogier also in diesem Jahr der Entwicklung des Polo WRC für 2013 hingibt, sucht Hirvonen seine WM-Chance als Teamkollege von Loeb bei Citroen.
-
- Der ebenso schnelle wie unkonstante Finne Jari-Matti Latvala unternimmt einen neuen Anlauf, den WM-Titel zu erobern. Das Auto hat Titelpotential, der Fahrer eher nicht. Foto: Ford
Latvala und Solberg als Geheimfavoriten
Was auf den ersten Blick reichlich Zündstoff verspricht, ist bei näherer Betrachtung halb so wild. Loeb und Hirvonen mögen sich menschlich, respektieren sich sportlich und werden zusammen ein ebenso schnelles wie erfahrenes Duo abgeben, an dem sich die Konkurrenz die Zähne ausbeißen wird. Zwar hat auch das Ford-Werksteam namhafte Fahrer an Bord, aber WM-Formatbesitzen weder Jari-Matti Latvala noch Altmeister Petter Solberg. Der Finne Latvala hat seine alte Krankheit, starke Platzierungen kurz vor Zieleinlauf mit spektakulären Abflügen wegzuwerfen, zwar eindämmen, aber keinesfalls ablegen können. Will er Champion werden, muss also vor allem fahrerische Konstanz her. In diesem Punkt hat ihm Teamkollege Solberg einiges voraus, allerdings ist der Ex-Weltmeister inzwischen 37 Jahre alt und scheint über seinen Zenit hinaus zu sein. Trotzdem ist nicht ganz auszuschließen, dass der Norweger als reiner Werksfahrer wieder zu Topform aufläuft. In den letzten Jahren wirkte es doch oft so, als verliere sich „Hollywood“ in seiner dreijährigen Doppelrolle als Fahrer und Teamchef. Jetzt sollte der Fokus wieder stimmen, trotzdem ist der zweite WM-Titel für Solberg in weiter Ferne.
-
- Zwei Podiumsplätze bei sechs Einsätzen: Das Mini-Team und Werksfahrer Dani Sordo haben ihre Klasse 2011 schon unter Beweis gestellt. nun will man den Platzhirschen endgültig auf die Pelle rücken. © BMW AG
Auf Mini ist zu achten
Das Mini-Team hat bei seinen sechs Einsätzen in der vergangenen Saison durchaus überzeugt. Zwei Podiumsplätze durch Speerspitze Dani Sordo, der 2012 als Alleinunterhalter auf Punktejagd gehen wird, sind für einen Neueinsteiger aller Ehren wert. Der Spanier ist immer noch recht jung (28 Jahre), kann einige Lehrjahre an Sébastien Loebs Seite vorweisen und genießt das Vertrauen seines Teams. Gut möglich also, dass der von den britischen Motorsport-Koryphäen von Prodrive aufgebaute knallrote Countryman öfter auf dem Podium auftaucht, als es den beiden Platzhirschen Citroen und Ford lieb sein dürfte.
-
- Jewgeni Nowikow bekommt 2012 eine weitere WRC-Chance im Ford-Satellitenteam. Allerdings wird der ungestüme Russe nur ausgewählte Rallyes unter die Räder nehmen. Foto: www.wrc.com / copyright McKlein
Beachtenswerte Jünglinge
Diese treten zusätzlich zum eigentlichen Werksteam jeweils mit einer Kaderschmiede an, um sich junge Nachwuchsfahrer für die Zeit nach Loeb, Solberg und Co. heranzuzüchten. Besonders gespannt darf man auf den Auftritt von Thierry Neuville im Citroen Junior-Team sein. Der 23 Jahre junge Belgier steigt nach einer starken Saison in der zweitklassigen International Rally Championship IRC in die Beletage des Rallyesports auf und wird sicher auf sich aufmerksam machen. Zwei weitere Top-Talente tummeln sich im Ford-Satellitenteam, das nach dem Ausstieg des Hauptsponsors Stobart als „M-Sport Ford World Rally Team“ an den Start gehen wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Supertalent Ott Tänak, der alle Rallyes bestreiten soll. Unterstützt wird der Este von seinem Landsmann, dem ehemaligen WM-Piloten Markko Märtin, der Tänak bislang behutsam aufgebaut hat und ihn nun als reif genug für den WRC-Aufstieg hält. Das andere Cockpit werden sich mehrere Fahrer teilen, darunter der junge Russe Jewgeni Nowikow, der schon oft mit schneller und spektakulärer Fahrweise, aber auch mit heftigen Abflügen auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Verpflichtung des ehemaligen Vizeweltmeisters und inzwischen 49-jährigen Francois Delecour für die Rallye Monte Carlo dürfte nicht mehr als ein Marketing-Gag sein.
-
- Dakar-Held Nasser Al-Attiyah hat nicht nur im Rally Raid-Sport große Erfolge gefeiert. 2009 gewann der Katari die WM der seriennahen Produktionswagen in einem Subaru Impreza. Foto: www.wrc.com / copyright McKlein
Al-Attiyah statt Räikkönen und Block
Apropos: Die ehemaligen Quer- und Hinterherfahrer Kimi Räikkönenund Ken Block haben das WRC-Feld in der kurzen Winterpause verlassen. Der Finne gibt bekanntlich sein Formel 1-Comeback bei Lotus, Blocks weitere Motorsportpläne sind bislang noch nicht bekannt. Allerdings wird der amerikanische Schuhfabrikant und Gymkhana-Künstler sicher bald wieder auf Youtube auf sich aufmerksam machen. Den Verlust der beiden wenig erfolgreichen Publikumslieblinge soll jedoch ein weiterer Motorsport-Held auffangen. Nasser-Al-Attiyah, der als Titelverteidiger eine enttäuschende Dakar 2012 erlebte und wegen der Wüstenrallye den Saisonauftakt in Monte Carlo verpasst, besetzt ab der zweiten Saisonstation in Schweden ein drittes Werks-Cockpit im Citroen-Team. Al-Attiyahs Saisonhighlight werden jedoch die Olympischen Spiele in London sein, wo der Katari eine Goldmedaille im Tontaubenschießen holen möchte. In der WRC dürfte das Tempo des Wüstlings allerdings nicht für die Weltspitze reichen. Gleiches gilt für Matthew Wilson, Henning Solberg, Armindo Araujo oder Martin Prokop, die nicht viel mehr tun werden als das Feld aufzufüllen.
-
- Sébastien Loeb feiert 2011 in seinem Citroen DS3 WRC seinen achten WM-Titel in Folge. Nun soll Nummer neun folgen. Dem Franzosen kommt sicher entgegen, dass es mit der Rallye Monte Carlo eine Asphalt-Rallye mehr gibt als zuletzt. © CITROËN COMMUNICATION - MC KLEIN
Eine Asphalt-Rallye mehr als zuletzt
Ohne den in die einjährige Auszeit geflüchteten Ogier droht die WRC-Saison 2012, die neunte Sébastien-Loeb-One-Man-Show in Folge zu werden. Hirvonen fehlt der Biss, Latvala die Konstanz, Petter Solberg (inzwischen) der Speed und Sordo sowie seinem Mini allgemeine Performance, um nach der Krone zu greifen. Zudem spielt Loeb in die Hände, dass in diesem Jahr mit der Monte (wenn nicht zu viel Schnee liegt) sowie den Rallyes in Deutschland, Frankreich und Spanien vier von 13 Events auf Loebs absolutem Lieblings-Terrain Asphalt ausgetragen werden.
Schon am heutigen Mittwoch geht’s los bei der Mutter aller Rallyes, die
einen ersten Fingerzeig liefern wird, ob der Rest des WRC-Feldes auch
2012 wieder nur um den Vizetitel fährt. Wir legen uns fest und meinen:
Loeb tut es zum neunten Mal.

