Die Fünfziger Jahre: Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht Aufbruchstimmung, der Wiederaufbau – nicht nur in Deutschland – ist in vollem Gange. Der Wohlstand wächst, was sich auch im täglichen Straßenbild bemerkbar macht. Das Auto löst Motorrad und Motorroller als die wichtigsten Fortbewegungs- mittel allmählich ab. Hauptgrund dafür sind kleine, genügsame und auf´s Wesentliche beschränkte Modelle wie das Goggomobil, die Isetta oder der NSU Prinz. 1957 präsentiert auch Fiat einen pfiffigen Kleinen: den 500. Damals ahnen die Italiener noch nicht, dass sie damit einen Riesenerfolg und das wohl wichtigste Modell der Firmengeschichte kreiert haben.
Schon der Start ist viel versprechend. Gleich bei seinem ersten Auftritt am 4. Juli 1957 sorgt der „Cinquecento“ für einen großen Menschenauflauf: Eine Karawane von 120 Exemplaren des brandneuen Fiat 500 erstaunt die Passanten in Fiats Heimatstadt Turin. Schnell wird der kleine Italiener zum Star: Regisseur Federico Fellini setzt ihm mit „Roma“ ein filmisches Denkmal. Der Mailänder Erzbischof Giovanni Montini gibt offiziell seinen Segen. Selbst der fünfmalige Formel-1-Weltmeister Juan-Manuel Fangio lässt sich das Erlebnis nicht entgehen, ein paar medienwirksame Runden zu drehen.
Genügsames Familienmitglied
Der wirtschaftliche Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Bald beherrscht der Fiat 500 das Straßenbild in Turin, Mailand, Rom und anderen Städten südlich der Alpen. Schnell erreicht der Fiat 500 jenen Status, den später der VW Käfer in Deutschland erlangen soll: Er mobilisiert eine ganze Nation. Sein sympathisches Erscheinungsbild und seine Vielseitigkeit machen ihn vielerorts zu einer Art Familienmitglied. Seine steile Karriere hat der Fiat 500 neben seinen kompakten Abmessungen (er ist nur 2,97 Meter lang und 1,32 breit) auch seinem günstigen Preis zu verdanken. Anfangs kostet das Wägelchen 465.000 Lire, nach ersten Änderungen ruft Fiat 490.000 Lire, rund 3.000 Mark, auf. Das sind immerhin rund 150.000 Lire weniger als beim größeren Fiat 600.Chefkonstrukteur Dante Giacosa, bereits Schöpfer des legendären Vorgängers Topolino, entwirft den Fiat 500 zunächst als Zweisitzer, um die interne Konkurrenzsituation zum viersitzigen Fiat 600 zu entschärfen. Als Motor kommt ein luftgekühlter Zweizylinder-Zweitakter mit 480 Kubikzentimeter Hubraum zum Einsatz, der aus Platzgründen im Fahrzeugheck werkelt. 13 PS reichen, um den 370 Kilogramm schweren Straßenfloh auf 85 km/h zu beschleunigen. Andere Konstruktionsmerkmale (z. B. Achsen, Bremssystem) erbt der Neuling vom großen Bruder Fiat 600. Dank hervorragender Traktion klettert der Heckmotor-Flitzer trotz bescheidener Leistungsdaten bis zu 23 Grad steile Anstiege hinauf.
Erste Verbesserungen
Doch die Ingenieure haben die Rechnung ohne Italiens Autofahrer gemacht. Sie fordern zusätzlichen Dampf unter der steilen Motorhaube - und mehr als zwei Sitzplätze. Die Entwicklungsabteilung reagiert schnell: Schon im Herbst 1957, wenige Monate nach der offiziellen Präsentation, erhält der Fiat 500 in der Variante „Normale“ (in Deutschland „Luxus“) eine hintere Sitzbank, versenkbare Seitenfenster und 15 PS Leistung. Dadurch steigt die Höchstgeschwindigkeit auf 90 km/h. Ein Jahr später wird der Minimalist gar zum Sportler: Der Fiat 500 „Sport“ leistet dank des auf 499,5 Kubikzentimeter gewachsenen Hubraums 21,5 PS und schafft einen Topspeed von 105 km/h. Äußerlich gibt sich der dynamischste Cinquecento durch seine weiße Lackierung samt roter Streifen und das feste Dach zu erkennen. Offiziell findet das Topmodell nie den Weg nach Deutschland, was ihn heute zu einer begehrten und entsprechend teuren Rarität auf dem Oldtimermarkt macht.Um den langfristigen Erfolg des Kleinen zu sichern, bemüht sich Fiat schnell um eine stetige Modellpflege. 1960 ergänzt eine Kombiversion, traditionell „Gardiniera“ genannt, die Modellpalette. Neben seinem hohen Praxisnutzen (um den Kofferraum zu vergrößern, lässt sich die Rückbank umlegen) überrascht der 500 Gardiniera mit einer technischen Neuerung: Die Ingenieure platzieren das Triebwerk des 500 Sport um 90 Grad zur Seite geneigt als „Unterflurmotor“ unter der Ladefläche. Auch der normale Cinquecento, der jetzt 500 D heißt, bekommt nun den größeren Motor, allerdings in einer wie beim Kombi auf 17,5 PS gedrosselten Variante. Zudem wird der Kleine dank umklappbarer Rücksitze und neuen Ausstattungsdetails (Innenraumleuchte, automatisch rückstellende Scheibenwischer) deutlich praktischer und komfortabler.
Erfolg in der Fremde
Die Verbesserungen lassen den Beliebtheitsgrad des Fiat 500 auch außerhalb Italiens wachsen. Sogar in Deutschland entwickelt er sich zum ernstzunehmenden Konkurrenten der einheimischen Kleinwagenflotte. Auch mit zahlreichen Spezialversionen macht der Fiat 500 von sich reden. Tuner wie Carlo Abarth realisieren knapp 40 PS. Genug, um auf der Rennstrecke zahlreiche Klassensiege zu feiern und Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. In Österreich implantiert Steyr-Puch der 500er Karosserie eigene Antriebseinheiten, die mit auf 660 Kubikzentimeter aufgebohrtem Hubraum sogar über 40 PS leisten. Karosserieschneider wie Autobianchi und Vignale bauen Spider auf 500-Basis. Ghia bestückt die vom Dach komplett befreite Gardiniera mit Gartenstühlen und schickt sie als Taxi in die italienischen Urlaubsorte.Die nächste technische Überarbeitung bedeutet 1965 das Ende eines charakteristischen Merkmals des Fiat 500: Durch geänderte Sicherheitsvorschriften weichen die hinten angeschlagenen und dadurch nach vorne öffnenden Türen konventionellen Pendants. Gleichzeitig werden einige Ausstattungs- und Sicherheits-Details von Ausstattung modifiziert. 1968 erhält die Baureihe mit dem „Lusso“ ein luxuriöses Topmodell. Damit erreichen die Verkaufszahlen nochmals neue Rekordwerte. Anfang der Siebziger Jahre setzt Fiat in Italien jährlich rund 350.000 Exemplare ab. In seiner finalen Version 500 R („Rinnovata“), die 1972 auf den Markt kommt, erhält der Klassiker bereits den Motor des Nachfolgers Fiat 126. Das inzwischen 594 Kubikzentimeter große Aggregat leistet 18 PS und leitet seine Kraft erstmals über ein synchronisiertes Getriebe an die Antriebsräder weiter.
Die Legende kehrt zurück
Nach knapp zwei Jahrzehnten hat der Fiat 500 endgültig Kultstatus erreicht. Bis zum Produktionsende 1977 rollen im Werk Mirafiori am Turiner Stadtrand insgesamt 3.702.078 vom Band. Und nun, zum 50-jährigen Jubiläum, lässt Fiat die Legende wieder aufleben. Am historischen Datum, dem 4. Juli, tritt der Neue an, um die Erfolgsgeschichte nach 30 Jahren Pause fortzuführen.

